Schriftstellerin Juli Zeh steht zur Unterschrift unterm Offenen Brief an Olaf Scholz

Zeh äußert im Spiegel-Spitzengespräch Zweifel, dass sich Russland in diesem Krieg besiegen lässt. Sanktionen würden womöglich den Falschen wehtun.

Die Schriftstellerin Juli Zeh
Die Schriftstellerin Juli ZehImago/Ipon

Die Schriftstellerin Juli Zeh war eine der Unterzeichnerinnen des Offenen Briefs an den Bundeskanzler Olaf Scholz, der sich im April gegen die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine ausgesprochen hat. In einem am Mittwochabend veröffentlichten Spiegel-Spitzengespräch sagte die 1974 in Bonn Geborene, sie stehe zu ihrer Unterschrift. Die Unterstützung der Ukraine habe zwar bis zu einem gewissen Grad funktioniert, es sei gut, dass sie stattgefunden habe, und durch die Gebietsgewinne in der letzten Zeit seien Hoffnungen entstanden, die Ukraine könne Russland besiegen.

Aber: „Ich habe diese Hoffnung nicht. Ich glaube nicht, dass sich Russland militärisch besiegen lässt.“ Jedenfalls nicht, wenn man vermeiden möchte, in einen stark eskalierenden Krieg einzutreten. Was die Bedeutung der Gebietsgewinne angeht, ist Zeh skeptisch. Es sei nicht dasselbe, Truppen zusammenzuziehen und an bestimmten Punkten mit einer überlegenen Stärke Erfolge zu verbuchen wie eine 1000 Kilometer lange Grenze nicht nur dauerhaft zu verteidigen, sondern auch weiter in eine Richtung zu verschieben. „Verstehen Sie mich nicht falsch, es ist nicht so, dass ich mir das nicht wünschen würde, da sind wir uns, glaube ich, alle komplett einig. Die Differenzen in dem ganzen Diskurs liegen eher in der Frage nach der Machbarkeit.“

Auf die Frage, ob der Wunsch des ukrainischen Präsidenten Selenskyj, den Osten der Ukraine und die Krim wieder unter ukrainische Kontrolle zu bekommen, unrealistisch sei, sagte Zeh: „Das ist eben, was ich befürchte, beziehungsweise wäre mir der Preis des Versuchs gegebenenfalls zu hoch. Ich glaube einfach nicht, dass Russland an einem bestimmten Punkt sagen wird: Jetzt haben wir es eingesehen, wir ziehen uns zurück.“ Würde sie das anders sehen, hätte sie auch hinsichtlich von Waffenlieferungen eine andere Haltung eingenommen. Sie sei nämlich nicht aus einem absoluten Pazifismus heraus gegen Waffenlieferungen, sondern das sei eine Abwägungsfrage. „Was will man, wie realistisch ist es, das zu bekommen und welche Risiken ist man bereit, dafür einzugehen.“

Juli Zeh glaubt auch heute, dass Verhandlungen mit dem russischen Präsidenten Putin möglich sein könnten. „Würden alle westlichen Länder Putin und Selenskyj an den Verhandlungstisch laden, habe ich durchaus die Hoffnung, dass das funktionieren würde. Und sollte es nicht klappen – wie viel wäre verloren?“ Ihrer Meinung nach wird es ohnehin irgendwann auf Verhandlungen hinauslaufen. „Ich halte es für absolut unwahrscheinlich, dass wir einen klaren Sieger und einen klaren Verlierer in diesem Konflikt haben.“

Juli Zeh hat angesichts der Sanktionen ein „unbehagliches Gefühl“

Der Frage nach dem Sinn von Sanktionen wich Juli Zeh zunächst mit dem Hinweis darauf aus, sie sei keine Ökonomin. Dann sagte sie aber doch, dass sie das unbehagliche Gefühl habe, „dass wir unter Umständen mehr Verwerfungen anrichten, die das Ergebnis, das wir anstreben, nicht lohnen“. Dass man im Rückblick sagen werde: Gebracht hat das überhaupt nichts, wehgetan hat es aber ganz erheblich – und zwar den Falschen. Sie könne nicht erkennen, dass Sanktionen kriegsbeendend wirken, dass sie die Welt besser machen. „Wenn ich davon überzeugt wäre, würde ich sagen: Ja, dann müssen wir dafür leiden. Einen Winter oder auch zwei.“

Auf die Frage, wie sie, die als Westdeutsche seit langem in Brandenburg auf dem Land lebt, sich die Diskrepanz zwischen Ost- und Westdeutschland hinsichtlich der Haltung zu Sanktionen erkläre sagte Juli Zeh: Menschen, die fürchten, existenziell unter den Auswirkungen zu leiden, die sich sorgen, wie sie ihren Energiebedarf in den nächsten Monaten bezahlen sollen, würden vielleicht kritischer auf die Sanktionen schauen – auch wenn die Antwort mit Ost und West nicht unbedingt etwas zu tun habe. „Aber das sind Dinge, die ich täglich auf der Straße und in der Nachbarschaft höre.“