Joachim Kunert bei den Dreharbeiten zu „Die Abenteuer des Werner Holt“ (1964)
Foto: DEFA-Stiftung / Waltraut Pathenheimer

Zum Kino kam Joachim Kunert, als er 17 war. Als Oberschüler schaute er Wolfgang Staudte bei den Aufnahmen von „Die Mörder sind unter uns“ (1946) zu und fragte den Regisseur, wie er Assistent werden könne. Der schickte ihn zum Personalchef der Defa, der ihm eine Stelle als Regievolontär vermittelte. Kunerts erste Monatsgage bei Kurt Maetzigs „Ehe im Schatten“ (1947) betrug ganze fünfzig Mark. Von da an dauerte es noch ein paar Jahre und viele Assistenzen, auch beim Theater, bei Wolfgang Langhoff und Rudolf Noelte, bis er endlich seinen ersten eigenen Spielfilm inszenieren durfte.

Das war „Besondere Kennzeichen: keine“ (1956), die Geschichte einer jungen Frau, die ihren Mann an den Krieg verloren hat und sich nun allein durchbeißen muss. Ein Achtungserfolg, sichtlich beeinflusst von den italienischen Neorealisten. Spannend wurde dann „Seilergasse 8“ (1960), ein von Günter Kunert geschriebener Krimi, der die offizielle Behauptung einer „sozialistischen Menschengemeinschaft“ kritisch unter die Lupe nahm und zeigte, dass auch in der DDR jeder für sich allein lebte – und starb. Eine Hausgemeinschaft als Sinnbild der Gesellschaft, ein Mord als Auslöser für eine soziologische Bestandsaufnahme.

Ins Langzeitgedächtnis der Zuschauer schrieb sich Kunert freilich mit einer anderen Arbeit ein: „Die Abenteuer des Werner Holt“ (1965) nach dem Roman von Dieter Noll. Zum ersten Mal skizzierte ein Defa-Film, wie es dazu kommen konnte, dass so viele junge Menschen den Nazis bedenkenlos und fanatisch folgten. Der Film erzählte nicht nur, wie sie am Ende des Krieges, als Luftwaffenhelfer, verheizt wurden, sondern stellte die Frage, warum sich die Mehrheit bis zum Schluss nicht dagegen wehrte. Mit Klaus-Peter Thiele und Manfred Karge, Arno Wyzniewski und Günter Junghans hervorragend besetzt, avancierte „Die Abenteuer des Werner Holt“ zum internationalen Erfolg.

Und noch ein anderer Film von Kunert überdauerte die Zeiten: „Das zweite Gleis“ (1962), die Studie eines Mannes, der sich in der NS-Zeit in eine Untat verstrickt und damit später erneut konfrontiert wird. Verbrechen und Verrat, die Bürde der Schuld, die ausbleibende Sühne, das lange Schweigen: ein mutiger Versuch, der auch formal, mit expressiven Bildern und elektronischer Musik, aus dem Gros der Produktion weit herausragte.

Später, beim DDR-Fernsehen, drehte Kunert Arbeiten wie „Die große Reise der Agathe Schweigert“ (1972) und „Das Schilfrohr“ (1974). Nach 1990 war damit Schluss: Sein Lebenswerk brach ab, wie das so vieler anderer DDR-Regisseure auch. Kunert hielt sich fortan bedeckt. Kaum öffentliche Auftritte, fast keine Interviews. Am 18. September ist Joachim Kunert kurz vor seinem 91. Geburtstag in Potsdam verstorben.

Die Abenteuer des Werner Holt DVD, Filmwerke, ca. 12 Euro, Das zweite Gleis DVD, ca. 12 Euro