Berlin - Der Sonntag ist in der deutschen Dichtung schlecht beleumundet. Während Franz Josef Degenhardt in seinem Stück „Deutscher Sonntag“ die kleinbürgerliche Langeweile wie eine Spinne die Wand hochkriechen sah, intonierte sein Kollege Wolf Biermann diese in dem Stück „Ballade vom Buckower Kleinstadt-Sonntag“ durch das penetrante Anschlagen des ewiggleichen Akkords auf der Gitarre. „Geh’n wir mal hin? Ja wir gehen mal hin./Ist hier was los? Nein, es ist nichts los“.

Die beiden Sänger, die in den 1970er-Jahren viele in einem erbitterten deutsch-deutschen Sangeswettstreit wähnten, waren sich trotz ihrer unterschiedlichen Positionierung zumindest in der Wahrnehmung der Sonntagsstimmung einig. Zwanzig Jahre später pflichtete ihnen Sven Regener bei, wenn er in dem Lied „Michaela sagt“ seiner Band Element of Crime singt: „Michaela sagt, sie kann Sonntage nicht leiden/denn da treiben alle Leute so wie Quallen durch den Tag“.

Bitte nur einzeln durchgehen

Am vergangenen Sonntag waren wir wie zwei dieser Quallen. Ohne ein Ziel vor Augen zogen wir am Volkstrauertag, zu dem Unter den Linden weiträumig die Straßen abgeriegelt waren, weil sich der Bundespräsident angekündigt hatte, einen Kranz niederzulegen, durch das Humboldt-Forum. Einfach so, die sogenannten Zeitfenster-Tickets hatten wir nicht reserviert. Eher ging es darum, den Leuten dabei zuzusehen, wie sie das neue Gebäude in Beschlag nehmen. Einige waren bestens präpariert, sie schienen genau zu wissen, wo sie lang müssen. Andere verhedderten sich in den Drehtüren und mussten vom Personal zurechtgewiesen werden, bitte nur einzeln durchzugehen. Quallen eben.

Als wir wieder draußen waren, lauschten wir einem Passantengespräch, in dem ein Mann seiner Frau erklärte, dass dies ein preußisches Schloss sei, das für viele Millionen wieder aufgebaut worden sei. Ach, dachte ich da, wie wohltuend es vielleicht sein könne, von all den Debatten um das Humboldt-Forum, dem Leid mit dem Kreuz und dergleichen noch gar nichts mitbekommen zu haben. Deutscher Sonntag, sich treiben lassen, alles wie immer.