Verhaltensfrage: Darf ich Alkohol verschenken?

Was tue und was sage ich, indem ich edlen Wein oder Spirituosen verschenke? Alkohol ist ein Gift, das süchtig macht. Andererseits: Wo wäre der Mensch ohne ihn?

Ob sie einander auch ohne Alkohol ertragen?
Ob sie einander auch ohne Alkohol ertragen?imago

In den älteren Suren des Korans ist von berauschendem Wein als „Gottesgabe“ die Rede, später dann von „Teufelszeug“ – beides lässt sich nachvollziehen. Aber weil die jüngere Sure mehr Geltungsanspruch bei konservativeren Muslimen hat, ist der Genuss von Alkohol für sie haram, also verboten. Trinker, egal welchen Glaubens, die sich von der Flasche losgerissen haben – auch solche, die vielleicht jahrelang mit kleinen Pegeln ausgekommen sind –, können durch einen einzigen Tropfen wieder in die Suchtfalle gelockt werden. Die Vorstellung, dass Schwangere oder Kinder sich einen Schnaps hinter die Binde gießen, löst Beschützerinstinkte aus.

Wer die Genannten mit einem guten Wein oder einem erlesenen Whiskey beschenkt, hätte es verdient, dass man ihm zumindest andeutungsweise die Flasche postwendend über den Schädel zieht. Bis hierhin sind wir uns doch einig, oder?

Das Problem geht aber nahtlos weiter. Denn bei vielen, die man beschenken will, weiß man gar nicht sicher, ob sie nicht vielleicht zu einer der aufgezählten Gruppen gehören. Kinder lassen sich relativ umstandslos ausklammern – an Supermarktkassen wird das mit dem Vorzeigenlassen des Ausweises praktiziert. Aber alle anderen Gründe, aus denen man keinen Alkohol trinken darf oder soll oder will, berühren die intimste Privatsphäre. Wer denkt, er dürfte von seinem Gegenüber voraussetzen, dass es weder schwanger noch streng gläubig oder suchtgefährdet ist, beansprucht Deutungshoheit über Bereiche, die ihn nichts angehen.

Bei den nächsten Menschen, mit denen man das Leben teilt, mag das noch zu vertreten sein. Aber es ist auch denkbar, dass eine enge Freundin ihr glückliches Geheimnis noch für sich behalten will oder dass der Lieblingskollege keine Lust hat, sich zu einem religiösen Bekenntnis zwingen zu lassen. Geschweige denn, dass Firmen, die Glühwein als vorweihnachtliches Werbegeschenk verschicken, über Leibesfrüchte oder Gewissensfragen Bescheid wissen (sollten), die ihre treuen Kunden mit sich herumtragen. Oder dass Arbeitgeber, die mit einer Kiste Wein zum Betriebsangehörigkeitsjubiläum gratulieren, dabei dem Jubilar unbeabsichtigt zu einem neuen Anlauf in seiner Alkoholikerkarriere motivieren. Wie wäre es mit einer Wichtel-Rundsendung mit ein paar Nowitschok-Ampullen?  Oder darf es ein Teambuilding-Event mit einer originalen Selbstschussanlage von der Berliner Mauer sein?

Ja, ja, es ist bestimmt lieb gemeint, wenn man den Schwiegervater mit einem samtigen Tropfen, den man sich selbst nie leisten würde, sanft stimmen möchte. Oder wenn man bei einer Abi-Jahrfeier eine gut gekühlte Flasche Schampus springen lässt, um die Stimmung ein bisschen aufzulockern, und dabei gedanklich schon den einen oder anderen Schluck für sich selbst abzapft. Aber wie kommt eine noch dazu recht schnell beschaffte und eingewickelte Flasche als Botschaft an? Alkohol, danke, für mich? Findest du, dass ich zu spießig geworden bin? Hast du Angst vor meiner Leistungsstärke? Gibt es etwas in unserer Freundschaft, das ich bisher übersehen habe? Soll ich mal ein bisschen locker werden? Willst du mich gefügig machen? 

Jetzt sind wir vielleicht einen Ticken zu negativ geworden und haben unterschlagen, dass Alkohol am Beginn der menschlichen Kulturgeschichte steht, die ohne ihn vermutlich nie stattgefunden hätte. Bevor der Mensch in der Jungsteinzeit Brot gebacken hat, verwendete er das noch wilde Getreide zum Brauen von Bier, vermutlich, um sich in einen Rausch zu versetzen und mit seinen Ahnen in Kontakt zu kommen. Der Wein, der laut dem Koran im Jenseits in Bächen fließt, soll übrigens den Auslegungen nach nicht berauschend sein. Vielleicht nehmen wir ein Fläschchen als Mitbringsel mit, wenn wir uns auf die letzte Reise begeben.