Die Welt, auf die ein Kind kommt, ist erst einmal ziemlich begrenzt. Und sie öffnet sich allmählich. Vom Wochenbett über die Wiege, durch das Kinderzimmer und den Kindergarten in die Schule. Hier wäre ein guter Moment, um kurz innezuhalten, denn jetzt werden die Weichen gestellt. Es folgt der Schritt in die Ausbildung, dann ins Berufsleben mit dem dazugehörigen Erklimmen von Karriereleitern und Rentenansprüchen. Gegen Ende des Lebens wird es dann wieder enger.

Der Bundespräsident hat die Idee einer Dienstzeit in die Runde geworfen und ist damit auf geteilte Meinungen gestoßen. Ob man dafür oder dagegen ist, gut an der Idee ist, dass die Aufmerksamkeit auf diese Umbruchphase des Lebens gerichtet wird. Vielleicht sollte man auch hier kurz innehalten und ein paar Erfahrungen teilen. Wie setzt man seine ersten Schritte ins eigene Leben? Was hilft bei der Suche nach dem richtigen Weg?

In der Redaktion der Berliner Zeitung kreuzen sich sehr verschiedene Lebenswege, es laufen Erfahrungen aus Ost und West, von älteren und jüngeren Frauen und Männern zusammen. Wir haben ein paar Schlaglichter gesammelt, Erinnerungen an die Armee- und Zivildienstzeit, an Ernteeinsätze, Gelegenheitsjobs, an Begegnungen, Herausforderungen, Enttäuschungen und Erweckungen.


Kragenbinden-Schrubben beim Kommiss

„Warst du schon beim Kommiss?“, so fragte mich einst ein uralter Verwandter meiner Frau, der wohl selbst noch in den Ersten Weltkrieg geritten war. Ich bestätigte ihm das. Denn „der Kommiss“ – also der Wehrdienst – war das, was einen als Jungen in der DDR obligatorisch erwartete. Manche fanden das sogar generell gut, weil doch da „Jungs zu Männern“ gemacht würden, wie eine spätere Kollegin sagte.

Aber was bedeutete das in der Praxis? Na, man musste zum Beispiel seine Unterwäsche eckig auf Pappe ziehen, damit sie im Spind eine perfekte Front bildete. Man musste seine Stiefel wienern, sein Bett bauen, Knöpfe annähen, schmutzige Kragenbinden blütenweiß schrubben, den Mantel bügeln können. Wer so etwas bis dahin „bei Mutti“ nicht gelernt hatte, der musste es trotzdem irgendwie tun.

Aber machte einen so etwas zum Mann? Machte es einen zum Mann, zu lernen, dass man jeden Befehl erfüllen muss – und zwar „ohne zu fragen und zu diskutieren!“? Machte es einen zum Mann, in einer Hierarchie zu sein, in der die Älteren (Soldaten, die schon „länger gedient“ hatten) die Jüngeren schikanierten? Was übrigens vom System geduldet wurde.

Zwar hatte ich nach ein paar Wochen „beim Kommiss“ schon etwas mehr Muskeln und ein männlicheres Gesicht. Mir schmeckten die einfachste Graupensuppe und das „Atombrot“ aus der Dose. Das kindlich Mäklige war weg. Zum Mann machte mich all das aber nicht – sondern erst die Erkenntnis, was ich in meinem Leben wirklich will und was nicht. „Der Kommiss“ war es auf keinen Fall. Torsten Harmsen


Urinkellner auf der Pflegestation

Das Alten- und Pflegeheim lag sehr idyllisch in einem Wald am Rande von Hamburg. Dort sollte ich für 20 Monate meinen Zivildienst leisten – und damit meiner Wehrpflicht nachkommen. Das war meine erste staatsbürgerliche Pflichtübung nach der Schule. Doch vor allem war das meine erste Begegnung mit dem Staat und seinen Rechten gegen mich. Und auch die Durchsetzung meines Rechtsanspruchs in einer unwürdigen Gewissensprüfung beim Kreiswehrersatzamt, nachdem ich den „Kriegsdienst mit der Waffe“ (Artikel 4 Absatz 3 des Grundgesetzes) verweigert und nunmehr meinen Kriegsdienst ohne Waffe anzutreten hatte.

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Mit der Bettpfanne (Steckbecken) gingen wir von Zimmer zu Zimmer: die Urinkellner von der Pflegestation.

Dass es sich hierbei um einen Kriegsdienst handelte, wurde schnell klar. Denn zum einen wären wir Zivildienstleistenden im sogenannten Spannungs- und Verteidigungsfall einberufen worden – zur kriegswichtigen medizinischen, humanitären Versorgung im Hinterland. Zum anderen ging es für uns an die Front in einem prekären gesellschaftlichen Sektor: Pflegenotstand herrschte schon damals, in den 80er-Jahren, wir Zivildienstleistende waren Lückenbüßer im sozialen System. Wir halfen aus, waren der billige Ersatz, Lohndrücker … Mein Zivildienst war in dieser Perspektive denkbar weit entfernt von der sozialromantischen Idee des Helfens.

Auf meiner Pflegestation nannten wir Zivis uns Urinkellner. Klar, Inkontinenz allerorten. Wir begleiteten Menschen beim Sterben, altersschwache und sterbenskranke Menschen. Sie waren uns anvertraut, ausgeliefert. Hier bekam das Wort Würde für mich zum ersten Mal einen ernsten, harten Klang. Sie war nicht einfach unveräußerlich da, wir mussten sie bewahren und einrichten. An dieser Aufgabe scheitern wir, Staat und Gesellschaft, bis heute. Zu den prägenden Erlebnissen gehört, als ich meinen Lieblingspatienten, nachdem er gestorben war, „schön“ machen sollte: Ich wusch ihn, rasierte ihn an Kinn und Wangen. Ehrenpflicht über den Tod hinaus. Christian Schlüter


Ein Anstoß, den ich mir als junge Frau gewünscht hätte

Natürlich klingt das wieder mal total unsexy, wenn wir hierzulande über „die Einführung eines sozialen Pflichtdienstes für junge Menschen“ reden. Aber lässt man mal die behördensprachlichen Aversionen und die ersten Bevormundungsreflexe beiseite, ist die Idee doch gar nicht so schlecht. Ich jedenfalls hätte mir nach dem Abitur durchaus ein bisschen mehr Druck in diese Richtung gewünscht.

Statt nach 13 Jahren Schule erst mal Luft zu holen, den Blick zu weiten und vielleicht auch dahin zu gehen, wo es wehtut, wechselte ich nach einem kurzen Praktikum direkt an die Uni. Wo es dann im Prinzip so weiterging wie am Gymnasium: Frontalunterricht, Vorträge, Prüfungen. FSJ und FÖJ waren damals bei uns in der Brandenburger Provinz kein großes Thema. Viele meiner Mitschülerinnen machten gleich nach der Schule eine Ausbildung, sie wollten endlich ihr eigenes Geld verdienen.

Mein Bruder, der noch Zivildienst leistete, hatte da weniger Wahl: Als ich schon in öden Statistikvorlesungen vor mich hindämmerte, arbeitete er im Potsdamer Oberlinhaus mit Schwerstbehinderten. Eine Zeit, die ihn sehr forderte und ungemein prägte. Er habe echte Emotionen erlebt, Zuneigung erfahren, aber auch gelernt, die Dinge entspannter zu sehen, sagt mein Bruder heute über seine Zeit als Zivi.

Ich freue mich von Herzen darüber, dass er diese Erfahrungen machen konnte, und war damals auch wahnsinnig stolz auf meinen kleinen Bruder. Ein wenig beneidete ich ihn um diese Lebensspanne. Ich war zwar schnell mit meinem Studium fertig, aber die Chance auf eine gemeinwohlorientierte Zwischenzeit, die hatte ich vorerst verpasst. Dafür ist es zwar nie zu spät, aber die Gelegenheit war selten so günstig. Anne Vorbringer


Mein Name war ihr erstes Wort

Freiwillig hätte ich das nie gemacht: den Umgang mit geistig behinderten Kindern gesucht. Und doch war es so ungefähr das Beste, was mir in jenen Umbruchsjahren passieren konnte. Ich freundete mich mit lauter mehr oder weniger netten Leuten und ihren Eigentümlichkeiten an, besonders aber mit einem siebenjährigen Mädchen namens Claudia.

Sie war es, die mir gleich am ersten Tag den Groll auf die zu leistende Zivildienstpflicht und meine Scheu in der ungewohnten Umgebung voll fremdem Geheul, Gebrumm und Gelächter nahm. Sie grinste mich breit an und griff nach meiner Hand. Ich sollte mit ihr spielen. Und weil ich nicht wusste, wie man mit einer wie Claudia spielt, zeigte sie es mir.

Sie war mit einem ausgeprägten Downsyndrom auf die Welt gekommen, konnte noch nicht sprechen, aber sehr laut brüllen und lachen. Sie aß gern, vor allem Süßigkeiten, und kleckerte herrlich. Sie ließ, wenn sie sich auf etwas konzentrierte, aus Versehen ihre Zunge sehen. Oft aber auch mit Absicht, wobei sie sich zugleich die Augen zuhielt.

Aber nicht nur die Zunge saß locker, sondern ihre ganze Emotionalität. Wenn sie traurig war, brach sie unverzüglich in Tränen aus; wenn ihr etwas schmeckte, konnte man das sehr gut hören; wenn sie wütend war, flogen während der Mittagspause die Klappliegen. Aber, wie gesagt, meistens lachte sie, und zwar wie ein ganzer Bauernhof.

Irgendwann vernahm ich viele U-Laute in Claudias Lachen: Huhuhuhi, Ululululi. Mein Name war ihr erstes Wort. Ich habe mein Abschiedsgeld kassiert, eine große Reise gemacht und Claudia aus den Augen, aber nicht aus dem Sinn verloren. Das war vor dreißig Jahren. Menschen mit Downsyndrom haben keine hohe Lebenserwartung. Ulrich Seidler


Engel auf Zeit

Die Unabhängigkeit nach bestandenem Abitur währte nur kurz. Auf Ferien in Griechenland folgte ein Job in der örtlichen Molkerei. Milchkannen bewegen, Käse ausstechen, manchmal auch wenden. Das Gefühl der Beschämung, sich dabei dumm anzustellen, war dauernd präsent. Aber es kam schlimmer.

Es wartete der Einberufungsbescheid zum Malteser Hilfsdienst in Paderborn. Von Ende 1978 bis Anfang 1980 absolvierte ich dort den zivilen Ersatzdienst, wie es damals noch hieß, beim Fahrdienst: Essen auf Rädern und der Transport von Menschen mit Handicaps, manchmal auch schnöde Entrümpelungen. Keine anspruchsvolle Sache, und der Kontakt zu den Menschen, die die Hilfe von uns Zivis in Anspruch nahmen, war auf wenige Augenblicke am Tag beschränkt. Für manche waren wir ausschließlich langhaarigen Essensboten oft die einzige regelmäßige Begegnung. Es gab Szenen der Rührung und Dankbarkeit, aber auch der Zurückweisung. Wir waren bloß Engel auf Zeit, auf uns konnte man nicht bauen.

Der Zivildienst war eine Durchgangsstation an der Schwelle zum Erwachsensein, und anfangs habe ich die Zwangsrekrutierung, der ich ausgesetzt war, als Schmach empfunden. Das Milieu, dem ich mich zugehörig fühlte, stand dem Staat kritisch bis feindlich gegenüber. Sich einfach zu entziehen – durch einen Umzug nach Berlin wäre es möglich gewesen –, war für mich keine Option. Die Dienstverpflichtung, der ich mich hilflos ausgesetzt sah, wurde gelindert durch eine Zahlung, die dem militärischen Jargon entsprechend Sold hieß. Dieser entfaltete bald das Paradox, das Gefühl grenzenloser Freiheit zu genießen. Nie, so erzähle ich es gern, habe ich mehr verdient als damals. Harry Nutt


Der Grüne Grässliche aus dem Leipziger Umland

Zu meiner Zeit hatten sich Leipziger Studenten als Erstes in der Apfelernte des Golden Delicious in Dürrweitzschen zu bewähren. Oder nur die Journalistik-Studenten, Näheres weiß ich nicht mehr. Verkauft wurde der Apfel in der DDR als Goldener Köstlicher, wir nannten ihn den Grünen Grässlichen. Es hat Spaß gemacht, wir lernten uns kennen, die klügsten Köpfe, die später eine Studentenzeitung gründeten, hielten damals die lustigsten Reden. Richtige Obstbauern waren in Hörweite, weshalb uns untersagt wurde, den Rias im Radio anzustellen, wegen der Vorbildwirkung. Da mein Abitur mit einer Berufsausbildung (als Schriftsetzer) verbunden war, hatte ich bereits gewisse Erfahrungen, bevor ich an die Universität ging. Aber Landwirtschaft war noch mal was anderes.

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Der Golden Delicious, oder wie es damals hieß: Goldener Köstlicher.

Später, als die Arbeitskräfte auf den Feldern nicht reichten, mussten wir in Eiseskälte Porree ernten. Meine Finger fangen bei dem Gemüse noch heute an zu frieren. Und nachdem der Dauerfrost im Januar 1987 sogar einige paramilitärische Ausbildungsstätten zerstört hatte, verkürzte sich unsere Zeit im Wehrausbildungslager des zweiten Studienjahrs auf zwei Wochen. Die anderen zwei dafür vorgesehenen Wochen führten wieder zu den Apfelbäumen, diesmal mussten sie beschnitten werden. Ich vermute, dass sie unser Ungeschick nicht überlebten. Oder gab es in den Neunzigerjahren noch irgendwo Äpfel aus Sachsen zu kaufen? Cornelia Geißler


Heldin von Bangkok

Es brennt im Haus. Aus dem Fenster des zweiten Stocks ist ein bettlägeriger Mensch abzuseilen. Auf einer Trage fixiert, muss er so gen Boden gleiten, dass er weder kopfüber noch fußunter abstürzt. Wie das geht, habe ich gelernt während der Zivilverteidigungsausbildung, die pflichtgemäß während des Studiums zu DDR-Zeiten zu absolvieren war. Diesen Ernstfall erlebte ich nie.

Dass ich Jahre später an einem Bangkoker Hotelpool zur Heldin werden konnte, ist einem anderen ZV-Lager-Kurs zu danken: dem für Mund-zu-Mund-Beatmung und Herzdruckmassage. Das kam so: Beim Schwimmen sah ich unter mir einen Körper am Boden treiben. Runtertauchen und hochhieven ging schnell. Es war eine zierliche Frau. Ein Junge am Beckenrand half, sie über den Rand zu ziehen. Sie war schon ganz blau. Literweise floss beim Anheben der unteren Körperhälfte Wasser aus ihrem Mund. Etwa eine Viertelstunde habe ich abwechselnd meinen Atem in ihren Körper geblasen und unterhalb der Herzgegend ihre Rippen mit Druckmassage traktiert – bis sie röchelte, spuckte, nach Luft rang, anfing, selber zu atmen.

Erst in diesem Moment nahm ich wahr, dass um mich herum zwei Dutzend Leute standen, guckten – und dann applaudierten. Der Notarzt kam wegen Staus später. Das Hotel dankte mit Obstkörben, Champagner und einem überschwänglichen Brief. Dort steht schwarz auf weiß: Ich bin eine Lebensretterin. Die junge Frau war übrigens eine Chinesin aus Hongkong. Es ging ihr bald wieder gut. Das ZV-Lager hat sich gelohnt. Maritta Tkalec