Verhaltensfrage: Darf ich die Vagina als Scheide bezeichnen?

Eine kleine Analyse der unbewussten Verrenkungen, die eingefleischte Mansplainer anstellen, um ihre  Besessenheit vom weiblichen Geschlechtsorgan zu bemänteln.

Was Männer mit Schwertern machen, wenn sie sie nicht in Scheiden stecken. Stich von 1621.
Was Männer mit Schwertern machen, wenn sie sie nicht in Scheiden stecken. Stich von 1621.imago

Um keine falschen Erwartungen an diesen Artikel zu wecken, hier geht es vor allem um trockene Begriffsarbeit. Zugleich vermögen eine kleine Triggerwarnung und ein Disclaimer den Leseanreiz gleich wieder zu erhöhen: Eventuell aufsteigende und verstörende Bilder von primären Geschlechtsorganen können nicht ausgeschlossen werden; sämtliche als anzüglich wahrnehmbare Assoziationen sind nicht auf beabsichtigte Anspielungen, sondern auf das Eigenleben der Sprache zurückzuführen und versehentlich in den Text gerutscht. Das gilt auch für bereits verwendete Formulierungen wie etwa „trocken“ und „hineinrutschen“.

Das Wort Scheide ist, um es gleich zu sagen, irreführend und ungeeignet bis abwertend, wenn man über die Vagina sprechen möchte. Eine kleine Analyse offenbart die interessanten unbewussten Verrenkungen jener, die das Wort benutzen. Wer nur ein wenig länger darüber nachdenkt, wird merken, dass er das Wort Scheide in dem hier behandelten Zusammenhang nicht mehr sagen kann, ohne ein Mansplainer zu sein, also jemand, der Frauen erklärt, was er besser als sie zu wissen glaubt.

Gemeint ist mit Scheide das innere weibliche Geschlechtsorgan, und damit fängt es schon an. Denn ausgeblendet wird die Vulva, also alles, was man von außen sehen kann: die inneren und äußeren Vulvalippen (wir schreiben hier aus naheliegenden Gründen nicht von Schamlippen), die Klitoris, der Venushügel, der Eingang zur Harnröhre sowie der zur Vagina. Der Begriff Scheide reduziert das weibliche Geschlechtsorgan auf sein Inneres. Da wird sprachlich und gedanklich schnell das Licht ausgeknipst, bevor man zur traditionellen heterosexuellen Vereinigung schreitet, die, fürchte Gott, in nichts anderem als der Penetration zu bestehen hat, schließlich lässt man die sexuell viel empfindsameren Körperteile der Frau begrifflich völlig außer Acht.

Eine tote Schlange

Fast noch schlimmer und geradezu pervers ist die zweckbestimmende Semantik des Wortes Scheide. Es handelt sich um eine Metapher aus der Waffenkunde vor der Erfindung des Schießpulvers. Eine Scheide ist dazu da, die Klinge eines Schwerts oder eines Degens aufzunehmen. Hier lauert die Abwertung, denn damit ist insinuiert, dass es eine Scheide nur deshalb zu geben braucht, weil es Schwerter gibt.

Wenn man nun im Bild bleibt und das Schwert als Phallus versteht, stellt sich allerdings die Frage, wo bei dem Ganzen auch die männliche Sexualität bleibt? Denn das Schwert wird eigentlich nur weggesteckt, wenn es nicht gebraucht wird und ruhen soll. Seine Erfüllung findet es gezückt und entblößt außerhalb der Scheide, indem es seine Klinge mit anderen kreuzt. Der Schwertkampf kann innerhalb unserer Metapher also nicht anders denn als eine homoerotische, hoffentlich spielerische Konfrontation verstanden werden. Ist diese Sache erledigt – und hier zeigt sich eine weitere Schwäche der Metapher –, verliert im Gegensatz zu einer stählernen Klinge der Phallus an Härte. Versuchen Sie mal, eine tote Schlange in eine Schwertscheide zu bugsieren.

Jetzt ist es doch wieder so anschaulich geworden. Pardon! Was sagt man also, wenn man seinen kleinen Kindern das Waschen des Intimbereichs beibringt? Hier empfiehlt es sich, die Dinge beim korrekten Namen zu bezeichnen und keine falsche Scham walten zu lassen. Ein Sohn wasche seinen Penis, eine Tochter ihre Vulva. So wie man seine Hände wäscht und nicht die Greiferchen oder Patschepfötchen.

Und welche Begriffe wären geeignet, um die Sehnsucht und das Wonneversprechen von Geschlechtsorganen zu besingen? Hier zieht sich der Ratgeber zurück und überlässt die Leserinnen und Leser ihrer Fantasie, Vorstellungskraft und Wortfindungsfreude beim Liebesspiel. Freiheit für die Zunge!