Berlin - Israel Kaunatjike ist Herero, seit 1970 lebt er in Berlin. Seit langem engagiert er sich im Bündnis „Völkermord verjährt nicht!“ und setzt sich für die Anerkennung des Genozids an rund 90.000 Herero und Nama durch deutsche Truppen in der ehemaligen deutschen Kolonie Deutsch-Südwestafrika ein, heute Namibia. Nachdem am Freitag bekannt wurde, dass die Bundesregierung zu dieser Anerkennung bereit ist, hat er ein Interview nach dem anderen gegeben. Ganz heiser ist er, als wir am Nachmittag telefonieren.

Berliner Zeitung: Herr Kaunatjike, ist das für Sie ein guter Tag?

Israel Kaunatjike: Nein. Und nicht nur ich bin nicht zufrieden, sondern auch die Verbände in Namibia, die die Mehrheit der Herero und Nama vertreten. Die waren nicht in die Gespräche involviert. Die Bundesrepublik Deutschland schließt einen Vertrag mit der namibischen Regierung. Und diese ist nicht dazu autorisiert, über unsere Geschichte zu verhandeln. Man muss doch mit den Leuten reden, die von der Vernichtung betroffen waren. Und das in Aussicht gestellte Hilfsprogramm für Namibia in Höhe von 1,1 Milliarden Euro ist Entwicklungshilfe und hat mit Reparationen überhaupt nichts zu tun. Das Wort wird auch nicht mehr in den Mund genommen, denn die deutsche Regierung hat Angst, einen Präzedenzfall zu schaffen.

Wer ist denn die namibische Regierung?

Diese Regierung ist korrupt. Das sind Diebe.

Sind Angehörige der Herero und Nama in dieser Regierung?

Nein. Die Regierung besteht aus Mitgliedern der Swapo-Partei. Das sind Ovambo, eine Volksgruppe aus dem Norden, die gar nicht von dem Völkermord betroffen war und die sich nie für das Thema interessiert hat. Ihr Thema war der Befreiungskampf. Deshalb ist diese Vereinbarung eine Farce. Das ist ein Skandal.

Was meinen Sie, warum die Vertreter der deutschen Regierung nicht auch mit den Herero-Verbänden gesprochen haben?

Das fordern wir seit Jahren, und trotzdem haben die namibische und die deutsche Regierung diesen Prozess fortgeführt, was total falsch war. Die namibische Regierung interessiert sich nur für das Geld, sie ist nämlich pleite. Und Deutschland hat das noch nicht kapiert. Trotz all der Entwicklungshilfe, die Deutschland in das Land gepumpt hat, ist Namibia noch ärmer geworden. Auch die Herero und Nama sind ärmer geworden.

Warum macht Heiko Maas das?

Er hat keine Ahnung. Oder vielleicht hat er auch Ahnung. Die Verbände und die Opposition im Parlaments Namibias haben heute angekündigt: Wenn der Bundeskanzler kommt oder Steinmeier, wird keiner von uns im Parlament sitzen. Er kann dann allein vor der Swapo eine Rede halten. Willy Brandt war das gute Vorbild. Er ist in Warschau auf die Knie gegangen. Warum geht Herr Steinmeier nicht an die Orte, an denen die Herero und Nama vernichtet worden sind?