Eklat in Kopenhagen: Zusammenarbeit mit dem Choreografen John Neumeier ruht

Der Altmeister des Ballets John Neumeier und die Compagnie des Königlichen Kopenhagener Balletts finden nach der „Othello“-Absetzung keine gemeinsame Sprache.

John Neumeier, Ballettdirektor und Chefchoreograf der Compagnie beim Hamburg Ballett.
John Neumeier, Ballettdirektor und Chefchoreograf der Compagnie beim Hamburg Ballett.dpa/Christian Charisius

Die Szene ist aus dem Zusammenhang gerissen, der sie eigentlich mit mindestens zwei Kunstfreiheitsschutzschichten umhüllt. Denn diese Szene spielt erstens auf der Bühne, wo die Gesetze und Sitten der Welt nicht gelten, und sie gehört auch dort nicht zur fiktiven Wirklichkeit, sind es doch die Bilder eines auf der Bühne geträumten Traums: Es ist der Traum von Desdemona, der Geliebten Othellos in einer Choreografie des 83-jährigen Hamburger Ballettdirektors John Neumeier. Und in diesem Traum tanzt Othello wie ein indigener Krieger.

Nach jahrelanger Blackfacing-Debatte sollte auch Neumeier klar sein, dass selbst eine vielfache Reflexionsebene nicht vor dem Vorwurf schützen kann, verletzende rassistische Klischees zu reproduzieren. Tänzer des Kopenhagener Königlichen Balletts protestierten, das Haus setzte stattdessen Neumeiers „Sommernachtstraum“ auf den Spielplan.

Der Streit war damit nicht beigelegt, wie dpa berichtet. Es muss einen Eklat gegeben haben, als Neumeier vor einer „Sommernachtstraum“-Probe noch einmal seinen Othello verteidigt und dabei von Zensur gesprochen hat. „Ich habe mein Konzept und den dramaturgischen Zweck des ,Wilden Kriegers‘ erläutert und meine Recherchen zu afrikanischen Jagdtänzen, die ich für die Gestaltung dieser Rolle verwendet habe, beschrieben und demonstriert.“ Dass er wiederum damit jemanden verletzt haben könnte, scheint er nicht einmal gemerkt zu haben, er empfand die anschließende Probe als harmonisch.

Von wegen harmonisch!

Am Mittwoch bekam er dann eine Mail, in der das Ballett die geplante Kooperationen absagte, was Neumeier als die Beendigung einer „langen, harmonischen, fruchtbaren und freundschaftlichen“, 60 Jahre zurückreichende Beziehung zum Ballett interpretiert hat, während das Haus lieber von Pause spricht.

Es ist traurig, dass die Generationen einander offenbar nicht verstehen, ärgerlich, dass Institution und Künstler ihre Konflikte nicht intern beilegen können, und es ist eigentlich nicht hinnehmbar, dass das Publikum dafür bestraft wird. Es war ja nicht einmal dabei und würde doch so gern mitreden.