Berliner Zeitung: Herr Bruch, Sie haben gerade die Dreharbeiten zur nächsten Staffel „Babylon Berlin“ abgeschlossen. Wie ist das Ergebnis?

Volker Bruch: Ich bin sehr gespannt. Die Drehbücher sind fantastisch. Ich habe ein gutes Gefühl und hohe Erwartungen.

In den vergangenen Tagen haben Sie außerhalb der Kulisse für Diskussionen gesorgt. Unter dem Titel „Alles auf den Tisch“ setzten Sie die im Frühjahr begonnene Auseinandersetzung mit den Corona-Maßnahmen fort. Warum machen Sie das eigentlich?

Wenn ich Missstände sehe und sie nicht benenne, dann stimme ich zu und akzeptiere sie. Das möchte ich nicht. Ich möchte mich zu Wort melden, wenn ich eine Diskrepanz zwischen der in den Medien abgebildeten Meinung und den verfügbaren Informationen sehe. Aktuell zum Beispiel wird massiver Druck auf Ungeimpfte ausgeübt, obwohl die Datenlage sagt, dass eine Impfung nur einen selbst vor einem schweren Verlauf schützt. Eine Herdenimmunität, welche ja als Argument für die Impfung aus Solidarität genommen wird, wird es nicht geben. Also warum lassen wir nicht einfach jeden frei entscheiden, ob er eine Impfung für sich möchte oder nicht.

Berliner Zeitung/Paulus Ponizak
Zur Person

Der Schauspieler Volker Bruch, 1980 in München geboren, studierte darstellende Kunst am Max-Reinhardt-Seminar in Wien. In der Fernsehserie „Babylon Berlin“ verkörpert er den Kommissar Gereon Rath, eine der Hauptrollen.
2020 initiierte Bruch zusammen mit dem Schauspieler Trystan Pütter die Spendenkampagne „Los für Lesbos“ zur Unterstützung von Flüchtlingen.
Im April 2021 beteiligte sich Bruch an der Aktion #allesdichtmachen, eine ironische Kritik an den Corona-Maßnahmen der Regierung.

Sie waren viele Jahre politisch „unauffällig“, und plötzlich sind Sie eine Art Aktivist geworden. Wie ist das gekommen?

Ich sehe mich nicht als Aktivist. Aber wenn mich eine Ungerechtigkeit anbrüllt, kann ich nicht anders. Das war schon bei meiner Aktion „Los für Lesbos“ so. Wir haben über 1,2 Millionen Euro für die Menschen in Moria gesammelt. Der Umgang mit den Flüchtenden ist menschenverachtend und rechtswidrig. Es werden im großen Ausmaß Menschenrechte verletzt, wenn im Mittelmeer Leute ertrinken und wir in Europa nichts machen. Ich hatte den Eindruck, dass unsere Institutionen versagen. Es war erschreckend zu sehen, dass Asylrecht, Rechtsstaatlichkeit und europäische Werte plötzlich keine Bedeutung mehr hatten. Insofern war ich schon vor Corona regierungskritisch. Mir wurde klar, dass man seine Stimme erheben muss, wenn man eine solche Entwicklung nicht will.

Hatten Sie damals auch schon Ärger wegen Ihres politischen Engagements?

Ja, damals wurde ich online in den Kommentaren von ausländerfeindlichen Leuten beschimpft. Ich glaube, dass man seine Überzeugungen nicht aufgeben sollte, nur weil es Druck, egal von welcher Seite, gibt. Das Beste ist, die Kommentare einfach nicht zu ernst zu nehmen.

Kann man sagen, dass Sie damals erste Zweifel an der Wetterfestigkeit der europäischen Werte bekamen und daher politisch auch bei Corona aktiv wurden?

Ja. Ich war damals genauso regierungskritisch wie heute. Meine Politisierung bezüglich Corona sehe ich als Notwehr. Die Maßnahmen wurden immer widersprüchlicher und gleichzeitig wurde die Kritik an ihnen immer mehr kriminalisiert. Wir haben uns jede Woche in einer kleinen Gruppe online getroffen und überlegt, was man machen könnte. Unser erklärtes Ziel war: Wir müssen die Kritik an der Regierung wieder in die Mitte der Gesellschaft zurückholen und verhindern, dass jeder, der Kritik übt, automatisch als Nazi bezeichnet wird. Das ist ja völlig absurd.

Es haben sich allerdings auch einige durchaus dubiose Figuren unter die Maßnahmen-Kritiker gemischt …

Zunächst finde ich es anmaßend, wenn man sagt: Der und der ist der Abschaum, mit dem rede ich nicht. Es ist meine Grundhaltung, dass ich zunächst mit jedem reden will, um mir meine Meinung zu bilden. Das mache ich als Schauspieler genauso. Wie oft wurde ich schon vor Drehbeginn vor neuen Kollegen gewarnt, sie seien Egozentriker, Rampensäue, Alkoholiker oder so. Ich sage dann immer, das will ich gar nicht wissen, ich möchte die selber kennenlernen. Oft mache ich dann die Erfahrung, dass die Aussagen viel mehr über die Lästerer aussagen als über die Denunzierten. Daher werde ich auch weiter so verfahren, dass ich Menschen nicht nach den Gerüchten über sie bewerte.

Nun haben Sie ja einige Leute aus der Querdenker-Szene getroffen. Was ist Ihr Eindruck?

Was ist denn die Querdenker Szene? Es wird doch zur Zeit jeder als Querdenker bezeichnet, der Fragen stellt. Natürlich gibt es auch unter den Fragenstellern seltsame Gestalten, aber die gibt es überall, mit denen arbeite ich nicht zusammen.

Es hieß, Sie wollten Parteimitglied in der Querdenker-Partei Die Basis werden?

Die Partei heißt „Die Basis“. Den Zunamen Querdenker-Partei haben ihr die Medien verpasst. Ich habe kluge Leute kennengelernt, die sich in der Partei engagieren. Leider gibt es zur Zeit intern sehr große Spannungen, die ich von außen nicht klar einordnen kann. Deswegen habe ich meinen Aufnahmeantrag noch nicht abgeschlossen und werde das auch vorerst nicht tun.

Wie haben Sie die Auswahl der Wissenschaftler getroffen bei „Alles auf den Tisch“?

Grundsätzlich wollen wir erreichen, dass jeder sich eine eigene Meinung bilden kann, aber es kommen aktuell nicht alle Informationen zu den Bürgern. Wir haben die Teilnehmer sehr genau ausgesucht. Es sind alles Fachleute auf ihrem Gebiet. Wenn es nach uns gegangen wäre, hätten wir auch mit den Wissenschaftlern der Regierungsseite gesprochen, aber leider kamen hier keine Gespräche zu Stande.

Warum?

Schlussendlich wissen wir das nicht. Wir haben von vielen die Begründung bekommen, man könne aus Zeitgründen nicht mitmachen, wobei wir sehr früh angefragt hatten. Im Schnitt vier Wochen vorher. Manche haben auch gar nicht reagiert.

Hat auch jemand gesagt: Mit Euch rede ich aus Prinzip nicht?

Nein. Es kam, wenn eine Antwort kam, immer eine höfliche Absage des Sekretariats. Das Büro von Christian Drosten hat uns sogar sehr freundlich geschrieben, dass Herr Drosten „in absehbarer Zeit nicht über die Kapazität verfügen wird“, um an unserer „Initiative teilzunehmen“, uns aber „gutes Gelingen“ bei unserem Projekt wünscht. Wir versuchen aber weiterhin, auch mit Befürwortern ins Gespräch zu kommen, da wir viele Fragen haben.

Einige Interviews waren nicht besonders gelungen. Man hatte den Eindruck, dass die Fragen unbeholfen und die Antworten teilweise grotesk waren.

Generell frage ich mich, wie viele Videos die Journalisten oder Menschen geschaut haben, bevor sie ihr Urteil über die Kampagne gefällt haben. Aber fest steht, es ging darum, möglichst persönlich Fragen zu stellen und Antworten zu bekommen. Es war völlig klar, dass das keine perfekten Interviews werden, das war auch nie das Ziel. Es geht darum, Gespräche zu führen, etwas, das viele von uns leider verlernt haben.

Sind Sie hier auch aktiv geworden, weil die Medien die Fragen nicht gestellt haben, auf die Sie Antworten gesucht haben – also Journalist aus Notwehr?

Mir war der mediale Diskurs zu eng. Die einzige durchgängige Kritik, die zu Beginn der Impf-Kampagne an der Regierung geäußert wurde, war, dass zu wenig Impfstoffe bestellt wurden. Offizielle Stellen und seriöse Quellen wie das RKI, die WHO oder die EMA haben ja viele ungelöste Probleme adressiert, die intensiv hätten diskutiert werden müssen. Und es gibt so viele Fragen: Warum ist man nur ein halbes Jahr genesen, auch wenn erwiesen ist, dass Genesene einen länger anhaltenden Schutz haben als Geimpfte? Warum wird nicht bei allen ein Antikörper-/ T-Zellen-Test durchgeführt, um zu wissen, wie hoch die Durchseuchungsrate schon ist? Warum impfen wir Kinder, wenn die Datenlage klar sagt, dass ihr Risiko eines schweren Verlaufs geringer ist als das Risiko eines Impfschadens? Und Long Covid kann kein Argument sein, auch da gibt es unterschiedliche Studien.

Sie sind als Schauspieler in die Rolle von Journalisten geschlüpft. Haben Sie gesehen, dass guter Journalismus eigentlich sehr schwer ist und man sich eigentlich ziemlich intensiv mit einer Materie beschäftigen muss, damit einem das Gegenüber nicht ein Märchen erzählt?

Nein, wir haben als Künstler, als Menschen, die wir sind, Wissenschaftlern Fragen gestellt, die die Journalisten aktuell zu wenig stellen. Aber ich habe großen Respekt vor guten Journalisten. Vielleicht haben wir mit unserer Aktion ja einige Journalisten ermutigt, sich noch genauer mit den Themen zu beschäftigen, sich beide Seiten anzuhören, und nicht einfach nur wiederzugeben, was von der Regierung kommt.

Der Politologe Claus Leggewie hat im Deutschlandfunk zu der Aktion gesagt: „Pluralismus braucht Qualitätskontrolle.“ Sollten Sie für die nächste Aktion vielleicht Journalisten hinzuziehen?

Die Frage ist: Was heißt Qualitätskontrolle? Jedenfalls kann es kein Gremium geben, das für den Diskurs festlegt, was die Wahrheit ist. Wissenschaft ist doch durch ständige Auseinandersetzung definiert.

Der angesehene Handelsblatt-Journalist Norbert Häring hat bei der Aktion mitgemacht. Er ist seit Jahren ein kritischer Beobachter, der mit größter Sorgfalt arbeitet. Er sagt, die Entwicklung einer globalen digitalen Überwachung, deren erste Schritte in der Pandemie gesetzt wurden, kann nur gestoppt werden, wenn die Leute auf die Straße gehen. Sie waren ja auch auf Demos. Wollen Sie eine Revolution, oder kann der Diskurs gewaltfrei geführt werden?

Dort, wo ich in Berlin auf den Demos war, war alles gewaltfrei. Ich bin absolut für den gewaltlosen Dialog und glaube auch, dass das möglich ist. Wir haben extrem viel Feedback. Die Gesellschaft will die Spaltung nicht.

Hatten Sie eigentlich persönlich Schwierigkeiten wegen Ihrer kritischen Haltung?

Ich habe in meinem realen Leben keinen einzigen Menschen getroffen, der mir mit Hass begegnet ist. Keinen einzigen. Was das Ganze für berufliche Konsequenzen haben wird, kann ich noch nicht abschätzen.

Und die Sender, für die Sie arbeiten?

Ich habe wegen meiner Aussagen keine Schwierigkeiten gehabt.

Kann es sein, dass Sie Ihr Engagement einmal beenden, oder geht das jetzt immer so weiter?

Meine größte Hoffnung wäre, dass unser Engagement nicht mehr nötig ist, weil die Politik Fehler eingesteht und die Maßnahmen auf ihre Wirkung und Verhältnismäßigkeit geprüft und angepasst werden. Ich sage nur Freedom Day.

Berliner Zeitung/Paulus Ponizak
Volker Bruch

Was haben Sie aus Ihrem politischen Engagement gelernt?

Dass es sich lohnt, bei sich zu bleiben. Und dass die Gruppe wichtig ist. Es haben sich viele Freundschaften entwickelt. Zuerst waren wir nur wenige. Jetzt wird der Kreis mit „Alles auf den Tisch“ immer größer.

Wollen Sie uns noch verraten, was das Publikum bei „Babylon Berlin“ demnächst erwartet?

Eine wahnsinnig dichte, neue Staffel.

Und was erlebt Gereon Rath?

Es wird ihm nicht leichtgemacht. Er muss wieder durch die Hölle gehen.