Verhaltensfrage: Darf ich Selbstbedienungskassen benutzen?

Der Handel hat die Menschen der Erde miteinander verbunden und die Zivilisation vorangetrieben. Es könnte sein, dass er bald ganz ohne uns zurechtkommt.

Auspacken und essen muss der Konsument seine Lebensmittel auch noch selbst.
Auspacken und essen muss der Konsument seine Lebensmittel auch noch selbst.dpa-Zentralbild

Im Feuilleton der Berliner Zeitung ist die Warentrenner-Debatte noch in vollem Gang. Dabei wird es wohl bald der Vergangenheit angehören, dieses Gerät, mit dem man am Fließband der Supermarktkasse seinen Einkauf für die kassierende Person sichtbar abgrenzt, auf dass sie nicht bei jedem fragen muss: „Ist das noch Ihrs?“

Dass man dem Personal jede unnötige Kommunikation ersparen will, zeigt schon die Richtung der kulturellen Entwicklung, an deren Ende der Handel einfach so vor sich hin brummen soll, ohne dass Käufer und Verkäufer unnötige Worte verlieren und Zeit verschwenden. Ob man überhaupt noch Verkäufer brauchen wird? So viel Künstliche Intelligenz wird doch gar nicht nötig sein, um die Bedürfnisse der Konsumenten mittels Indoktrination zu optimieren und effektiv zu erfüllen.

Auf lange Sicht mutiert der Konsumentenmensch ohnehin zum Tamagochi im gesegneten Algorithmus der automatisierten Wirtschafts- und Stoffwechselkreisläufe. Er muss sich keinen Kopf mehr über seine Versorgung zerbrechen, weil der Kühlschrank schon eingekauft hat. Es wird immer alles im angemessenen Verarbeitungsgrad vorhanden sein. Auf Wunsch und später vielleicht auch einfach auf Kommando wird der Nahrungsbrei in stufenlos verstellbarer Geschmacksausrichtung per Katheter in optimierten Portionen verabreicht.

Diskrete Abwicklung von Konsumperversitäten

Ein Schritt in diese schöne neue Welt ist die Selbstbedienungskasse, die den Lebensmitteleinkauf weiter standardisiert und automatisiert. Der Kunde scannt sein Produkt selbst und entrichtet den zu zahlenden Betrag bargeldlos. Man könnte sich daran gewöhnen, so, wie man sich daran gewöhnt hat, dass man sich ohne Zuhilfenahme von Personal selbst ankleidet. Anders als beim Ankleiden kann man hinsichtlich der Außendarstellung an der Selbstbedienungskasse nicht viel falsch machen, da lässt sich sogar so manche kleine Konsumperversität diskreter abwickeln als unter der sozialen Kontrolle an der Kasse, wo jedes Produkt von einem Dritten in die Hand und also potenziell wahrgenommen wird.

Dennoch eröffnet die Selbstbedienungskasse einige Möglichkeiten, sich zu blamieren. Man muss schon über ein gut gepolstertes Ego verfügen, wenn man seinen Korb an einer Kassenschlange vorbei zu so einem Automaten schiebt und dort als dynamischer, selbstbestimmter, eigenverantwortlicher Mensch zur Tat schreitet. Wer möchte mit seiner Performance schon scheitern, weil der Strichcode beschädigt oder der Name des Gemüses gerade nicht erinnerlich ist.

Es gleicht einem Gang nach Canossa, wenn man als König Kunde das eben noch als überflüssig erachtete Supermarktpersonal nun doch um Hilfe bitten muss, wenn man etwa nur eine Limoflasche gekauft hat, das Gerät aber ein Sixpack abrechnet. Wenn man Alkoholika kauft, gibt es eine Abfrage der Volljährigkeit, zu der wiederum ein Supermarktmensch aus Fleisch und Blut zum Zeugen gerufen wird. Kein Problem, oft reicht ein prüfender Blick von der menschlich besetzten Kasse, der man mit dem Spirituosengebinde zuwinkt – vor dem interessierten Publikum in der Kassenschlange.

Bleibt die Prüfung des sozialen Gewissens. Ist es verwerflich, wenn ich Selbstbedienungskassen benutze und damit den Personalbedarf im Einzelhandel senke? Oder ist es gar eine gute Tat, wenn ich schlecht bezahlte, eintönige Arbeitsplätze in der Dienstleistungsbranche vernichte? Breche ich die letzten kommunikativen Verbindungen ab, die uns die durchkommerzialisierte Welt noch gestattet? Bleibt denn überhaupt noch ein Grund, die Abläufe von Produktion, Vertrieb und Konsum zu stören? Kann man die Maschinen nicht allein lassen? Im Bett bleiben und den Pflegeroboter einkaufen schicken? Soll der sich doch mit der Selbstbedienungskasse herumärgern. Vielleicht mögen sie sich ja.