„Hi, sieh mal an, wer hier ist!“ Deborah Feldman und Maria Schrader beim Interview im Berliner Kino Babylon.
Benjamin Pritzkuleit 

BerlinDeborah Feldman wartet alleine am Kino Babylon, wo wir verabredet sind. Maria Schrader steckt im Zug fest und will später dazukommen. Feldman ist Schriftstellerin. Sie hat in ihren Büchern ihren Ausstieg aus ihrer jüdisch-ultraorthodoxen Gemeinde in Williamsburg und ihre Flucht nach Berlin beschrieben. Schrader hat Feldmans Geschichte jetzt für Netflix als Serie verfilmt. Während wir auf die Regisseurin warten, beginnen wir das Gespräch schon mal alleine.

Wie geht es Ihnen in diesen unsicheren Zeiten, Deborah?

Es geht so. Ich habe eine Angststörung, denn ich komme aus einer Gemeinde, die sich unentwegt mit dem Ende der Welt beschäftigt, in Zeiten wie diesen werden dort die Tage gezählt.

Bis der Messias kommt?

Oder bis die Welt untergeht. Haben wir uns richtig verhalten, kommt der Messias, wenn nicht, gehen wir unter. Mit diesem Apokalypse-Denken bin ich aufgewachsen. Und jetzt holt es mich wieder ein. Ich bin aus dieser Welt geflohen, ich will nicht, dass die Welt endet und versuche, immer daran zu denken, was ich habe, meinen Sohn, meine Arbeit, meine Freunde hier in Berlin.

Haben Sie mit Ihrem Ausstieg auch Ihren Glauben hinter sich gelassen?

Ja, normalerweise bin ich nicht mehr gläubig, aber in diesen Zeiten, wer weiß. Gerade jetzt kann man gut verstehen, warum Menschen so anfällig für diese Dinge sind.

Wie ist es für Sie, Ihr Leben jetzt auf Netflix zu sehen, als Fernsehserie?

Es ist nicht leicht, die Schmerzen kommen manchmal wieder. Es gibt eine Szene, wo Yael, eine Israelin, die in Berlin lebt, meinem Alter Ego vermittelt: „Ich weiß, wer du bist, woher du kommt, du wirst nie so wie wir. Du hast zu viel verpasst in deinem Leben.“ Das ist etwas, was nur ein Jude zu einem anderen Juden sagen kann, in dieser Offenheit. Das habe ich zig mal erlebt, als ich ausgestiegen bin.

Auch in Berlin?

Eher in New York. Sie haben mir klargemacht, dass ich nur in meine Gemeinde gehöre und nie woanders einen Platz in der Gesellschaft finden werde, dass man immer erkennen wird, woher ich komme. In Israel sagt man mir das bis heute. Vor kurzem bin ich mit einem Freund in eine Tel Aviver Bar gegangen, sofort hat mich ein Mann angesprochen, weil er erkannt hat, woher ich komme.

Woran hat er das erkannt?

An der Aussprache, der Körperhaltung.

Der Körperhaltung?

Ich habe nie einen geraden Rücken gehabt. Religiöse Frauen generell bewegen sich so, als müssten sie sich für ihre Anwesenheit entschuldigen. Das geht nicht weg. In der jüdischen Welt wissen sie genau, wer ich bin. Sie riechen das. Das Gute an Berlin ist, hier falle ich nicht auf, weil niemand meinen Habitus erkennt.

Weil die Juden im Nationalsozialismus vertrieben und ermordet wurden und bis heute nur wenige hier leben, können Sie als Aussteigerin jetzt hier freier leben?

Ja, so ist es in gewisser Weise. Joseph Roth, der Schriftsteller, der aus einem Schtetl kam, hat den deutschen Juden damals ihre Voreingenommenheit gegenüber den Schtetl-Juden vorgeworfen. Ich glaube, ich wäre heute auch davon betroffen gewesen, die Berliner Juden hätten über mich die Nase gerümpft. Jetzt gibt es hier in Berlin wieder eine jüdische Gemeinde, die haben aber keine Ahnung von der Welt, aus der ich komme.


Deborah Feldman ...

  • .. wurde 1986 in New York geboren und wuchs in der chassidischen Satmarer-Gemeinde in Williamsburg auf. Ihre Mutter verließ die Gemeinde, als Deborah ein Kind war, ihr Vater ist geistig behindert. Sie lebte bei den Großeltern, Holocaust-Überlebenden aus   Ungarn, die die Judenverfolgung als Strafe Gottes ansehen, glauben, nicht fromm genug gewesen zu sein und nach streng religiösen Regeln leben. Sie sprechen Jiddisch wie die osteuropäischen Schtetl-Juden.
  • ... besuchte eine religiöse Mädchenschule, in der sie vor allem auf das Leben als Ehefrau und Mutter vorbereitet wurde. Mit 17 heiratete sie einen sechs Jahre älteren Mann aus ihrer Gemeinde. Mit 19 wurde ihr Sohn geboren. Vor ihrem Ausstieg aus der Gemeinde führte sie ein Doppelleben, trug Jeans, nahm ihre Perücke ab und schrieb sich am College ein.    
  • ... zog 2015 nach Berlin und begann hier mit ihrem Sohn ein neues Leben. Ihre autobiografischen Bücher „Unorthodox“ und „Überbitten“ waren Bestseller.

Was ist mit den Israelis, die in Berlin leben?

Das sind oft ganz besondere Menschen, die eine besondere Sensibilität haben, meine Aussteigerfreunde gehören dazu.

Wie war Ihre Ankunft hier in Berlin?

Ich bin fünf Jahre nach meinem Ausstieg hier angekommen, das ist jetzt fünf Jahre her. Ich hatte nichts, nur ein Zimmer zur Untermiete, habe aber ziemlich schnell eine Freundesgruppe gefunden in einem Café in der Sonnenallee. Alle kamen irgendwo her, alle hatten eine Geschichte hinter sich. Typisch Berlin. In Paris oder London ist alles immer schon festgelegt. In Berlin gibt es viel Raum, alles ist fließend. Innerhalb von Wochen waren wir eine feste Truppe.

Wie war es für Ihren Sohn?

Er war acht, als wir hier ankamen und konnte kein Deutsch. Ich habe versucht, ihn an der John-F.-Kennedy-Schule anzumelden, aber sie haben keine Bewerbungen mitten im Schuljahr angenommen. Ich habe mich dann vor das Büro des Direktors gesetzt und bin jeden Tag wiedergekommen, zwei Wochen lang. Irgendwann kam er aus seinem Büro und sagte: „Fine“. Mein Sohn hat sich dann schneller in der neuen Welt zurechtgefunden als ich.

Haben Sie jemals darüber nachgedacht, nach Ungarn zu ziehen, das Land, aus dem Ihre Großmutter kommt?

Nein. Ungarn ist ein sehr schönes Land, aber ich könnte dort nicht leben, weil es sich nicht mit seiner Vergangenheit auseinandergesetzt hat. Das ist das Tolle an Deutschland. Gerade in meiner Generation reden wir sehr offen über alles.

(Die Tür geht auf, Maria Schrader kommt, im Mantel und mit Rollkoffer.)

DEBORAH FELDMAN: Hi, sieh mal an, wer hier ist! Ich umarme dich aus der Distanz, Maria, wegen des Virus.

MARIA SCHRADER: Hallo! Ich brauche erst mal einen Kaffee. Ich saß gerade vier Stunden im Zug fest.

DEBORAH FELDMAN: Du Arme.

MARIA SCHRADER: Warum sitzt ihr hier im Kino?

Weil das nächste Interview hier nebenan sein soll.

DEBORAH FELDMAN: Das nächste Interview fällt aus. Wir hätten in meiner Wohnung sitzen können, Maria. Nächstes Mal machen wir es bei mir.

MARIA SCHRADER: Wenn es ein nächstes Mal gibt.

DEBORAH FELDMAN: Du weißt, warum das nächste Interview abgesagt ist.

MARIA SCHRADER: Verdacht auf Infektion in der Redaktion. Alles wird gerade abgesagt. Mein nächstes Filmprojekt im Sommer wackelt schon. Keine Vorstellung im Theater, kein Auftritt bei der Lit. Cologne, für Freischaffende ist es nicht leicht gerade.

DEBORAH FELDMAN: Wir sind die Nächsten im Lockdown. Damit müssen wir alle klarkommen.

MARIA SCHRADER: Shira Haas, unsere Hauptdarstellerin, war für ein Screening in New York und hatte schon Angst, dass sie in Israel in Quarantäne muss.

DEBORAH FELDMAN: Aber sie kann nun nicht herkommen, keine Interviews geben, nichts. Sie ist, glaube ich, am meisten enttäuscht.

MARIA SCHRADER: Sie, ich, wir alle. Wir wären jetzt zur Premiere nach Frankreich gefahren, „Unorthodox“ war in den Wettbewerb von „Series Mania“ eingeladen, dem größten Serien-Festival Europas, aber so ist es jetzt, es ist vollkommen richtig, alles abzusagen.

„Unorthodox“ ist Ihre erste Netflix-Serie?

MARIA SCHRADER: Ja, als Regisseurin auch meine erste Fernseharbeit.

DEBORAH FELDMAN: Wenigstens ist es kein Kinofilm. Die Leute können zu Hause sitzen und die Serie gucken.

MARIA SCHRADER: Da hast du recht. Das Fernsehen, die Streamer sind die Gewinner in dieser Situation, um die Kinobranche muss man sich allerdings Sorgen machen. Es wäre schön gewesen, die gemeinsame Arbeit auf einer großen Leinwand zu sehen und sie dann in die Welt zu schicken.

DEBORAH FELDMAN: Das ist wie ein Buch zu schreiben ohne Premiere. Als würde es nicht existieren. Es verschwindet im Äther. Es gibt so viele Künstler, die das gerade erleben und nicht wissen, wie es weitergeht. Zum Glück sind wir mit der Produktion fertig. Stell dir vor, wir wären mittendrin. Das wäre ein Albtraum. Und wir wissen noch gar nicht, wie es in einer Woche ist.

MARIA SCHRADER: Dann wird sich zeigen, ob sich die Hamsterkäufe gelohnt haben, ob wir noch vor die Tür dürfen.

DEBORAH FELDMAN: Ich hatte schon alles zu Hause. Ich musste nichts einkaufen. Ich bin immer gerüstet für den Dritten Weltkrieg.

MARIA SCHRADER: Mit welcher Dauer eines Dritten Weltkrieges rechnest du denn?

DEBORAH FELDMAN: Ich decke mich stets für sechs Monate ein. Getränke, Konserven, Klopapier, tiefgefrorene Milch, Fleisch, Fisch, Gemüse.

SCHRADER: Solche Vorräte müsste ich im Schlafzimmer stapeln.

DEBORAH FELDMAN: Bevor du kamst, haben wir darüber gesprochen, woher das bei mir kommt. Dass in meiner Gemeinde immer alle auf die Apokalypse warten.

MARIA SCHRADER: Als man sich in der Zeit von Gorleben Atombunker im Garten baute, hat meine Mutter gesagt, dass ihr die Bombe am besten direkt auf den Kopf fallen soll. Da komme ich auch nach meinen Eltern: Ich will die Apokalypse gar nicht überleben.

Kannten Sie Schicksale wie Deborahs, bevor Sie mit der Serie begonnen haben, Frau Schrader?

MARIA SCHRADER: Ich war mit Dani Levy für unseren Film „Meschugge“ bereits in den orthodoxen Gegenden von Brooklyn unterwegs. Es gibt auch einige Filme, die in chassidischen Gemeinden spielen. Aber diese weibliche Perspektive, Deborahs intime und detailreiche Beschreibung des Zur-Frau-Werdens, der Erwartungen, die an sie in dieser arrangierten Ehe gestellt wurden, und der Druck, unter dem sie stand, das war mir neu.


Maria Schrader ...

  • ... wurde 1965 in Hannover geboren. Ihre Mutter war Bildhauerin, ihr Vater Maler. Sie besuchte zwei Jahre lang die Schauspielschule in Wien, spielte am Staatstheater Hannover, in Wien, Venedig, Bonn und war von 2013 bis 2017 Mitglied des Ensembles im Schauspielhaus Hamburg. Heute spielt sie dort oft als Gast.
  • ... stand 1989 das erste Mal in Dani Levys Film „RobbyKallePaul“ vor der Kamera. In „Meschugge“ (1998) spielte sie die Jüdin Lena Katz und arbeitete an der Seite von Levy als Drehbuchautorin. Für diesen Film recherchierte Schrader das erste Mal in einer ultraorthodoxen Gemeinde in Brooklyn. Im Jahr zuvor war sie durch ihre Hauptrolle in „Aimée und Jaguar“ berühmt geworden.
  • ... führte 2005 das erste Mal Regie bei der Verfilmung von Zeruya Shalevs Roman „Liebesleben“. 2016 drehte sie „Vor der Morgenröte“ über Stefan Zweigs Zeit im Exil. Maria Schrader hat eine 21-jährige Tochter und lebt in Berlin. Die vierteilige Serie „Unorthodox“ läuft ab 26. März bei Netflix.

Und Sie, Deborah, was wussten Sie über Filme und übers Kino in Ihrem alten Leben?

DEBORAH FELDMAN: Der erste Film, den ich mir heimlich angesehen habe, war „Mystic River“, ein Thriller, danach war ich so traumatisiert, weil ich dachte, die Außenwelt ist genauso, wie die Gemeinde es behauptet. Ich wollte danach nie wieder einen Film sehen. Jetzt bin ich eine Theaterliebhaberin, ich liebe es, das Gespielte direkt vor Augen zu sehen, so intim, so intensiv. Ich bin so traurig, dass jetzt die Theater zugemacht haben. Wie kann ich ohne Theater leben!

MARIA SCHRADER: Du wirst dich zu Hause einigeln und schreiben.

DEBORAH FELDMAN: Ja, aber das Leben im Theater ist so eindringlich. Ich habe dort immer das Gefühl, keine Haut mehr zu haben. Die Emotionen dringen in mich ein, geben mir wertvollen Input für meine Arbeit, wie ein Rohstoff, den ich dann verarbeiten kann. Jede Schriftstellerin braucht so einen Input.

MARIA SCHRADER: Wie schön du das sagst! Wir wurden damals in Brooklyn von einer streng orthodoxen Familie mit drei Teenager-Töchtern eingeladen. Auch sie haben mir erzählt, dass sie noch nie einen Film gesehen hatten. Ich war Anfang zwanzig, wir haben uns gegenseitig mit einer Mischung aus Faszination und Beunruhigung betrachtet. Deborahs Alter Ego sagt im Film: „Meine Familie interessiert sich nur dafür, dass ich eine gute Ehefrau und Mutter bin.“ Bei mir war es das Gegenteil. Für meine Eltern war es die größte Sorge, dass ich Ehefrau und Mutter werden könnte. Sie kümmerten sich um ihre kriegsversehrten Eltern und fühlten sich in der Familie gefangen. Sie wollten, dass ich mein Glück in der Arbeit finde und unabhängig werde. So gesehen führe ich ein linientreues Leben, ganz im Gegensatz zu dir, Deborah. Wir sind so gegensätzlich aufgewachsen. Ich frage mich, wie es ist, wenn der Sinn und das Glück darin liegen, einer großen Gemeinschaft zu dienen, egal, ob religiös oder politisch, die ja auch Zugehörigkeit und Schutz bietet. Oder würdest du mir da widersprechen, Deborah?

DEBORAH FELDMAN: Wenn Esty die Chance gehabt hätte, Zugehörigkeit in ihrer Gemeinde zu finden, wäre sie da geblieben.

Maria Schrader und Deborah Feldman
Benjamin Pritzkuleit

Warum sprechen Sie von Esty, der Hauptfigur der Serie, und nicht über sich selbst? Gibt Ihnen das Abstand zu Ihrem Leben damals?

DEBORAH FELDMAN: Vielleicht, Esty ist nicht ich, sie ist nur an mir angelehnt.

MARIA SCHRADER: Auf Esty wird Druck ausgeübt in dem Moment, wo sie nicht so funktioniert, wie man es von ihr erwartet. Bis sie es nicht mehr aushält. Ich weiß noch, wie ich das Foto von Deborahs Hochzeit zum ersten Mal sah. Die Braut ist mit einem Schleier bedeckt, durch den sie nichts sehen kann und wird an beiden Händen zum Baldachin geführt. Es steckt so viel in diesem Bild, Verheißung, Geheimnis, Vertrauen, genauso wie Fremdbestimmung, Zwang und Verbot. Und alles hängt davon ab, wie die Person unter dem Schleier sich fühlt. Plötzlich konnte ich mir den Film vorstellen. Die visuelle Kraft.

DEBORAH FELDMAN: Unter dem Schleier zu sein, war komisch. Ich sah nur meine Füße und hässliche Schuhe um mich herum, die dringend geputzt werden mussten. Ich musste kichern und dachte, ich mache etwas falsch, weil ich mich nur doof fühle, überhaupt nicht heilig. Es gab auch andere Momente, wo ich das so empfunden habe. Zum Beispiel das rituelle Bad in der Mikwe. Du denkst, das muss jetzt ganz toll werden, aber dann fühlst du das nicht, du denkst, das ist doch nur ein blödes Schwimmbecken.

MARIA SCHRADER: Das erste Mikwe-Erlebnis beschreibst du als Horror im Buch.

DEBORAH FELDMAN: Mir zu sagen, das ist doch nur ein Schwimmbecken, was bilden die sich ein, etwas anderes zu behaupten, war für mich natürlich auch ein Abwehrmechanismus. Beim ersten Tanz mit meinem Mann konnten wir uns nicht anschauen, aus Angst, gleich loszuprusten.

MARIA SCHRADER: Die Hochzeit ist eine meiner Lieblingssequenzen. Ab da hofft man für die beiden als Paar. Es war uns wichtig, dass es in der Serie diese romantischen Momente gibt.

DEBORAH FELDMAN: Total, gab es ja auch. Wie er die Hand um sie legt, also um mich, und wir dann anfangen zu tanzen.

MARIA SCHRADER: Und dann sitzen sie noch während der Hochzeit das erste Mal allein in einem Raum, für genau sieben Minuten. Lang genug, dass man zusammen schlafen kann, das erste Mal die Ehe vollziehen.

DEBORAH FELDMAN: Sie wird natürlich nicht vollzogen, es ist nur symbolisch gemeint.

MARIA SCHRADER: Es ist so eine Anspannung, so eine Nervosität zwischen den beiden, dass sie plötzlich in Lachen ausbrechen. Und man denkt, das fängt gut an, die könnten zusammenpassen.

DEBORAH FELDMAN: Das ist das Traurigste an der ganzen Geschichte: Da sind zwei junge Menschen, die zusammen glücklich sein wollen. Aber ihnen wird keine Chance gegeben.

MARIA SCHRADER: Der Unterschied zu deiner Geschichte ist: Du hast schon als Zehnjährige Bücher in dein Schlafzimmer geschmuggelt und die Form zu leben hinterfragt. Bei Esty im Film passiert das später.

DEBORAH FELDMAN: Ja, aber ich wollte das hinter mir lassen, in der großen Hoffnung, damit auch all meine Zweifel hinter mir zu lassen, dass mit mir irgendwas nicht stimmt. Das habe ich im Film alles noch einmal erlebt. Manche Folgen waren so intensiv für mich, dass ich nicht darüber sprechen konnte. Meine Therapeutin sagte, daran merke man, dass ich es doch alles noch nicht so verarbeitet habe, wie ich dachte. Es gibt eine Szene im Film, wo Esty alles auf einmal rauslässt. Das habe ich nie so gemacht, und ich habe sie so darum beneidet.

MARIA SCHRADER Sie spricht aus, was wir, die Zuschauer empfinden. Gleichzeitig merkt man, dass es keine leichte Lösung gibt, niemand will dem anderen etwas Böses.

DEBORAH FELDMAN: Alle sind gefangen in ihren Rollen.

MARIA SCHRADER: Und auch wenn Esty vor ihrem Mann und ihrer Gemeinde flieht, ist es nicht plötzlich einfach. Es bleibt ja die Sehnsucht.

In der Serie spielt auch Ihre Mutter eine Rolle, die ausgestiegen ist wie Sie, Deborah, und Sie als Kind zurücklassen musste. Wie geht es ihr heute?

DEBORAH FELDMAN: Sie lebt in Brooklyn mit einer Frau zusammen. Wir sehen uns selten. Das ist anders als im Film. Sie hat mir auch nie erklärt, warum sie mich als kleines Kind verlassen hat, sie ist einfach selbst viel zu traumatisiert. Das ist ein Beispiel dafür, wie diese Gemeinde es schafft, Beziehungen kaputtzumachen, überhaupt keine Nähe zuzulassen. Selbst zu meiner Großmutter, dem wichtigsten Menschen für mich. Man konnte sich nicht einmal umarmen.

Sie konnten Ihre Großmutter nicht umarmen?

DEBORAH FELDMAN: Nein, aber ich wusste, dass sie mich liebt. Ich erinnere mich an einen Moment, als ich im Ferienlager in Upstate New York war. Meine Großmutter hat mir manchmal Päckchen mit Essen geschickt. Aber einmal, zu meinem 16. Geburtstag, schickte sie mir auch eine Karte: „Happy Birthday! Bubby!“ Ich habe vor Freude geheult. In meiner Gemeinde werden keine Geburtstage gefeiert. Es ist verboten. Meine Großmutter hat ein Tabu für mich gebrochen, und deshalb hat mir diese Geste so viel bedeutet. Es war unser Geheimnis. Ich habe die Karte bis heute, und bis heute fällt es mir schwer, Nähe aufzubauen. Weil ich das einfach nicht kenne, nicht verstehe. Als mich an der Uni das erste Mal jemand umarmt hat, habe ich mich erschrocken und gedacht: Was soll das? Was willst du von mir?

MARIA SCHRADER: Wenn wir uns sonst zur Begrüßung umarmen, fühlt es sich aber überhaupt nicht künstlich an.

DEBORAH FELDMAN: Ich würde so etwas nie vortäuschen. Aber es kommt mir nicht selbstverständlich vor. Sobald ich Nähe spüre, denke ich immer noch: Was? Krass! Das ist jetzt Nähe! Es haut mich um.

Ist es eigentlich schwierig, in der heutigen Zeit, da der Antisemitismus steigt, Deutschen eine Geschichte von Juden zu erzählen, die sich seltsam verhalten und wie im Mittelalter leben?

DEBORAH FELDMAN Meinen Sie, man müsste das Publikum hier extra aufklären?

MARIA SCHRADER: Auch in New York haben viele Leute keine Ahnung von dem Leben der streng orthodoxen Gemeinden.

DEBORAH FELDMAN: Das ist ein Fehler, der oft gemacht wird. Es hat lange gedauert, bis mein Buch ins Deutsche übersetzt wurde, weil sich einfach niemand traute. Man sollte das deutsche Publikum nicht unterschätzen. Ich bin hier auf Lesereise gegangen und auf viel Wissen gestoßen. Das Schlimmste, was ich mal erlebt habe, waren naive Fragen.

Welche zum Beispiel?

DEBORAH FELDMAN: Du, Maria, warst an diesem einen Abend ja dabei. Es war in der Akademie der Künste. Da fragte eine Frau, woher Antisemitismus kommt.

MARIA SCHRADER: Und hat die Frage ziemlich ungeschickt formuliert.

DEBORAH FELDMAN: Und die Gastgeberin ist ausgeflippt, wurde ganz emotional, hat sie Rassistin genannt.

Sie fanden das nicht schlimm?

DEBORAH FELDMAN: Nein, solche Fragen sollten erlaubt sein. Du kannst nicht für immer und ewig so emotional aufgeladen darüber diskutieren, das ist einfach nicht fruchtbar. In der Besprechung meines Buches im Magazin „Siegessäule“ schrieb der Autor, ein schwuler Mann, er habe sich in meinem Schicksal wiedergefunden. Er schrieb, diese Ausgrenzung sei genauso gewesen wie in seiner Familie. Viele Berliner kennen diese Erfahrung. Auch zu fliehen, neu anfangen zu müssen.

MARIA SCHRADER: In den sozialen Medien schrieben Leute auch mit muslimischem Background über den Trailer, dass sie sich damit identifizieren. Es ist beides, eine sehr spezifische und gleichzeitig eine universelle Geschichte.

Interessiert sich Ihr Sohn für Ihre Geschichte, Deborah?

DEBORAH FELDMAN: Nicht mehr, diese Phase ist schon vorbei. Aber der Film jetzt interessiert ihn.

MARIA SCHRADER: Deborah und ihr Sohn kamen zu Besuch ans Set.

DEBORAH FELDMAN: Er hat danach seinen Vater angerufen und gesagt: Papa, mach dir keine Sorgen. Deine Figur ist ganz großartig.

MARIA SCHRADER: Wirklich?

DEBORAH FELDMAN: Ja, sein Papa war nervös. Aber jetzt ist er beruhigt.

MARIA SCHRADER: Shira Haas und Amit Rahav sind ein fantastisches Paar. Ich war auch oft nervös und dann immer wieder überwältigt von diesen Schauspielern.

Wie geht es Ihrem Ex-Mann heute, Deborah?

DEBORAH FELDMAN: Er ist auch ausgestiegen, vier Jahre später als ich.

Hat das mit Ihnen zu tun?

DEBORAH FELDMAN: Ja. Am Anfang hat er versucht, mich zu überzeugen, zurückzukommen. Ich sagte: Aber wir waren nicht glücklich zusammen. Er sagte: Was ist schon Glück! Es gab immer wieder diese Gespräche. Und eines Tages sagte er: Du kommst nicht mehr zurück, oder? Ich sagte: Nein, ich kann nicht. Ein Jahr später habe ich ihn ohne Schläfenlocken gesehen. Er hatte eine neue Freundin, die nicht religiös war, sie haben zwei Kinder und leben weit weg von der Gemeinde.

Sie haben noch Kontakt zueinander?

DEBORAH FELDMAN: Ja, wir verstehen uns sehr gut. Gerade heute Morgen erst haben wir telefoniert. Er wollte eigentlich Ostern nach Berlin kommen und seinen Sohn besuchen, aber wegen des Coronavirus geht das wohl nicht und muss verschoben werden.

Können Sie sich vorstellen, dass die Serie in Ihrer ehemaligen Gemeinde in Williamsburg heimlich geguckt wird?

DEBORAH FELDMAN: Ja, natürlich. Alle dort haben mittlerweile ein Smartphone. Und in jiddischen Chatforen wird schon darüber gesprochen. Schon als Shira gecastet wurde, ging das los.

MARIA SCHRADER: Wir sind aufgefallen, als wir da auf unserer Recherche-Tour waren. Dabei gab es auch Situationen, in denen ich mich nicht wohl fühlte, eher wie ein Eindringling. Wir erzählen ja von Menschen, die unter keinen Umständen im Fokus der Öffentlichkeit stehen wollen. Wir verkleiden Schauspieler, die nicht oder nicht mehr zu dieser Gemeinde gehören. Da muss man sich immer wieder fragen: Wie weit kann man gehen?

Was ist Ihre Antwort darauf?

MARIA SCHRADER: Wir haben versucht, die Geschichte in ihrer Komplexität zu verstehen und verschiedene Perspektiven zu zeigen. Keine Figur ist gut oder böse, auch wenn ihr Handeln dazu führt, dass jemand anders leidet. Wenn die Zuschauer sich emotional verbinden können, baut der Film eine Brücke. Es geht immer darum, wie man etwas erzählt.

Ein Rabbiner hat über Sie, Deborah, geschrieben: Sie hätten mit Ihrer Flucht aus Ihrer Gemeinde nur eine Tür geöffnet, aber Sie werden nie ankommen in Ihrer neuen Welt. Was würden Sie ihm entgegnen?

DEBORAH FELDMAN: Dieser Rabbiner geht davon aus, dass ich ein Ziel brauche, dass ich ankommen muss und sonst unglücklich bin. Aber das ist nicht so. Ich mag es, wenn alles offen und alles möglich ist. Es lebt sich eigentlich ganz gut, ohne irgendwo anzukommen.