Berlin - Angesichts der Begeisterung über die wieder in altem Glanz erstrahlende Neue Nationalgalerie auf dem Berliner Kulturforum ist eine kleine Veränderung nahezu unbemerkt geblieben. Seit 1969 stand auf dem Vorplatz des Kunsttempels aus Glas und Stahl eine Mobile-Skulptur des amerikanischen Bildhauers George Rickey, deren „Vier Viertel im Geviert“, so der Titel, sich sanft im Berliner Wind hin und her bewegten. Seit Beginn der Sanierungsarbeiten ist sie verschwunden, demnächst soll sie an anderer Stelle im Skulpturengarten wieder errichtet werden.

Die Rickey-Skulptur hatte einst Werner Haftmann für die Neue Nationalgalerie erworben, der zwischen 1967 und 1974 deren Direktor war und zuvor neben Arnold Bode zu den entscheidenden Köpfen in der Gründungsphase der Documenta gehörte. Vor dem Hintergrund seines Kasseler Wirkens ist zuletzt intensiv über Haftmanns erst spät entdeckte Verstrickung in das NS-Regime berichtet worden. Vor wenigen Wochen war der Historikerin Karin Wieland und Heinz Bude, dem Direktor des Documenta-Instituts in Kassel, der Nachweis zu führen gelungen, dass Haftmann bereits vor 1933 Mitglied der berüchtigten SA war.

Antibürgerliche Affekte

Wieland und Bude werten diese biografischen Indizien nicht allein als weiteren prominenten Fall der Anbiederung an das nationalsozialistische Regime. Vielmehr haben sie in einem Beitrag für die Wochenzeitung Die Zeit zuletzt herausgearbeitet, wie sehr Werner Haftmanns Verständnis von Moderner Kunst von einem starken antibürgerlichen Affekt geprägt war, was nicht zuletzt Rückschlüsse auf die Ausprägung der künstlerischen Moderne in Deutschland selbst zulässt. Während die Kunst von vielen als wichtige Triebfeder der jungen Demokratie aufgefasst wurde, schlummerte in ihr auch eine zutiefst antidemokratische Haltung, die lange unbemerkt in der Person Haftmanns ihren Ausdruck gefunden hat.

Als angesehener Kunsthistoriker war er maßgeblich an der Durchsetzung der Nachkriegsmoderne in West-Deutschland beteiligt, die Rehabilitierung Emil Noldes, der als von den Nazis verfemter Maler galt, verlief neben Siegfried Lenz’ Roman „Deutschstunde“ auch über Werner Haftmann, der bedeutende Texte über Nolde publiziert hat. Erst in jüngerer Zeit aber konnte eine intensive Auseinandersetzung mit Noldes strammen Antisemitismus stattfinden, insbesondere auch in einer großen Berliner Ausstellung im Hamburger Bahnhof.

Die Diskussion über Werner Haftmanns kulturpolitische Rolle und Wirkung konzentrierte sich zuletzt weitgehend auf die Folgen seiner NS-Vergangenheit für Kassel und die Documenta. Dass es den Bedarf einer geschichtspolitischen Aufarbeitung auch für Berlin und die Neue Nationalgalerie gibt, wurde bislang geflissentlich übersehen.

Pflastersteine gegen die Neue Nationalgalerie

Dabei waren Haftmanns Aktivitäten auch in der Berliner Kunstwelt eminent politisch. Zu fragen wäre etwa, welche Ausrichtung seine kunstpolitische Mission mit Blick auf die Systemkonkurrenz mit der DDR hatte. Zudem befand sich die Bundesrepublik Ende der 1960er-Jahre in einer anhaltenden Konfliktphase, und die Auseinandersetzungen um die künstlerische Moderne spielten dabei eine zentrale Rolle. So waren auch gegen die Fensterscheiben der Neuen Nationalgalerie 1968 Pflastersteine geflogen, es ging dabei um die Forderung nach einer Demokratisierung der Museen.

Ganz so schwerelos, wie sich die Quadrate George Rickeys im Berliner Wind zu bewegen schienen, war die Sache also nicht. Als Haftmann 1974 aus dem Amt schied, kam er in einer Abschiedsrede auch noch einmal auf die Angriffe aus dem Jahr 1968 zu sprechen. In mancherlei Hinsicht aber schien Mitte der 70er-Jahre die Zeit über den radikalen Verfechter der Modernen Kunst, als der Haftmann sich sah, hinweggegangen. Werner Haftmanns Radikalität war anders imprägniert als die der nachfolgenden Generation.

In Berliner Museumskreisen hat der Name Haftmann allerdings noch immer einen guten Klang. Den geringen Ankaufsetat für junge Kunst etwa kompensierte er geschickt mit erfolgreichen Anträgen bei der Stiftung Deutsche Klassenlotterie. Auf einer von seiner letzten Ehefrau Evelyn Haftmann verantworteten Homepage, Werner-Haftmann.de, ist dessen berufliche Biografie ausführlich dargestellt, allerdings unter Ausblendung der jüngsten Erkenntnisse über die Mitgliedschaften in der NSDAP und SA. Fast hat es den Anschein, als sei man in Berlin froh darüber, dass die dunkle Vorgeschichte Werner Haftmanns nun von Kassel aus beleuchtet wird.

Es braucht Berliner Ergänzungen zu den Recherchen aus Kassel

Weit wichtiger als eine nachträgliche Lossagung von einem, der in den 60er-Jahren eine Art Herr der Bilder war und auch sein wollte, wäre allerdings die Erschließung einer dahinter verborgenen kulturpolitischen Agenda, für die ein ganz anderes Verständnis von ästhetischer Moderne steht.

Im Kontext von Mies van der Rohes Neuer Nationalgalerie ist in den vergangenen Tagen stets auch auf den Zusammenhang von Transparenz, Architektur und offener Gesellschaft angespielt worden. Dahinter aber gibt es erschreckende Phänomene der Intransparenz. Diese insbesondere in Bezug auf Werner Haftmanns Berliner Wirken zu beheben, sollten sich die Staatlichen Museen mit großer Dringlichkeit zu eigen machen. Wie im Fall der NS-Vergangenheit des früheren Berlinale-Chefs Alfred Bauer wird man nun auch über einen Berliner Fall Werner Haftmann sprechen müssen. Die Recherchen aus Kassel dürfen nicht ohne Berliner Ergänzung bleiben.