Manfred Quiring hat mehr als zwei Jahrzehnte als Korrespondent in Moskau gearbeitet und kennt die Machtverhältnisse in Russland. Vor ein paar Wochen ist ein neues Buch von ihm erschienen: „Russland – Ukrainekrieg und Weltmachtträume“ (Ch. Links Verlag). Hier analysiert er die Entwicklungen, die zum Krieg geführt haben, und erklärt, welche Rolle der Westen dabei gespielt hat. Wir sprachen mit ihm über Putins Großmachtdenken und fragten ihn, wie dieser Krieg enden könne.

Herr Quiring, Sie schreiben in Ihrem Buch, dass das Selbstverständnis von Russland als Großmacht gar nicht auf Putin zurückgehe, sondern sich über Jahrhunderte entwickelt habe. Wo hat es seinen Ursprung?

Russland, hervorgegangen aus der von nordischen Waräger-Fürsten beherrschten Kiewer Rus, hat sich aus einem zunächst kleinen, unbedeutenden Gebilde entwickelt, dem Großfürstentum Moskau. Die Stadt selbst wurde 1147 erstmals urkundlich erwähnt. Das Großfürstentum umfasste ein Gebiet, das nur wenig größer war als der heutige Moskauer Oblast. Durch Eroberungen ist Russland gewachsen, und daraus entstand das Selbstverständnis: Solange Russland wächst, ist es bedeutend. Es darf auf keinen Fall kleiner werden, am besten aber gewinnt man Territorien dazu. So wie sich andere Großmächte Kolonien in Übersee zugelegt haben, hat sich die Landmacht Russland Territorien auf dem Festland unter den Nagel gerissen. Wenn wir zu sowjetischer Zeit durch die Länder gereist sind, standen überall Denkmäler, auf denen Jahreszahlen aus dem 15., 16. oder 17. Jahrhundert standen und den „freiwilligen Anschluss“ an Russland feierten. Das war das Geschichtsbild, das schon in der Zarenzeit vorherrschte und mit dem auch die Sowjetunion gearbeitet hat. Mit dem Erfolg, dass mir Diplomaten und Militärs der untergegangenen Sowjetunion in den 90er-Jahren erklärten, es herrsche lediglich eine „peredyschka“, eine Atempause. Bald gehe es wieder los. Putin fand für sein Großmachtdenken also ein vorbereitetes Feld vor.

Deshalb wird der Zusammenbruch des Imperiums auch als so vernichtend empfunden, oder? Sie schreiben von einem Phantomschmerz, der sich auf alle ehemaligen Sowjetrepubliken beziehe. Heißt das, dass weitere Länder fürchten müssen, von Russland angegriffen zu werden so wie die Ukraine?

Putin denkt Russland in den Grenzen des Zarenreichs. Er hat das 2018 in einer Rede vor den beiden Kammern des Parlaments noch einmal betont: Die Sowjetunion ist Russland und Russland ist die Sowjetunion. Und dann hat er sämtliche ehemaligen Unionsrepubliken als Verluste aufgelistet, die Russland erlitten habe. Verluste an Menschen, Verluste an Bodenschätzen, Verluste an Territorium. Man kann sich vorstellen, wie sich die Menschen in Kasachstan oder Usbekistan fühlen, wenn ihnen gesagt wird, sie seien Verluste, und niemand weiß, ob Putin sie nicht eines Tages „heim ins Reich“ holt. So wie er es jetzt mit der Ukraine versucht, der er bekanntlich jegliches Recht auf Eigenstaatlichkeit abspricht, weil die ukrainische Nationalität ein Irrglaube sei.

Ch. Links Verlag
Manfred Quiring

Manfred Quiring, Jahrgang 1948, aufgewachsen in Berlin, war ab 1973 Redakteur der Berliner Zeitung und zweimal deren Korrespondent in Moskau (1982–1987 und 1991–1995) sowie von 1998 bis 2010 Moskau-Korrespondent der Welt. Er ist Autor zahlreicher Sachbücher über Russland.

In den 90er-Jahren hatte sich Russland dem Westen zugewandt, den liberalen Werten, der Marktwirtschaft, der Demokratie. Warum brach das ab?

Es geht die Erzählung, Putin habe sich geändert. Er sei vom Westen in die Enge getrieben und deshalb anderen Sinnes geworden. Das ist ein Mythos. Ich bin der tiefen Überzeugung, dass Putin nie die Absicht hatte, eine Partnerschaft mit dem Westen zu suchen, Russland in den Westen zu integrieren. Es sei denn, der Westen hätte ihm geholfen, die Großmachtposition wiederzuerlangen, die die untergegangene Sowjetunion ehemals innehatte. Als Trittleiter wäre der Westen willkommen gewesen, aber diese Funktion hat er nicht übernommen. Das hat Putin enttäuscht. Als er im Jahr 2000 die Präsidentschaft antrat, brauchte er den Westen noch als Wirtschaftspartner. Russland lag zu der Zeit wirtschaftlich völlig darnieder. Wie durch Zauberhand stiegen aber plötzlich die Ölpreise, und nach ein paar Jahren hörte man auf der Straße Moskaus euphorische Äußerungen über die Stärke des Rubels.

Ganz deutlich wurde die Abwendung vom Westen 2007 in München, oder?

In München hat Putin eine große Rede gehalten, die eine Brandrede gegen den Westen war. Er beschwerte sich bitter darüber, dass Russland betrogen werde, dass der Westen gegen Russland arbeite und es zerstören wolle. Tatsache war aber, dass der Westen jahrelang versucht hatte, Russland die Hand zu reichen, es einzubinden. Sowohl ökonomisch, politisch als auch militärisch. Die Vertretung Russlands bei der Nato saß direkt im Nato-Hauptquartier, es gab in Moskau ein Nato-Büro. Und plötzlich kommt Putin mit einer solchen Rede um die Ecke. Das war ein Schock. Putin war aber nicht anderen Sinnes geworden, sondern er glaubte sich jetzt in der Position, so etwas sagen zu können. In der Rede drückte sich seine Verärgerung darüber aus, dass er es mit Hilfe des Westens nicht erreicht hatte, Russland neben den USA zu positionieren. 2016 beklagte er sich darüber in der Bild-Zeitung. Die Konflikte zwischen Moskau und dem Westen existierten nur, weil man Russland nicht auf den Thron lasse.

Jetzt wendet sich Putin China zu. Welche Chancen hat diese Beziehung?

Die Hinwendung zu China begann bereits mit dem Start seiner dritten Amtszeit 2012. Doch China macht eine sehr eigenständige Außenpolitik und nutzt das, was es am Wegesrand findet, für eigene Zwecke aus. So verfährt Peking auch mit Russland. Moskau hat sich freilich als schwächlicher Partner erwiesen. Was das für Peking strategisch wichtige Riesenprojekt der Seidenstraße angeht, hatte Russland den Chinesen materiell nichts zu bieten. Es war nicht in der Lage, den von China gewünschten Ost-West-Transportkorridor über russisches Territorium zu schaffen. Die letzten Hoffnungen zerschellten am russischen Überfall auf die Ukraine. Für die Chinesen sind ansonsten russische Waffen interessant, und die werden sie auch bekommen. Aber das strategische Bündnis mit China wird es in der Form, wie Russland es sich vorstellt, nicht geben.

Angela Merkel hat die Zeichen der Zeit nicht verstanden.

Manfred Quiring

Wie beurteilen Sie die Russland-Politik von Angela Merkel?

Das ist ein trauriges Kapitel. Angela Merkel hat uns die Suppe mit der Erdgas-Abhängigkeit zumindest teilweise eingebrockt. Sie hat die Zeichen der Zeit nicht verstanden. Das hat spätestens 2008 angefangen, als sie verhinderte, dass für die Ukraine und Georgien der Prozess in Gang gesetzt wird, an dessen Ende die Aufnahme dieser beiden Länder in die Nato hätte stehen können. Die Amerikaner wollten das, aber Merkel und Sarkozy haben es mit dem Argument unterlaufen, sie wollten die Russen nicht verärgern. In Moskau hieß es: Das reicht aber nicht, wir brauchen eine grundsätzliche Erklärung, dass ein Nato-Beitritt Georgiens und der Ukraine für immer ausgeschlossen wird. Die konnten sie natürlich nicht bekommen. Sie begreifen in Moskau eben nicht, dass die USA nicht so in Westeuropa hineinregieren können, wie sie selbst es in ihren Vasallenstaaten tun. Die erste Auswirkung war, dass Russland Georgien kurz nach der Nato-Ratstagung angriff. Der georgische Präsident Saakaschwili hat natürlich eine Steilvorlage geliefert, indem er Südossetien, das völkerrechtlich zu Georgien gehört, gewaltsam in den georgischen Staatsverband zurückholen wollte. Das hätte er nicht tun sollen. Aber er hat Russland nicht angegriffen.

Warum hat Merkel so gehandelt? Hat sie Putin falsch eingeschätzt?

Damit war sie ja nicht alleine. Viele Politiker waren der Ansicht, man müsse einen Ausgleich mit Moskau finden. Wenn man Putin entgegenkomme, werde auch er einlenken. Sie sind davon ausgegangen, dass Putin so denkt wie sie. Aber das tut er nicht. Er hat ein anderes Koordinatensystem. Ein Kompromiss ist aus Putins Sicht immer nur dann gegeben, wenn die Maximalforderungen Russlands erfüllt werden. Das hat Merkel nicht erkannt, obwohl sie ihn besser verstand als viele andere. Aber sie glaubte immer, unterstützt freilich von deutschen und europäischen Energieunternehmen, man könne ein Übereinkommen finden. Ihr größter Fehler besteht darin, dass sie 2014, als Putin die Krim und Teile der Ostukraine eroberte, nicht sofort Nordstream 2 gestoppt und auch andere Projekte auf Eis gelegt hat. Stattdessen wurde versucht, wieder um Gutwetter zu bitten. Das betrachtete Putin als Schwäche.

Wie kann der aktuelle Krieg zu Ende gehen?

Er kann damit enden, dass Russland die Ukraine erobert und die ganze Führung umbringt. Das ist Russlands Programm. Die staatliche Nachrichtenagentur RIA Nowosti schrieb kürzlich, wie das vonstattengehen soll: Die Führung selbst müsse „eliminiert“ werden. Für die Führungsebene darunter sind Gefängnisse und Lager vorgesehen. Der Rest des Volkes müsse einem Umerziehungsprogramm unterworfen werden, das über eine ganze Generation geht. Der Ex-Präsident Dmitri Medwedjew, heute Vizechef des russischen Sicherheitsrates, hat sich ebenso geäußert. Auftritte russischer Politiker in der Duma und in täglichen Propaganda-Shows im Staatsfernsehen versprühen Hass gegenüber den Ukrainern, garniert mit Atomwaffen-Drohungen. Wenn ich Aufrufe aus Deutschland höre, man möge jetzt und sofort mit Russland verhandeln, erkenne ich: Sie wissen nicht, wovon sie reden. Wenn man heute bei RIA Nowosti einen strategischen Ausblick gibt, dann weiß jeder, dahinter steht der Kreml. Was dort steht, ist die Denkweise, das Programm der russischen Führung. Die Masse der russischen Bevölkerung nimmt das unwidersprochen hin. Denn das ist nicht nur Putins Krieg. Es ist leider auch der Krieg sehr vieler Russen.

Räumen Sie der Verhandlungsoption überhaupt keine Chance ein?

Ich sehe das gegenwärtig nicht. Die Russen glauben ja, sie seien auf dem Vormarsch. Zudem haben sie die von Putin vorgegebenen Ziele – Zerschlagung des ukrainischen Staates, Vernichtung der ukrainischen Nation und Schaffung einer neuen Ordnung zumindest in Europa – noch nicht erreicht. Und solange die Russen im Lande stehen, werden wohl auch die Ukrainer nicht verhandeln, die allein darüber zu entscheiden haben. Ob sie es schaffen werden, die Russen aus dem Land zu drängen, weiß ich nicht. Die Chancen sind umso größer, je mehr schwere Waffen sie vom Westen bekommen.

Wenn die Ukraine die Russen mit schweren Waffen aus dem Westen in Bedrängnis bringt, könnte Putin Atomwaffen einsetzen. Aus diesem Dilemma kommt man doch nicht heraus, oder?

Es ist ein Dilemma, von dem Putin uns glauben machen will, dass es existiert. Er spielt mit der Angst der Europäer.

Aber es existiert ja trotzdem.

Das suggeriert uns der Kreml. Aber die Annahme, Nachgeben in irgendeiner Form bringt uns dem Frieden näher, ist ein Irrtum. Putin darf nicht durchkommen. Die gewaltsame Veränderung europäischer Grenzen, die Okkupation fremder Territorien darf nicht hingenommen werden. Die Ukraine, die auch für unsere Interessen kämpft, braucht jede Unterstützung, auch militärische.

Manfred Quiring: Russland - Ukrainekrieg und Weltmachtträume. Ch. Links Verlag, Berlin 2022. 304 S., 18 Euro