Ohne den Namen zu nennen: Die Uni Bonn distanziert sich von Ulrike Guérot

In Guérots neuem Buch heißt es, die Ukraine habe stellvertretend für den Westen den Krieg mit Russland begonnen. Nun schweigt auch ihre Universität nicht länger.

Die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot.
Die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot.imago stock&people

Die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot, 58 Jahre alt, ist eine Reizfigur. Sie hat vehement die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung kritisiert und damit Anklang in der „Querdenker“-Szene gefunden. Einem Shitstorm sah sie sich ausgesetzt, als sie sich bei „Markus Lanz“ gegen Waffenlieferungen an die Ukraine und für Verhandlungen aussprach sowie die russische Invasion einen „Grenzübertritt“ nannte. Auch mit Plagiatsvorwürfen war sie konfrontiert.

Nun hat sie zusammen mit Hauke Ritz das Buch „Endspiel Europa“ veröffentlicht, in dem Sätze wie diese hier stehen: „Studiert man die westlichen Kriegsvorbereitungen im Detail, so wird deutlich, dass der Ukraine die Rolle zukam, stellvertretend für den Westen einen Krieg mit Russland zu beginnen, der dann militärisch und logistisch von Nato-Mitgliedstaaten unterstützt werden sollte, ohne die Allianz insgesamt und direkt in den Krieg zu involvieren. Dieser Prozess sollte begleitet werden durch einen Wirtschaftskrieg (Sanktionen), Informationskriegsführung (anti-russische Propaganda) und eine nukleare Einkreisung Russlands (…). All diese Maßnahmen entsprachen dem Streben der USA nach Full Spectrum Dominance.“

Philipp Ther: Guérot fehlt die Basis für eine fundierte Einschätzung

Auf Twitter gab es neben Zustimmung viel Widerspruch, unter anderem von Philipp Ther, Professor für Geschichte Ostmitteleuropas an der Universität Wien: Guérot spreche weder Russisch noch Ukrainisch, habe sich nie näher mit der Nato befasst, es fehle also jede Basis für eine fundierte Einschätzung.

Ulrike Guérot hat seit dem Wintersemester 2021/2022 die Professur für Europapolitik an der Universität Bonn inne. Während die Studierenden bereits vor Monaten Guérots Äußerungen zum Ukraine-Krieg kritisiert haben, schwieg die Universität bislang. Nun distanziert sie sich, allerdings ohne den Namen zu nennen.

„Die Äußerungen einzelner Wissenschaftler*innen stellen keine Positionen der Universität Bonn dar“

Sie verweist in einer auf ihrer Webseite veröffentlichten Mitteilung darauf, dass sie den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine bereits kurz nach Beginn des Krieges auf das Schärfste verurteilt habe und solidarisch mit den Menschen in der Ukraine sei. „Die Äußerungen einzelner Wissenschaftler*innen stellen grundsätzlich keine Positionen der Universität Bonn dar. Wissenschaftler*innen genießen neben der grundrechtlich verbrieften Meinungsfreiheit auch Wissenschaftsfreiheit. Die Freiheit von Forschung und Lehre ist ein Privileg, das jedoch auch mit großer Verantwortung einhergeht, dem Ansehen und dem Vertrauen gerecht zu werden, die der Wissenschaft entgegengebracht werden. Dazu gehört es, allgemeine Standards guter wissenschaftlicher Praxis zu wahren und namentlich spekulative, nicht wissenschaftlich belegbare Behauptungen zu unterlassen. Verdachtsfälle auf Fehlverhalten werden im Einzelfall von den zuständigen Stellen geprüft und gegebenenfalls sanktioniert.“

Freiheit ist ein Verhältnisbegriff. Er ist immer mit seinem Gegenstück – der Pflicht – verbunden. Das hat Ulrike Guérot schon bei ihrer Kritik der Corona-Maßnahmen zum Teil außer Acht gelassen. Nun könnte sie ihren Posten verlieren. Die Uni Bonn müsse sich fragen, wie es zu dieser Berufung kommen konnte, schreibt Philipp Ther.