Die Kunst der Kriegsrede, in Europa in Vergessenheit geraten, hat einen neuen Meister: der ukrainische Präsident Wolodymir Selenskyj. In den vergangenen Tagen ist er mit Winston Churchill verglichen worden, dem seine Redekunst nach dem Krieg den Literatur-Nobelpreis einbrachte. Er schrieb: „Von allen Fähigkeiten ist keine so wertvoll wie die Gabe der Rhetorik. Wer sie besitzt, übt eine Macht aus, die dauerhafter ist als die eines großen Königs.“ Über diese Macht verfügt auch Wolodymyr Selenskyj. Sein „Ja tut“ (ich bin hier) versteht inzwischen die ganze Welt. „Jeder ist dort, wo er sein soll“, sagte er nun in der Videobotschaft, mit der er sich Anfang der Woche an die Ukrainer wandte. „Jeder ist an seinem Platz. Die Soldaten, Ärzte, Rettungskräfte, Diplomaten, Journalisten.“  Und er selbst auch, in Kyjiw, an seinem Schreibtisch im Haus der Schimären. Von dort spricht er. Seine Botschaft: Wir halten die Stellung. Wir schaffen eine Ordnung inmitten des Chaos, das der Krieg mit sich bringt.

Wolodymyr Selenskyj beherrscht die Kunst der Rhetorik, er nutzt all ihre Mittel. Selbst wenn man kein Ukrainisch versteht, hört man den Rhythmus seiner Rede, spürt das Pathos. Er versteht sich auf die Kunst des movere, die Kunst, mit Worten Menschen zu bewegen. Seine Stimme dient ihm, mal klingt sie weich, fast heiser, dann entschlossen. Und er vereint dieses Volk, beschwört das Wir. Bezugnehmend auf die ukrainischen Zivilisten, die sich in mehreren Städten russischen Panzern entgegenstellten, sagt er: „Wir stehen mit euch auf den Straßen und Plätzen. Mit euch fürchten wir uns nicht.“ Immer wieder arbeitet er mit einfachen kurzen Sätzen, er arbeitet mit Wiederholungen: „Wir haben keine Angst vor Schlagstöcken, wir haben keine Angst vor Maschinengewehren, wir haben keine Angst vor Panzern.“ Er spricht inmitten der aussichtslosen Lage von Sieg und inspiriert mit seiner Zuversicht.

Der Krieg hat gerade erst begonnen, doch Selenskyj richtet den Blick auf die Zeit danach, gibt eine hoffnungsvolle Perspektive. Er spricht vom Wiederaufbau zerstörter Städte, davon, alle Spuren, die der Feind hinterlassen hat, zu beseitigen. Er spricht von Frieden. Von den Verhandlungen, die nur ein Ziel haben: Einen Weg zu finden, der es ihnen erlaube, den Ukrainern zu sagen: „So gelangen wir zum Frieden. Zum Frieden. Zur Zukunft. Nach diesem Krieg.“