Was ist Heimat? Es ist der Ort oder das Land, in dem man aufgewachsen ist oder sich durch ständigen Aufenthalt zu Hause fühlt, sagt der Duden. Forscher von der Jacobs University in Bremen, die im Auftrag von Horst Seehofers Heimatministerium eine Art Heimat-Studie durchgeführt haben, haben nun einiges  herausgefunden, was das Heimatgefühl betrifft: Wer besonders heimatverbunden ist, möchte den erwirtschafteten Wohlstand nach Möglichkeit lieber nicht mit anderen von außerhalb der eigenen Heimat teilen. Und: Heimatverbundenheit geht mit einer hohen Zustimmung zur Demokratie einher. Das Wichtigste ist aber, dass Heimatverbundene von mehr Glück, Lebenszufriedenheit und Optimismus berichten. Für Berliner sieht es da nicht so gut aus, wir rangieren in Sachen Heimatgefühl am unteren Ende der Tabelle.

Berlin ist Migration

Denn für Heimatverbundenheit spielen Bevölkerungsdichte und Wirtschaftsstruktur eine wichtige Rolle, wie die Forscher herausgefunden haben. In urbanen, dicht besiedelten Räumen hat das Heimatgefühl schlechte Chancen. Die Menschen mit der höchsten Heimatverbundenheit leben in der sächsischen Oberlausitz, in den bayerischen Regionen Allgäu und Oberland in den Voralpen, in Südthüringen und in der Gegend um Landshut. Ganz wichtig für die Heimatverbundenheit ist auch eine geringe Mobilität: Je sesshafter desto heimatverbundener.

Kein Wunder also, dass Berlin schlecht abschneidet, leben hier doch massenhaft Zugezogene. Die in Berlin Geborenen sind sogar knapp in der Minderheit. Berlin ist Migration, der Satz ist keine Übertreibung. Nicht für alle, die kamen, war Berlin der Sehnsuchtsort. Für manche war die Stadt eine Notlösung, eine Zuflucht, der Arbeitsplatz, der Ort, an dem man keinen Wehrdienst leisten musste, mancher ist einfach hängen geblieben. Aber das ist egal. Allen zusammen verdankt die Stadt ihr Wesen. Die großen Sprünge in der Entwicklung waren immer mit dem Zuzug von Menschen verknüpft, ihren Ideen, ihren Fähigkeiten.

Die Hugenotten machten Ende des 17. Jahrhunderts Berlin zur Handwerksmetropole. Die Industrialisierung wäre ohne die Zehntausende von Arbeitsmigranten aus den umliegenden Ländern nicht möglich gewesen, das war die Zeit, in der der Spruch geprägt wurde: Die meisten Berliner stammen aus Schlesien. Die Goldenen Zwanziger sind ohne die russisch-jüdische Einwanderung Anfang des 20. Jahrhunderts nicht denkbar. Einen Teil dieses Einflusses zeigt den Berlinern hoffentlich bald wieder Barrie Kosky von der Komischen Oper, der die jüdischen Operetten aus dieser Zeit auf die Bühne bringt. Kosky, der Australier.

Seit den Sechzigern kamen Menschen aus der Türkei und den Mittelmeerländern, auch aus Süd-Korea West-Berlin, erst nannte man sie Gastarbeiter. Und nach Ost-Berlin kamen Vietnamesen, Mozambiqaner, Kubaner. Auch Sachsen. Jüngst kamen Tausende Menschen aus Aleppo, aus Damaskus, aus dem Krieg in Syrien. Sie haben keine Sekunde gewartet, Berlin auch für sich zu reklamieren, dafür muss man nur einmal über die Sonnenallee spazieren. Die DNA Berlins – Nicht-Sesshafte machen sie aus.

Und alle haben, ob sie wollten oder nicht, Heimatzutaten mitgebracht, die in Berlin zu etwas Neuem geworden sind, aus denen sich das spezielle Berliner Heimatgefühl zusammensetzt, das man anders messen muss als allein an Maßstäben wie Sicherheit und Geborgenheit:  Gayhane, Gorki-Theater, das dortige Exilensemble, der Club der polnischen Versager, Shtetl Neukölln,  das Sari Sari, auch Pho und Döner natürlich. Unterschiedliche Lautstärken, Vorstellungen von Straßenverkehr, von Nähe. Auch die Wecken in den Bäckereien von Prenzlauer Berg gehören dazu, den sich die Schwaben so heimelig zu machen versuchen, wie das Daheim, dem sie entkommen wollten. All das erzeugt Reibung. Auch sie ist Bestandteil des Berliner Heimatgefühls. Genau wie die Überheblichkeit der Metropolenbewohner. 

Ob in Berlin Lebende, die zum Beispiel aus Bautzen, Görlitz oder einem der umliegenden Dörfer in der so heimatverbundenen sächsischen Oberlausitz kommen, Heimweh haben? Ob ihr Glück, ihre Zufriedenheit in Berlin klein geworden sind? Oder ob es nicht vielleicht doch ganz cool ist, in der großen, lebendigen Stadt zu leben, wo man jetzt auch wieder ins Theater oder in eines der drei großen Opernhäuser kann und wo nächste Woche die Sommer-Berlinale beginnt?

Ich kann nur von mir selbst ausgehen. Wenn mich einer fragt, woher ich komme, sage ich: Heidelberg. Obwohl ich schon seit fast 30 Jahren in Berlin lebe. Würde ich nach Heidelberg zurückziehen, wo die Heimatverbundenheit garantiert größer ist als hier, ich fühle sie selber ja auch? Tut mir leid, Mama, aber: nein. Berlin ist zu aufregend, zu überraschend, zu wandelbar, als dass ich es verlassen würde. Schon, weil ich Angst hätte, etwas zu verpassen. Ist das Heimatgefühl? Irgendwie schon, nur anders. Es ist eine Art von Verbundenheit, die kaum auf Beständigkeit beruht, auf nicht in Frage gestellter Identität, auf Abgrenzung – all das, aus dem sich dieses Gefühl üblicherweise speist. Das Berliner Heimatgefühl ist stets im Fluss, es setzt sich immer neu zusammen. Das ist anstrengend. Berlin ist kein „Wohlfühlort“ , von dem Sasa Stanisic in seinem Buch „Herkunft“ spricht. Aber das Lebensgefühl dabei ist prickelnd.