Die Schriftstellerin Deborah Feldman mit Regisseurin Maria Schrader.
Foto: Benjamin Pritzkuleit

BerlinSonntagabend wurde Maria Schrader (54) per Videoschaltung aus Los Angeles mit dem Emmy Award für die beste Regie ausgezeichnet. Sie erhielt den renommiertesten aller Fernsehpreise für die Miniserie „Unorthodox“, die auf Netflix weltweit ein Millionenpublikum begeistert hat. Erzählt wird darin die Geschichte einer jungen Jüdin, die aus ihrer ultraorthodoxen Gemeinde in New York flieht und nach Berlin geht. Wir sprachen mit Deborah Feldman (34), die in der Buchvorlage zur Serie ihre eigene Lebensgeschichte erzählt.

Berliner Zeitung: Frau Feldman, Sie wohnen in Berlin. Wie haben Sie die Preisverleihung erlebt?

Deborah Feldman: Ich bin extra sehr früh ins Bett gegangen und dann um 2 Uhr ohne Wecker aufgewacht, um die Fernsehübertragung zu sehen. Gegen 4 Uhr kam „Unorthodox“ an die Reihe. Und ging erst einmal in allen Kategorien leer aus. Ich habe wirklich Angst bekommen. Nach der Nominierung haben wir uns im Team alle Hoffnungen gemacht. Und dann kam der Emmy für die beste Regie, also für Maria. Und das war so super, weil der Regie-Emmy wie ein Ritterschlag für die ganze Serie ist. Und weil Maria die Auszeichnung so sehr verdient hat.

Wie war denn die Zusammenarbeit mit Maria Schrader?

Total super. Ich habe mit der Drehbuchautorin und Showrunnerin Anna Winger schon vor Jahren über eine Verfilmung des Buches nachgedacht. Wir wollten unbedingt jüdische Schauspieler. Aber als Regie kam für uns nur Maria Schrader in Frage. Und wir sind so froh, dass es geklappt hat. Sie ist nicht nur eine tolle Schauspielerin, sondern auch eine einzigartige Regisseurin. Wo auch heute noch viele Männer in dem Job herumschreien, beleidigen und drohen, wird sie immer sanfter, je gestresster sie ist. Und der Dreh von „Unorthodox“ war sehr stressig. Es gab nur ein sehr kleines Budget und ein sehr kleines Zeitfenster. Maria hat mit ihrer souveränen Art das Beste aus allen im Team herausgeholt. Sie hat sich rund um die Uhr eingesetzt, an alles und jeden gedacht, und mit dem Emmy widerlegt sie das Klischee, dass Frauen mit dem Älterwerden an Relevanz verlieren. Sie wird einfach immer besser.

Hatten Sie selbst eine Rolle am Set?

Nein, ich war einfach nur dabei und musste nie reinreden. Ich hatte mit Anna im Vorfeld so viel besprochen und wir waren uns so einig, da gab es keine Reibung. Mit Maria war es genauso. Es war einfach die genau richtige Konstellation.

Gibt es bedeutende Unterschiede zwischen Buch und Serie?

Ja. Und ich finde alle gelungen. Der größte Unterschied ist sicher, wie Esthers Leben in Berlin dargestellt wird, nachdem sie die Satmarer-Gemeinde und damit ihr gesamtes Umfeld verlassen hat. Das sollte sich von meinem realen Leben in Berlin unterscheiden.

Wo wir bei Esther sind: Shira Haas verkörpert die Hauptrolle so überzeugend, dass sie auch einen Emmy verdient hätte.

Ja, das sehe ich auch so. Und sie wird ihn in nicht allzu ferner Zukunft auch bekommen. Die Esther ist ja eine Rolle mit wenig Worten. Shira drückt ganz viel über ihr Gesicht aus. Und sie spielt auf eine universelle Art. Das heißt: Die Bedingungen, in denen Esther aufwächst, sind sehr speziell, aber Shira spielt das so allgemeingültig. Wir alle finden uns in ihren Emotionen wieder.

Ist das schon die ganze Erklärung, warum sich gerade Frauen weltweit mit diesem doch sehr spezifischen Schicksal identifizieren können?

Nein, es liegt auch daran, dass viele ihr Leben als gar nicht so viel freier erleben. Ich bekomme viele Briefe und Mails. Auch Frauen, die nicht religiös aufwachsen, schreiben mir, dass sie sich unfrei fühlen, um Freiheiten und Selbstbestimmung kämpfen und nicht mehr auf eine Rolle festgelegt sein wollen. Es geht ja auch um die Abnabelung vom Elternhaus, der eigenen Prägung. Und man darf nicht vergessen, wie viele Menschen weltweit in doch recht engen, dogmatischen Verhältnissen aufwachsen. Das müssen nicht immer Sekten sein. Auch Sexualität nehmen viele schambehaftet und kompliziert wahr. Ganz anders als in vielen sexualisierten Filmen und Serien. Viele denken dann: Ich erzähle meine Geschichte besser nicht. Die ist ja gar nicht cool. Und die anderen wollen es nicht hören.

Ihr Buch war ein riesiger Erfolg mit Millionen verkaufter Exemplare. Nun ist die Serie auch ein großer Erfolg. Was denken Sie darüber?

Es ist ein bisschen lustig, weil anfangs niemand das Buch machen wollte. 25 Verlage haben „Unorthodox“ abgelehnt. Es sei doch eher ein Zeitungsartikel, hieß es zum Beispiel. Oder, dass es nur die Menschen in New York interessieren würde, weil die noch halbwegs wüssten, was überhaupt Chassiden sind. Gerade unter den liberalen Juden wollte niemand die Geschichte hören. Sie wollten nicht an die strenggläubigen Juden erinnert werden. Damit wenden aber auch viele den Aussteigerinnen und Aussteigern ihren Rücken zu. Und davon gibt es in der Welt viele, nicht nur bei Juden, auch bei Muslimen, Christen und anderen Religionen. Viele wollen aus engen Systemen aussteigen und etwas Neues schaffen. Ich hoffe, dass die Serie dazu anregt, solche Menschen besser zu verstehen und zu unterstützen – ohne ihre Herkunft zu verdammen.

Das Gespräch führte Anselm Neft.