Berlin - Als ich nach acht Jahren in Asien nach Berlin zurückkehrte, war das ganz anders als erwartet. Statt mühelos in meine alte Welt einzutauchen, in der ich doch wie ein Fisch im Wasser gewesen war, fühlte ich mich fremd. Kulturwissenschaftler bezeichnen dieses Phänomen als umgekehrten Kulturschock. An diese Zeit muss ich in diesen Tagen denken, denn es geht mir wieder ähnlich.

Nun, da sich das Leben normalisiert, fremdele ich mit offenen Restaurants, Kinos und Theatern. Mit großen Freundesrunden. Mit all den Ländern, in denen ich nun wieder Urlaub machen könnte. Einfach einen Flug buchen, um ans Mittelmeer zu gelangen? Ich schrecke davor zurück. Mit Erstaunen sehe ich die Menschen, die in meiner Straße in den Cafés sitzen, als sei nichts gewesen. Das geht mir alles zu schnell.

Ich bin gespannt, wann ich wieder in der Lage sein werde, jemandem spontan die Hand zum Gruß entgegenzustrecken. Wann ich den Körpern der anderen nicht mehr ausweiche, nachdem ich mich ein Jahr lang trainiert habe, sie als potenzielle Gefahrenquelle wahrzunehmen. Wann ich die Ansammlung junger Menschen in der Hasenheide wieder als Ausdruck von Lebensfreude lesen werde.

Heute früh war ich regelrecht irritiert, als der Mann am Schwimmbadeingang meinen negativen Coronatest nicht sehen wollte. „Nicht mehr nötig“, meinte er. „Aber die Maske muss ich doch noch tragen?“,  fragte ich und war fast erleichtert, als er bejahte. Die Zeit, in der ich die Mund-Nasenbedeckung manchmal zu Hause vergaß, liegt gefühlt Trillionenjahre zurück.

Angesichts der Verunsicherung, die der Wiedereintritt in die Normalität bei mir hervorruft, könnte man von einem umgekehrten Corona-Schock sprechen. Es ist, als habe diese Normalität zu lange eingegipst im Krankenbett gelegen.  Und nun ist der Normalitätsmuskel erschlafft und muss erst wieder trainiert werden. Aber seine Kraft wird zurückkehren. Das weiß ich aus Erfahrung.