Berlin - Auf dem Weg aus der Ostprignitz in die niedersächsische Südheide führt unser Weg immer wieder einmal durch die Altmark. Eine Landpartie, die Strecke ist deutlich kürzer als die Fahrt über die Autobahn, eine Zeitersparnis ergibt sich allerdings nicht.

Unterdessen fragen wir uns jedes Mal, anhand welcher Merkmale der frühere Grenzverlauf auszumachen sei. Verlässliche Indizien lassen sich kaum finden. Die Altmark und die niedersächsische Elbregion sind gleichsam ländliche Räume, die nicht gerade prosperieren. Hier und da gibt es regionalen Tourismus, die Deutschen entdecken ihre nahen Reiseziele nicht erst seit der Corona-Pandemie. Sonderlich schlecht scheint es den Menschen, betrachtet man die Einfamilienhäuser samt der davor parkenden Autos, nicht zu gehen.

Alle wollen nach oben

Auf die Frage, warum die linken Parteien bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zuletzt nur noch einstellige Ergebnisse zu erzielen vermochten, antwortete der Soziologe Harald Welzer in einem Radio-Interview, vermutlich gehe es den Menschen zu gut. Parteien, die sich erklärtermaßen den Schlechtergestellten verschrieben haben, stehen nicht sonderlich hoch im Kurs. Mit den sogenannten Prekarisierten, so haben es bereits Gerhard Schröder und Tony Blair vor 20 Jahren in ihrem New-Labour-Papier aufschreiben lassen, sei nun mal kein Staat zu machen.

Ergänzend darf man wohl feststellen, dass sich die Menschen noch nie gern den Prekarisierten zuschlagen lassen mochten. Klassenbewusstsein galt als starkes Argument zur Abgrenzung nach unten, die Pauperisierten, wie es früher hieß, waren immer die anderen.

Heute wollen weder die Linkspartei noch die SPD klassische Arbeiterparteien sein, und ein entsprechender Arbeiterstolz schlägt sich kaum mehr im Wahlverhalten nieder. Neben sozialen Zugehörigkeiten sind psychologische Befindlichkeiten von wachsender Bedeutung, die Stimmung der Bürger hat nicht zwangsläufig etwas mit Stellung, Herkunft und Zukunftserwartungen zu tun. In Gesellschaften mit hoher sozialer Mobilität scheinen sich die Klassengrenzen weitgehend zu verflüchtigen. Das Bedürfnis, diese hinter sich zu lassen oder auch nur auszublenden, ist weit verbreitet. Soziologisch betrachtet ist das Phänomen nicht neu. In seiner Studie über die „Angestellten“ hatte Siegfried Kracauer bereits 1930 festgestellt, dass die Menschen jener Klasse, der sie zugerechnet werden, zu entkommen streben – aufwärts, versteht sich.

Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit, denen die Sozialdemokratie ihre große Geschichte verdankt, erscheinen selbst als prekär, aus der Zeit gefallen. Für Wahlentscheidungen jedenfalls sind Klassenlagen weniger ausschlaggebend als Gefühlslagen. Gesellschaftliche Veränderung wird kaum noch als Verheißung, immer öfter aber als Bedrohung empfunden.

Sensibilität als Kampfmittel

Wo das Prinzip der sozialen Gerechtigkeit, dessen Geltung für sich selbst, nicht zuletzt aber auch für andere als Regulativ und Ordnungsprinzip noch in Anspruch genommen wird, geht es einher mit einer sogenannten Wokeness, einer demonstrativ behaupteten Wachsamkeit gegenüber der Diskriminierung sozialer Gruppen, die nicht zuletzt als Ausdruck eines bestimmten Lebensstils inszeniert wird und sich dabei an markante soziale Unterscheidungsmerkmale heftet. In der Haltung der Wokeness wird erhöhte Sensibilität für soziale Ungerechtigkeit eingefordert, die sich weniger aus dem gesellschaftlichen Wettbewerb ergibt, sondern aus gegebenen Merkmalen wie sexueller Orientierung und Hautfarbe.

Aufmerksamkeit und Anerkennung hat die Wokeness vor allem in den erweiterten Zonen symbolischer Kampfgebiete erlangt. Längst werden kulturelle Überbietungswettkämpfe um den Nachweis ausgetragen, dass die anderen nicht genügend Sensibilität für soziale Differenzierung aufbringen. An der Diskussion über das sogenannte Gendern ist nicht zuletzt eine Art diskursiver Spaltung deutlich geworden, und an die Stelle des zwanglosen Zwangs des besseren Arguments ist eine Hermeneutik des Verdachts getreten.

Obwohl die Durchsetzung sprachlicher Sensibilität die Unterdrückung von Frauen insbesondere auch durch Sprache in nahezu jedem Satz kenntlich machen möchte, läuft sie Gefahr, das Prinzip der sozialen Gerechtigkeit zu konterkarieren. So jedenfalls sieht es der französische Soziologe Didier Eribon im aktuellen Spiegel-Interview. Die Beherrschung von Grammatik, so Eribon, sei seit jeher ein anspruchsvolles Klassenprivileg gewesen. „Sie ist einer der Hauptfaktoren für die Eliminierung von Arbeiterkindern aus dem Schulsystem, der Universität und den nichthandlichen Berufen.“ Sprache dürfe sich verändern, so Eribon. „Wir müssen aber eher vereinfachen statt alles komplexer zu machen.“ Es wäre paradox, wenn ein Produkt, das geschlechtsspezifisch inklusiv sein wolle, die Ausgrenzung sozialer Schichten verfestige.

Während sich in der sozialen Wahrnehmung der Eindruck erhärtet, dass partikulare Wokeness in Konkurrenz zu einem eher allgemeinen Verständnis sozialer Gerechtigkeit getreten ist, feiert auf Seiten der politischen Rechten eine Haltung Erfolge, die gesellschaftliche Komplexität negiert und einfache Lösungen propagiert.

Haben wir eine Wahl? Für die anstehenden politischen Kämpfe wird viel von der Fähigkeit abhängen, symbolische Terraingewinne von den Bemühungen zu unterscheiden, in denen die Idee der sozialen Gerechtigkeit neu ausgehandelt und für die Zukunft fruchtbar gemacht wird.