Ich stehe mit einer Bekannten vor einer Bar, in der ein Freund von uns seinen Geburtstag feiert. Raucherpause. Ein wenig Smalltalk. Ich erzähle ihr, dass ich übers Wochenende an der Mecklenburgischen Seenplatte war, dem happy place eines jeden Berliners. Wie schön, sagt sie und fragt routiniert, auf welchem ausgebauten Gutshof ich übernachtet habe und mit wem ich dort war. Mit meinem Exfreund, antworte ich ihr. Sie zieht die Augenbrauen bis unter den Pony. Ich kann es ihr nicht verübeln.

Der Exfreund ist nicht gerade die naheliegendste Person, mit der man das Wochenende verbringt. Zugegeben: Ich habe es mir auch nicht direkt ausgesucht. Eine Freundin von mir bekam Corona und schenkte mir ihr Zimmer. Meine Freundinnen hatten keine Zeit und David war einfach zufällig da und hatte Bock. Und obwohl ich am Anfang auch dachte, ah ja, das könnte so richtig schiefgehen, bin ich jetzt eine überzeugte Anhängerin des Konzepts „Urlaub mit Exfreund“.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Expartner haben viel Vorwissen. Das heißt, man muss im Urlaub nicht erst die unangenehme Erfahrung machen, dass man den anderen überhaupt nicht kennt. Fern von zuhause lernt man Menschen ja erst richtig kennen. Bei einem Expartner ist das anders. Meist kennt man sowohl die besten als auch die schlechtesten Seiten schon ganz genau. Noch bevor David und ich überhaupt losfuhren, wusste ich schon, dass dieser Typ keinen Führerschein hat, aber zu wissen meint, wie man fährt. Ich wusste schon, dass er unfassbar langsam in allem ist, was er tut, und extrem viel Zeit für alles braucht.

Dass er mein Ex ist, nimmt den Druck raus

Aber nichts davon hat mich wirklich so genervt, dass wir gestritten hätten. Und das liegt auch daran, dass wir nicht mehr zusammen sind. Das nimmt schon mal sehr viel Druck raus. Man muss bei Problemen nicht mehr auf den zwei Ebenen sachlich und emotional streiten. Sachlich reicht völlig aus. Bei einer falsch genommenen Abfahrt muss keiner mehr indirekt über die Frage diskutieren, wann man Kinder will oder ob es eine gute Idee ist, die Beziehung zu öffnen. Bei meinem letzten Urlaub mit David war ich erst sauer, weil er zu spät kam. Und dann verstört, weil meine Mutter plötzlich am Strand auf Sizilien auftauchte und nicht wieder ging. Dass Menschen überhaupt mit ihren Partnern in den Urlaub fahren, ist doch völlig verrückt.

Schon auf dem Weg ins Hotel bewährt sich die neue Konstellation. Kurz bevor wir ankommen, ruft der ausgebaute Gutshof an, und teilt uns mit, dass sie unser Zimmer versehentlich weitergegeben haben. Ich bin den Tränen nahe, als David vorschlägt, rechts ranzufahren und zu beratschlagen. Wir hatten uns das Wochenende freigeschaufelt, ein Auto gemietet und waren bereits zweieinhalb Stunden von Berlin entfernt. Bei mir hatte sich schon so etwas wie Vorfreude eingestellt. Bevor ich die Person am Telefon anschreien kann, schiebt David mich in ein Restaurant an einer viel befahrenen Straße, das den Großteil seines Gewinns mit Soljanka macht, und bestellt Reibekuchen. Wer isst, kann nicht schreien. Nach drei Stück bin ich wieder ready und rufe einen anderen Gutshof in der Nähe an, der zufällig noch ein Zimmer frei hat.

Dort angekommen erwartet uns ein Couple, das noch zusammen ist. Auriel und Lea haben sich in einem Café im Prenzlauer Berg kennengelernt. Als Lea schwanger wurde, entschlossen sie sich dazu, aufs Land zu ziehen und dort die „Gastfreundschaft zu leben“. Jetzt beherbergen sie stadtmüde Berliner und versorgen sie mit selbstgemachter Marmelade, Kuchen und Joghurt vom Bauernhof aus der Nachbarschaft. David und ich werden hier vermutlich auch als Couple wahrgenommen. Jedenfalls werden wir in ein Zimmer mit Doppelbett verfrachtet.

Eine Trennung ist wie eine Beerdigung

Dass David und ich uns jetzt gut verstehen, war gar nicht absehbar. Jedenfalls nicht bei der Trennung. Wie man sich trennt, bestimmt auch die Zukunft einer Beziehung. Als David sich trennte, kam ich gerade aus dem Urlaub. Nach zwei Stunden Schreien, Weinen und Streiten war die Entspannung einer Woche Wellnesshotel in Karlsbad dahin. Ich dachte damals, dass ich David nie wiedersehen würde. Dass die Trennung endgültig ist und unsere Beziehung daran zerbrechen würde. Wie sollte es auch anders sein. Meine anderen Trennungen liefen so ab. Die meiner Freundinnen auch. Ich kenne kein getrenntes Paar, das noch gut miteinander befreundet ist.

Und zugegeben: Wenn ich jemanden kennenlernen würde, der gut mit seinen Expartnern befreundet ist, fände ich das sogar erstmal verdächtig. Ich löschte also Davids Instagram und legte mich schlafen. Obwohl ich todmüde war, konnte ich nicht einschlafen. Dieses schlimme Trauergefühl hielt mich wach. Das Schlimme an Trennungen ist eigentlich nicht das Ende einer Liebe, sondern das Gefühl, jemanden für immer verloren zu haben, als sei der andere plötzlich gestorben. Trennungen sind wie Beerdigungen. Man weint, weil man denkt, dass ein Mensch gerade für immer von uns gegangen ist. Eigentlich weint man natürlich wegen seiner eigenen Sterblichkeit, aber das begreift man in dem Moment natürlich nicht.

Jedenfalls lag ich im wahrsten Sinne des Wortes todtraurig im Bett und bemitleidete mich selbst, weil ich wieder allein war. Aber dann, so kurz nach zwei Uhr, kam die Lösung. Es musste ja nicht so sein, dass David für immer verschwindet. Wäre ich dann weniger traurig? Mit diesem tröstlichen Gedanken schlief ich ein. Natürlich hat das nicht geklappt. In den nächsten Tagen habe ich meine Sachen bei ihm abgeholt und meinen Schlüssel in den Briefkasten geworfen. Mit einem kleinen Kaktus im Arm spazierte ich nach Hause. Ich ging schon davon aus, dass wir uns nicht wiedersehen würden. Vielleicht mal zufällig auf der Straße. Dann würden wir uns mit gleichgültiger Miene zunicken.

Die Regel: Kein Kuscheln über 25 Grad

Als ich mir im Bad einen Bikini anziehe, denke ich darüber nach, wie man sich verhält, wenn man nicht mehr zusammen ist. Es gibt extrem viele Bücher und Filme, die erzählen, wie man sich beim ersten Date verhält, bei One-Night-Stands oder wenn einer den anderen im Bett mit jemand anderem überrascht. Aber was ist, wenn man sich trennt? Dafür gibt es eigentlich kein Protokoll – von On-Off-Situationen ganz zu schweigen. Wie nah darf man sich nach dem Ende einer Beziehung noch sein? Was für Regeln gelten? Ich ziehe mich im Badezimmer um, obwohl es etwas albern ist, den eigenen Körper vor jemandem zu verstecken, der ihn wahrscheinlich besser kennt als man selbst. Für David sind die Regeln klar: „Keine dummen Sprüche, keine Fummeleien und kein Kuscheln über 25 Grad.“

Wir gehen schwimmen und haben eine richtig gute Zeit. In Berlin sind es gerade um die 33 Grad. Und ein paar Kilometer entfernt von uns hängen sehr viele Menschen auf der Fusion ab. Während ich mit dem Dackel Kalle spiele, der zufällig des Weges kommt, liest David auf der Bank Zeitung. Alles ist so friedlich. Ich fühle mich mit David wieder so sicher wie früher. Trotzdem bin ich nicht traurig. Obwohl ich auch davor Angst hatte. Wer hat schon Bock auf Liebeskummer an der Mecklenburgischen Seenplatte?

Zurück im Hotelzimmer dusche ich, während David pinkelt. Zurückhaltung haben wir durch Pragmatismus ersetzt. Den ersten Haken an der Sache finde ich auf dem Weg in ein Restaurant. Im Auto weist David mich darauf hin, der Sicherheitsabstand zum nächsten Wagen sei aus seiner Perspektive nicht ausreichend hergestellt. „Schon witzig, mit einem Exfreund in den Urlaub zu fahren“, sage ich, auch um ihm das Maul zu stopfen. „Sprich darüber mit ner Freundin“, sagt er. Er scheint nicht so gerne über unsere neue Freundschaft reden zu wollen wie ich. „Ich finde es unnötig, über weirde Dinge zu reden.“

Es gibt Gründe, den Ex aus dem Leben zu canceln

Das Ganze erinnerte mich an Momente aus unserer Beziehung, in der im falschen Moment nicht geredet wurde. Nach dem Dessert hieß es dann: „Okay, jetzt bin ich soweit. Was willst du besprechen?“ Scheinbar tut die Trennung ihm bisher gut. Früher hätte es mehr als ein paar Stunden gebraucht. Er erzählt mir, dass er vor der Trennung Angst davor hatte, dass wir uns dann nicht mehr sehen würden. Und dass es eine sehr schwere Entscheidung für ihn war. Ich erzähle ihm, dass die Trennung richtig war, dass ich froh bin, ihn als Freund behalten zu können. Das konnten wir uns vor einen halben Jahr, als unsere Beziehung zu Ende ging, noch nicht sagen.

Es gibt schon Gründe dafür, warum die meisten Menschen Expartner aus ihrem Leben canceln: verletzter Stolz, Angst, Wut. Freundeskreise lösen sich auf, Routinen brechen auf. Man lässt sich einen neuen Haarschnitt schneiden und gabelt in der nächsten Kneipe jemanden für plumpen Rebound-Sex auf. Wirklich heilsam ist das nicht. So lernt man jedenfalls nichts über sich selbst. Ich hatte bis heute nicht wirklich verstanden, warum er sich getrennt hat. Als wir jetzt nochmal darüber sprechen, sind wir uns wieder so nah, dass ich die Gründe annehmen kann.

Zusammen in einem Bett zu schlafen ist David unangenehm, mir nicht. Gibt es so etwas wie Body Memory? Erinnert sich ein Körper an die Anwesenheit des anderen? Oder vergisst er so schnell wie das Gehirn? Mitten in der Nacht wache ich von Davids Schnarchen auf. Wenn irgendjemand denkt, mit seinem Exfreund in einem Bett zu schlafen, könnte verhängnisvoll sein, sei hiermit eines Besseren belehrt.

Am nächsten Tag gehen wir wandern. Mittags ist es so heiß, dass wir beschließen, in einem der vielen Seen schwimmen zu gehen. Ist es okay, mit seinem Exfreund nackt zu baden? Als wir in der Sonne sitzend trocknen, beobachte ich einen Schmetterling, der in einem von Davids Schuhen sitzt und sehr aufgeregt mit seinem Rüssel schnüffelt. Ich begleite seine Bewegungen mit Stöhngeräuschen, die David unangenehm sind. „Der Schmetterling steht wohl auf deine Käsefüße“, sage ich und stöhne. David lacht. „Bist du etwa eifersüchtig auf einen Schmetterling?“

Wir sitzen schließlich in einem Liegestuhl am Canower See und essen Fischbrötchen. Ich freue mich, hier zu sein. Sicher wird sich unsere Beziehung nochmal ändern, wenn eine neue dazukommt. Die Vorstellungen, die wir von möglichen Beziehungsformen haben, sind ziemlich limitiert. Wenn mir der nächste Typ beim Date erzählt, dass er am Wochenende mit seiner Exfreundin wegfährt, nehme ich ihn auf jeden Fall mit nach Hause.