Berlin - In diesen Tagen ist der Roman „Das perfekte Gift“ von Sergej Lebedew erschienen, in dem der Kampfstoff Debütant eine wichtige Rolle spielt. Der lässt an das Gift Nowitschok denken, dessen Name übersetzt etwa dieselbe Bedeutung hat, Neuling nämlich. Lebedew betrat nach seinem Studium der Geologie die Bühne der Literatur mit Büchern, mit denen er die Schichten der russischen und sowjetischen Geschichte erkundet, beginnend 2013 mit dem Gulag-Roman „Der Himmel auf ihren Schultern“. Wir sprachen mit ihm über Nowitschok, dessen russisch-deutsche Wurzeln und über die Aufgaben der Literatur heute.

„Das perfekte Gift“ ist Literatur, eine erfundene Geschichte, aber sie erscheint unangenehm glaubwürdig. Als das Buch auf Russisch erschien, wusste man bereits vom Mordanschlag auf Sergej Skripal 2018. Was haben Sie gedacht, als Sie dann von dem Attentat auf Alexej Nawalny hörten? Fühlten Sie sich als Hellseher?

Meine erste Reaktion war Angst. Wissen Sie, man schreibt so ein Buch und sagt darin dem russischen Geheimdienst nach, solche Attentate zu begehen – das ist die eine Sache. Wenn das dann tatsächlich passiert, ist es beunruhigend, wie gefährlich nah sich Literatur und Realität kommen. Da muss man sich als Autor fragen, wer man ist: Gibt es da eine metaphysische Verbindung, die mich in die Lage gebracht hat, dieses Thema noch einmal festzuhalten und auf seine Bedeutung hinzuweisen? Das war also nicht eine Angst um meine eigene Sicherheit, sondern dieses ungute Gefühl, das einen im Zusammenhang mit übernatürlichen oder transzendentalen Erlebnissen beschleicht. Meine zweite Reaktion war ein Staunen, obwohl es das Wort nicht so richtig trifft.

Sie staunten darüber, was man sich traute, um Nawalny auszuschalten?

Ich muss das etwas ausführlicher erklären. Was wir jetzt an ausgefeilter Arbeit der staatlichen Sicherheitsorgane erleben, das ist schon eine Art von dunkler Kunst. Den Deutschen, besonders denen mit DDR-Erfahrung, wird manches davon durch die Stasi bekannt vorkommen: wie Menschen beunruhigt, ja verrückt gemacht werden, wie mit kleinen Dingen in ihren Alltag eingegriffen wird. Da gibt es Methoden, Situationen als real erscheinen zu lassen, die es nicht sind. So kam es mir dann auch vor.

Das heißt, Sie fühlten eine nicht greifbare Bedrohung?

Alexej Nawalny war im Sommer des vergangenen Jahres eine führende Persönlichkeit in der russischen Oppositionsbewegung. Um ihn gab es schon eine ganze Weile die unsichtbare Gegenwart der Sicherheitsorgane. Aber er hat sich nicht verrückt machen lassen und konnte sich dem bis dahin immer wieder entziehen.

In Ihrem Roman wird das unsichtbar tötende Gift in einem Parfüm-Flakon aufbewahrt. Es gibt eine Gift übertragende Wespe und eine Gebetskette. Im wirklichen Leben, bei Nawalny, war die Unterhose präpariert. Wie fanden Sie das?

Man kann das jetzt natürlich lustig finden, dass es nun ausgerechnet die Unterhose war. Mir ist nicht nach Lachen zumute. Es zeigt ja nur, wie genau überlegt wurde, die Substanz auf die Haut zu bringen. Nötig war eine Oberfläche, die direkt mit dem Körper in Kontakt kommt. Doch die Nachricht, dass Nawalny im Koma liegt, dass er zwischen Leben und Tod schwebt, erreichte mich geradezu physisch, wie ein Schlag, bei dem die Atmung aussetzt: Damit waren die wichtigsten Hoffnungen auf die Zukunft erst einmal wie abgeschnitten. Von diesem Moment an hat sich unsere Realität verändert: Das Spiel zwischen dem Staat und der Opposition ist jetzt ein anderes. Im September 2020 hat eine neue politische Ära für Russland begonnen.

Im Roman ist die Rede von der Angst als dem wirksamsten Gift. Da sehe ich tatsächlich Parallelen zur DDR und zu diktatorisch regierten Staaten heute.

Angst ist weitaus wirkungsvoller als konventionelle Waffen wie Pistolen, im allgemeinen Sinne wie auch im Speziellen als die Furcht vor Gift. Sie schürt Misstrauen bei Menschen, die sich bedroht fühlen. Weil sie so schwer nachweisbar sind, lassen sich Giftanschläge auch zur Propaganda benutzen. Es wird öffentlich angezweifelt, ob die Person wirklich vergiftet wurde, was sich auf die Moral der Leute auswirkt. Bei Nawalny hieß es damals, er sei möglicherweise betrunken gewesen oder habe irgendein Medikament genommen.

Haben Sie selbst keine Angst? Dem russischen Geheimdienst kann nicht gefallen, was Sie schreiben. Wie waren die Reaktionen in Russland auf den Roman?

Das Buch wurde wahrgenommen, es gab einige Rezensionen, erfreulich positive. Als der Anschlag auf Navalny passierte, tauchte es im Schatten dieser Nachrichten noch einmal auf. Aber der russische Staat versucht, solch ein Buch nicht zur Kenntnis zu nehmen. Das ist Literatur. Für mich ist das fiktionale Schreiben wie eine Flucht, die mir Sicherheit gibt. Journalisten, speziell Investigativjournalisten sind viel mehr gefährdet in ihrer Arbeit. Allerdings ist vor zwei Jahren auch der russische Schriftsteller Dmitri Bykow während eines Fluges vergiftet worden, auch er lag einige Tage im Koma. Er hat in seinen politischen Gedichten deutlich auf Putin angespielt, das ist etwas anderes als in meinem Roman ...

... in dem der Name Putin nicht vorkommt.

Stimmt. Sagen wir es so: Ich versuche nicht so viel darüber nachzudenken.

S. Fischer Verlag
Zur Person

Sergej Lebedew wurde 1981 in Moskau geboren, war einige Jahre auf geologischen Expeditionen Zentralasien unterwegs, bevor er zu schreiben anfing – zunächst Gedichte, Essays und journalistischen Texte.
Sein erster Roman „Der Himmel auf ihren Schultern“ stand auf der Longlist des russischen Bestseller-Preises 2011. Es folgten „Menschen im August“ und „Kronos‘ Kinder“. Der Roman „Das perfekte Gift“ ist Ende Juni in der Übersetzung von Franziska Zwerg auf Deutsch erschienen. (S. Fischer Verlag, Frankfurt/M., 256 Seiten, 22 Euro).

Sehen Sie eine Parallele zur Zeit von Glasnost und Perestroika, als Schriftsteller eine wichtige Rolle in der Gesellschaft spielten?

Sie hatten eine wichtige Rolle, ja, aber das war eine öffentliche, unabhängig von ihrer literarischen Arbeit. Auch heute gibt es Schriftsteller, die offene Briefe verfassen oder Petitionen unterschreiben. Aber wenn Sie sich anschauen, welche Bücher in den vergangenen 25, 30 Jahren in Russland erschienen sind, werden Sie denken, wir leben in einem glücklichen Land ohne Probleme. Die Geschichte war schwierig, ja, der Stalinismus ist noch heute Thema in Romanen. Doch dass unser Land in einen Krieg in Tschetschenien verwickelt war, das größte Blutvergießen seit der Stalin-Ära, das hat kaum in ein Buch gefunden. Die meisten Autoren möchten den direkten Kontakt zur Wirklichkeit vermeiden. Ich habe mit „Das perfekte Gift“ versucht, diese Themen zurück in die Literatur zu bringen.

Was meinen Sie mit „zurück“?

Denken Sie an unsere Tradition: Die russische Literatur des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts hat die Ereignisse und den moralischen Zustand der Gesellschaft aufgegriffen, Tschechow, Dostojewski, Tolstoi. Das sind große Namen, vielleicht zu groß für mich, aber ich orientiere mich an diesen Vorbildern.

Was sagen Sie in diesem Zusammenhang zu ihren Kollegen aus Belarus? Von der Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch stammt ein lobendes Zitat auf dem Umschlag Ihres Buches. Sie wohnt zur Zeit in Berlin, Sasha Filipenko befindet sich in der Schweiz.

Swetlana Alexijewitsch ist diejenige unter den russischsprachigen Autoren, die es fast allein übernommen hat, zu den Brennpunkten der Gesellschaft zu gehen und diese Stoffe an die Oberfläche zu holen. Dafür steht ihr ganzes Werk – „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ über den Zweiten Weltkrieg, die „Zinkjungen“ aus Afghanistan, das Tschernobyl-Buch oder „Secondhand-Zeit“ über die postsowjetische Entwicklung. Ich würde sie als meine Lehrerin bezeichnen, nicht in der Art des Schreibens, aber darin, mich auf die wichtigen moralischen Fragen zu konzentrieren und die Verantwortung der Kunst zu erkennen. Mit Sasha Filipenko bin ich befreundet, ich habe ihn gerade besucht. Wir gehören etwa derselben Generation an. Ich schätze seine Bücher „Rote Kreuze“ und „Der ehemalige Sohn“. Es ist immer gut zu sehen, dass man nicht allein ist, dass es Autoren gibt, die Literatur auf die gleiche Art verstehen.

Swetlana Alexijewitsch prägte in „Secondhand-Zeit“ den Begriff vom homo sovjeticus. Ich finde, er passt auch für die meisten Figuren Ihres Romans.

Ja. Sogar das Gift selbst, bei mir heißt es Debütant, in der Wirklichkeit Nowitschok, könnte man als homo sovjeticus bezeichnen. Es wurde in der Sowjetunion entwickelt. Das ist nicht irgendetwas, das heute plötzlich aufgetaucht ist, sondern ein Erbe der Sowjetunion. Auch die Menschen, die es heute benutzen, haben ihre Wurzeln dort. Ich schreibe also über postsowjetische Kreise. Wenn diese Leute nach Europa fahren, sind sie der Meinung, sie kehren zurück, die Tschechische Republik und Ostdeutschland gehörten einst zu ihrem Einflussbereich.

Aus Ihren bisherigen Büchern weiß ich, dass Sie ein spezielles Interesse an Deutschland haben, Sie sind auch nicht zum ersten Mal hier. Erwägen Sie, nach Deutschland überzusiedeln?

Ich habe eine besondere Beziehung zu Deutschland, die mit meiner Herkunft zusammenhängt. Einer meiner Vorfahren ist der Arzt Julius Schweikert aus Leipzig, der in den 1830er-Jahren nach Russland ging, um dort die Homöopathie bekannt zu machen. Er begründete eine deutsch-russische Familie, was aber jahrzehntelang verschwiegen wurde. Es gab Zeiten in der Sowjetunion, da wäre eine deutsche Herkunft sehr gefährlich gewesen. Meine Mutter hat erst 1993 das Geheimnis gelüftet. Für mich war das seltsam, weil ich immer glaubte, nur zu Russland zu gehören, der Gedanke, das Produkt verschiedener Kulturen zu sein, beschäftigt mich nun. Es geht also nicht darum, zu bleiben, sondern darum, mehr zu erfahren, deshalb bin ich jetzt hier und werde auch wiederkommen. Vielleicht schreibe ich eines Tages darüber.

Wenn Sie über die langen und widersprüchlichen Beziehungen – auch auf persönlicher Ebene – zu Russland nachdenken: Sollte die deutsche Seite heute da etwas höflicher gegenüber Wladimir Putin und seiner Regierung auftreten?

Natürlich nicht! Deutschland hat das Recht, Russland gegenüber fest aufzutreten. Diesem Land ist die Transformation eines Teils von einer sozialistischen in eine demokratische Gesellschaft gelungen. Wenn wir zurückkommen zu Alexej Nawalny: Für mich hat sich mit seiner Behandlung in Deutschland ein Kreis geschlossen, der von historischer Bedeutung ist.

Warum?

Nowitschok wurde in einer kleinen russischen Militärstadt namens Schichany im Gebiet Saratow entwickelt. Die Gründung von diesem Schichany als Ort für die Erprobung und Entwicklung chemischer Kampfstoffe war 1927 ein Gemeinschaftswerk der Sowjetunion mit der Weimarer Republik – für die Reichswehr und die Rote Armee. Bis 1933 haben dort deutsche und sowjetische Chemiker zusammengearbeitet. 90 Jahre später haben deutsche Mediziner geholfen, die Gesundheit eines Menschen wiederherzustellen, die von einem der späten Kinder dieses Ortes zerstört worden war. Für mich ist das ein Zeichen von großer Symbolik. Und auch das gibt dem heutigen Deutschland das Recht, standhaft zu bleiben, wenn es um die Durchsetzung der eigenen Verfassungsrechte geht.

Also weniger höflich, eher bestimmt sollte man Russland gegenübertreten.

Ja, manchmal ist da einfach zu viel Diplomatie, zu viel Verständnis für die andere Seite. Putin spekuliert nur auf diese große Rücksichtnahme. Sie wird keine praktischen Ergebnisse bringen, sondern spielt nur in seine Hände. Man kann ihm nicht vertrauen. Doch spreche ich als ein Schriftsteller. Politiker werden Ihnen auf diese Frage antworten, das sei zu extrem, wir brauchen eine gewisse Partnerschaft zwischen unseren Ländern.