Ein Lord am Alexanderplatz
Foto: DEFA Stiftung/Erhard Schweda /Heinz Wenzel

BerlinAnfang März 1966 trifft sich Franz Jahrow von der Hauptverwaltung Film mit Major Zirke von der Abteilung Öffentlichkeitspropaganda im Ministerium des Inneren. Zirke lässt Jahrow wissen, dass die Partei- und Staatsführung seinem Haus die strenge Weisung erteilt habe, „gewissenhaft darauf zu achten, dass in der öffentlichen Propaganda durch Presse, Rundfunk, Fernsehen, Film und Literatur keinerlei Elemente auftreten, durch die das Ansehen unserer Organe des Inneren geschädigt werden könnte.“

Praktische Erfahrungen, unter anderem die Zusammenstöße zwischen Jugendlichen und Bereitschaftspolizei in Leipzig, erforderten die Autorität der Uniformierten „präzis zu wahren“. Unter anderem zeigt sich Zirke ungehalten darüber, dass Zeitschriften der DDR ausgerechnet jenes Filmfoto zur Werbung für „Spur der Steine“ abdrucken, auf dem zu sehen ist, wie ein Volkspolizist spaßeshalber in einen Löschteich gezerrt wird.

Bestärkt durch die Defa-Schelte während des 11. Plenums der SED im Dezember 1965, fordert das Innenministerium, ab sofort jedes Drehbuch, in dem Polizisten eine Rolle spielen, dem Ministerium zur Bestätigung vorzulegen.

Jahrow, ansonsten immer auf Linie, bemüht sich diesmal, die Wogen zu glätten. Er argumentiert, dass es im Sinne der Autorität des Staatsapparats ganz und gar nicht richtig wäre, die Zulassung von Filmvorhaben in einem dualen Verfahren vorzunehmen. Fürs Kino sei nun mal das Ministerium für Kultur verantwortlich. „Es kann keine zweite Gutachter- und Zulassungsinstanz geschaffen werden.“ Er informiert Zirke von gesellschaftlichen Gremien, die bei der Defa als beratende Körperschaften gebildet werden sollen. Dort werde auch das Ministerium des Inneren vertreten sein.

Aktueller Problemfall ist die Komödie „Ein Lord am Alexanderplatz“ von Günter Reisch, mit Erwin Geschonneck als galantem Herrn mittleren Alters, der aus Westdeutschland in die DDR übersiedelt und mit Charme und vermeintlichem Reichtum als Heiratsschwindler Furore macht. Bis ihm die Polizei auf die Schliche kommt.

Die Geschichte löst im Innenministerium eine heftige Aufregung aus. Gleich vier Gutachten liegen vor, die das Projekt als „für die Autorität der staatlichen Organe abträglich“ werten: „Vertreter der Organe des Inneren bis hinauf zum Polizeipräsidenten von Berlin werden lächerlich gemacht, indem Situationen dargestellt werden, die die Unfähigkeit unserer Polizei, Gesetzwidrigkeiten ihres Verhaltens, ihr moralisches Ansehen in negativer Weise und Ungeschicklichkeiten im Umgang mit Menschen propagieren.“

Die Defa ist in der Zwickmühle. Denn das Buch ist bereits zur Produktion freigegeben, und zwar durch den neuen, nach dem 11. Plenum eingesetzten Filmminister. Es jetzt zu stoppen, würde dessen Autorität untergraben.

Um die Situation zu retten, bietet Jahrow Streichvorschläge an: „Es muss nicht sein, dass bei der Aufklärung eines einfachen Kofferdiebstahls sich ein VP-Hauptmann als hilflos erweist. Es ist auch nicht erforderlich, Disziplinlosigkeiten und Laxheiten in Dienststellen der VP zum Gegenstand der Komik zu machen.“ Mehrere Male wird das Drehbuch noch umgeschrieben. Am 12. Juli 1966, ein halbes Jahr später als ursprünglich geplant, können die Dreharbeiten beginnen.