Der Sänger Drangsal.
Foto: imago images / Votos-Roland Owsnitzki

Man ist ja mit wenig zufrieden derzeit, derart desaströs ist das Bild, das die junge deutschsprachige Popmusik in diesem Frühjahr so bietet. Ich persönlich laufe deswegen schon seit Wochen meist nur noch mit buschigen Petersilie-Sträußen im Gehör durch die Gegend, und wenn ich sie mal herauszupfe, dann höre ich wahlweise neobiedermeierliche Klampfenmusik von jungen Männern mit Klaus-Lage-Krächzstimme, die in ihrem Leben keine schönere Utopie kennen als mit Mitte 20 mit ihrer Freundin eine sanierte Altbauwohnung in einem bevorzugten Viertel zu beziehen (AnnenMayKantereit) oder auch ranzigen Bahnhofskneipen-Dialektrock von pseudoironischen Wifebeater-Hemdträgern, deren tollste Marketingidee im Moment allen Ernstes eine lustige „Bussi“-Kreuzfahrt mit ihren Fans über das Mittelmeer ist (Wanda), wogegen die gegenwärtig erfolgreichste junge deutsche Popsängerin, das Dieter-Bohlen-Gezücht Vanessa Mai, fast schon glamourös, intelligent und moralisch integer erscheint. Es ist wirklich zum Heulen.

Nicht von vornherein einverstanden mit der Gesamtsituation

Ich persönlich freue mich daher wie ein König über jeden jungen deutschen Popmusiker, der erstens nicht so zu klingen versucht wie eine Mumford-and-Sons-Coverband aus der Fußgängerzone von Villingen-Schwenningen und der zweitens – ganz wichtig – nicht auf deutsch singt, weil die deutsche Sprache im Pop sich nun erst einmal ein paar Jahre von jenem reaktionär-sentimentalen Salbaderschindluder erholen muss, mit dem uns all diese Andreas-Bourani- und Philipp-Dittberner- und Joris-Gestalten gerade so quälen, wie auch von dem heiseren Heimatgegröl des identitären Deutschrocks von Freiwild und Co.; und besonders freue ich mich – drittens – über jeden jungen deutschen Popmusiker, der nicht schon von vornherein einverstanden mit der Gesamtsituation ist und sich lediglich noch um die Auswahl des richtigen Yogakurses zum Erkundung der inneren Mitte sorgt, sondern den – wie es sich für Menschen mit Anfang 20 gehört – schlechte Laune und spätjuvenile Verzweiflung, Weltschmerz und Weltekel angenehm quälen.

In all diesen Hinsichten – um damit zum Thema des Artikels zu kommen – ist der blutjunge Berliner Baritonsänger Max Gruber mein Mann. Letzten Freitag hat er unter dem Namen Drangsal sein Debütalbum „Harieschaim“ herausgebracht und am Abend zuvor ein hervorragendes Konzert im Badehaus Szimpla gespielt.

Mit kehlkopfig kalt hallender, stets kurz vor dem Überschlag glucksender Stimme singt Gruber über existenzielle Unbehaustheit, Lust am Schmerz und sexuelle Dominanzfantasien („Do the Dominance“); im Video zur ersten Single „Allan Align“ sieht man ihn als maliziösen katholischen Priester, der keiner Geringeren als der ex-alkoholkranken Ex-Heidekönigin Jenny Elvers die Beichte abnimmt und sie dabei zur ekstatischen Selbstreinigung treibt.

Auch Metallica-Cover im Repertoire

Die Lieder von Drangsal tragen Titel wie „Der Ingrimm“, „Schutter“ und „Hinterkaifeck“, werden aber – mit einer Ausnahme: „Will Ich Nur Dich“ – auf englisch gesungen; wobei Gruber seine leicht unscharf aus dem Klanghintergrund heranschallende Stimme von mild-seufzend gefilterten Gitarren und forschem Bassspiel begleiten lässt.

Darin wie in dem generellen Grauschleier über der Szene kann man eine Achtzigerjahre-Referenz erkennen; man kann es aber auch lassen. Am nächsten steht der Drangsal’sche Sound ohne Frage den letzten Platten von Cold Cave. Tatsächlich konnte man Gruber vor drei Jahren auch schon einmal in seiner ersten Gruppe Pale Man als deren Support im Urban Spree sehen; damals – süße 19 – spielte er Schlagzeug und fuchtelte zu knirschendem Krach drohend mit einer Bohrmaschine in der Gegend herum. Fand ich auch schon gut!

Das Drangsal-Debüt wurde nun von dem von seiner Zusammenarbeit mit Sizarr, Casper und Tocotronic bekannten Ornamentologen Markus Ganter produziert, der anders als sonst aber darauf verzichtet hat, die ihm anvertrauten Kompositionen mit Klangklingelei zu beklötern. Ganters Soundbild hält ebenso gut die Balance zwischen Plastizität und leicht zittriger Dünnheit, wie Gruber zwischen autoerregter Adoleszenzaggression und tuberkulösem Ganzkörperseufzen changiert.

Am Donnerstag überzeugte er im Konzert zudem mit einem flotten Metallica-Cover; sein nächstes Album soll sich hingegen, so sagt er, an Prefab Sprout orientieren. Kann er alles machen: Für diesen unseren Lieblingsmisanthropen stehen die Musik und die Welt weit offen.