Der Filmregisseur Konrad Wolf
Foto: dpa

BerlinAm 7. März 1982 stirbt der Filmregisseur und Präsident der Akademie der Künste Konrad Wolf. Er ist erst 56 Jahre alt, sein Verlust wiegt schwer. Nicht nur fürs DDR-Kino, sondern auch für eine offene, kameradschaftliche Gesellschaft. Bei der Defa entsteht die Idee, ihm ein Porträt zu widmen. Eine ungewöhnliche Biografie in einer bewegenden Zeit: die behütete Kindheit in Württemberg, die Emigration in der Sowjetunion, die Rückkehr nach Deutschland in der Uniform der Roten Armee, das Ringen um Humanität und Wahrhaftigkeit in der Kunst.

Der Film wird heißen: „Die Zeit, die bleibt“. Das Drehbuch schreibt Wolfs Kollege und Freund Wolfgang Kohlhaase, niemand kann besser über ihn erzählen. Regie führt Lew Hohmann, außerdem sind die Autorinnen Christiane Mückenberger und Regine Sylvester dabei. „Die Zeit, die bleibt“ entsteht im Auftrag des DDR-Fernsehens, nach der Bildschirmpremiere soll er auch ins Kino übernommen werden. Am 20. Oktober 1985 jährt sich Wolfs Geburtstag zum sechzigsten Male, da könnte Premiere sein.

Das Leitmotiv des Films ist dem letzten, unvollendeten Projekt des Regisseurs „Die Troika“ entlehnt. Die Lebenswege dreier Männer, die einst, in Moskau, Freunde waren. Natürlich spielt Wolfs Kindheit eine große Rolle, mitten in der Stalin-Ära. Doch über dieser Zeit liegt in der DDR ein strenges Tabu. Und nur der Allerhöchste im Lande darf darüber befinden, wie mit diesem Tabu umgegangen wird.

Am 19. August 1985 schreibt Lew Hohmann in sein Tagebuch: „Wolfgang K. glaubt, aus Andeutungen entnehmen zu können, dass Honecker den Film gesehen hat, aber wenig begeistert war. Die Hauptkritikpunkte sind: 1. Der Bruder (Markus Wolf) soll sich nicht zu den Stalin-Prozessen äußern. 2. Die Autoren sollen sich nicht zu den Stalin-Prozessen äußern.“ Auch anderes gibt es zu tadeln: „Solo Sunny“ muss raus, da Renate Krössner in den Westen gegangen ist. Störend sei die Bemerkung Konrad Wolfs, dass das Verbot seines Films „Sonnensucher“ in den späten 1950er-Jahren der Entwicklung des Gegenwartskinos geschadet habe. Der Kommentarsatz, Konrad Wolf „war Mitglied des ZK der SED“, sei kärglich und lieblos. Ohnehin komme die DDR zu kurz, die „Heimat DDR“ sei kaum thematisiert.

Rund sieben Wochen nach Ablieferung des Films beim DDR-Fernsehen, am 26. August, redet TV-Chef Heinz Adamek stundenlang mit Hohmann und Kohlhaase. Adamek, so Hohmann im Tagebuch, wiederhole „gebetsmühlenartig, es gäbe keinen Grund, bei einem so hervorragenden Genossen wie Konrad Wolf das Thema Stalin breitzutreten, auszuwalzen“. Begriffe wie „Volksfeinde“, „Prozesse“, „verzweifelt“, „Nichtangriffspakt“ sollen nicht mehr fallen. Dass der Vater eines der drei Freunde verhaftet und dessen Familie nach Deutschland abgeschoben worden sei: entfernen! Hohmann: „Er will also, dass wir die entscheidende Dramatik und Logik der Troika-Geschichte verschweigen.“

Um einem Verbot zu entgehen, kürzen die Autoren den Moskau-Komplex. Das Schicksal des verhafteten Vaters bleibt aber drin. Und Wolfgang Kohlhaase fasst die Umstände 1937/38 in einer Sentenz zusammen, die den Film schließlich rettet: „Wachsamkeit war ein alltägliches Wort geworden, ein magisches Wort.“ Ein Satz, der auf makabere Weise auch 1985 noch gilt.