Wohin nur soll dieses Leben führen? Mitunter eine der drängendsten Fragen, die einen aufgewühlten Teenager in den Strapazen seiner Jugend gängeln. Archy Marshalls Weg führt ihn mit einem Buddy über Bahngleise, in die Winkel verlassener Brachen und auf die Dächer seines Viertels im Südosten Londons – so zu sehen in dem Videoclip zu „Easy Easy“, der Single-Auskopplung seines Debütalbums „6 Feet Beneath the Moon“, das an diesem Sonnabend erscheint – pünktlich zu seinem 19. Geburtstag.

In diesem Niemandsland des sozial schwachen Stadtteils East Dulwich ist Marshall aufgewachsen. Mit der heiser bellenden Stimme eines alten Säufers singt er unter dem Künstlernamen King Krule zu einsamen Gitarrenriffs von „Dead-end“-Jobs, die das Leben der Menschen dort auffressen, „and now you spend your evenings / searching for another life“, die Abende verbringst Du jetzt damit, nach einem anderen Leben zu suchen. So nostalgisch der Streifzug durch die Stätten der Jugend in dem körnigen Clip auch anmutet, er zeigt die Suche nach einem anderen Dasein, das nicht in der Sackgasse von prekären Arbeits- und Lebensverhältnissen enden soll. Alles andere als „easy easy“.

Auf das Debüt des jungen Mannes mit den paprikaroten Haaren wartet man bereits, seit er Mitte 2011 unter dem Namen Zoo Kid als nächste große Musikhoffnung Großbritanniens gehandelt wurde. Zwei Jahre später ist aus dem Kind ein König geworden. Zu seinem neuen Künstlernamen King Krule ließ Archy Marshall sich von dem Film „King Creole“ inspirieren, in dem Elvis Presley 1958 einen 19-Jährigen (!) in New Orleans spielt, dessen Familie durch die Weltwirtschaftskrise in soziale Schieflage geraten ist und der nach dramatischen Verwicklungen als Sänger im Nachtklub „King Creole“ reüssiert.

TripHop gekreuzt mit einer unaufdringlichen Jazz-Gitarre

55 Jahre später versucht nun ein neuer Elvis der Vorstadt mit gänzlich anderer Musik sich gegen die Unwirtlichkeit seiner Zeit zu stemmen. Geprägt von verschiedensten Einflüssen der Musikgeschichte vereint King Krule auf insgesamt 14 Tracks seine Rückbezüge kreativ mit Gegenwärtigem: Jazz-Samples, Dubstep-Beats, Computerklackern, Bläsersätze, R’n’B-Loops – auf diesem Debüt finden unterschiedlichste Stilrichtungen zueinander. Am deutlichsten vielleicht in dem Stück „A Lizard State“, einem heiter zerfransten Bigband-Swing mit mehrfach gesampeltem Saxofon, zu dem der Brite im harschen Cockney-Akzent fröhlich rappt.

Ansonsten überwiegen auf „6 Feet Beneath the Moon“ eher die dunklen elektronischen Klangfarben des TripHop, oft gekreuzt mit einer souveränen, aber unaufdringlichen Jazz-Gitarre. Es klingen Dub-Reggae-Rhythmen an, und die good old britische Punk- oder Rockabilly-Attitude manifestiert sich in lakonischem HipHop-Sprechgesang. Seine Huldigungen an Vorbilder wie etwa Chet Baker, Fela Kuti oder Eddie Cochran hat King Krule mit Hilfe des Produzenten Rodaidh McDonald (The XX, Gil Scott Heron) einzelnen Stücken wie „Baby Blue“ oder „The Krockadile“ sehr sorgsam einverleibt – ohne seine Helden dabei bloß zu imitieren. Oder sie zu verraten. Oder sich.

Der Einzige, der daran glaubt, dass man an nichts glauben kann

Ebenso verhält es sich mit diesem raubeinigen Gesang, in dem natürlich auch große Landsmänner wie Joe Strummer oder Ian Dury nachklingen. Ein Poster von Letzterem soll übrigens jesusgleich über dem Esstisch der Familie von Archy Marshall gehangen haben, die zwar wenig Geld, aber viel Sinn für Kunst hatte. In einem solchen Umfeld aufgewachsen, übte er sich bereits als Achtjähriger an eignen Musikstücken und hat nicht zuletzt an der Brit School, die auch Englands Vorzeige-Retrosoul-Diva Adele hervorbrachte, im Laufe der Jahre mit seiner Stimme ein unverwechselbares Markenzeichen geschaffen.

Schon allein deren Tiefe ist erstaunlich für einen schlaksigen Teenager, der so jung aussieht, dass er sich nur mit Mühe Zigaretten kaufen kann. King Krule moduliert ständig die Lautstärke seines Gesangs, manchmal sogar in einzelnen Worten, reibt seine Stimme in der Kehle auf und lässt sie hochfahren, wie die Jungs aus seinem Viertel es gerne mit einem Sechs-Zylinder-Motor machen würden. Er dehnt die Vokale und überzeichnet seinen Cockney-Akzent, das klingt mal wütend, mal abgeklärt und oft sogar prollig – würde er nicht im Tonfall des Underdogs eine Art juveniler Poesie der Trostlosigkeit formulieren wie etwa in dem aufgewühlt düsteren „Has this Hit“: „I know when I look into the sky / there is no meaning / and I’m the only one believing / that there’s nothing to believe in“ – ich bin der Einzige, der daran glaubt, dass man an nichts glauben kann.

So streift man mit King Krule durch die graue Ödnis seiner Jugend in Suburbia, hört hier und da gesampelte Straßengeräusche, und am Ende weiß man etwas mehr über das Befinden einer desillusionierten Generation, die sich in Unsicherheit wähnt. Die Wut, die manchmal aus dem rotzigen Gesang klingt, richtet sich vor allem gegen die Älteren: Mit Emphase regt er sich in Interviews über ehemalige Punks auf, die nun saturierte Gutverdiener sind. Nachdem die Gesellschaft durch und durch individualisiert ist, sei es nun die Aufgabe seiner Generation wieder zusammenzufinden, vielleicht durch das Internet.

Dort, um genau zu sein bei Facebook, kam es kürzlich auch zu einem erstaunlichen Querverweis: Ausgerechnet die Mainstream-R’n’B-Königin Beyoncé empfahl ihren fast 50 Millionen Followern den so gar nicht massentauglichen Track „Easy Easy“ von King Krule. Von einer MTV-Reporterin darauf angesprochen, antwortete dieser: „Das überrascht mich nicht. Ich denke, meine Musik ist gut.“

King Krule: 6 Feet Beneath the Moon (XL/Beggars/Indigo)