Berlin - Ende der 1960er-Jahre dreht der ungarische Regisseur György Hintsch seinen Film „Der Spatz ist auch ein Vogel“. Hinter dem neckischen Titel verbirgt sich eine handfeste Gesellschaftssatire. Es geht um zwei Brüder, Zwillinge. Der eine flieht 1956 aus Ungarn in den Westen, um dort sein Glück zu machen. Der andere bleibt in der Heimat. Jahre später kehrt der Abtrünnige auf Besuch zurück und erlebt, wie sich ihm, oder besser: seiner harten Währung, alle Türen öffnen. Der Ost-Zwilling, bis dahin ein Pechvogel, ergreift nun die Initiative und tauscht die Rollen.

Eine der stärksten Szenen spielt in einer Bar, die vorwiegend Gäste mit Devisen anlocken will. Eine Striptease-Tänzerin tritt auf. Schon nach dem Ablegen ihres Mantels müssen alle ungarischen Zuschauer das Lokal verlassen. Nach dem nächsten Kleidungsstück werden auch sämtliche andere Ostbesucher dazu aufgefordert. Die nackte Schönheit ist dann ausschließlich für die Westler da.

Die ARD zeigt den Film im Februar 1970. Auf diese Weise hat er auch in der DDR viele Zuschauer. In die ostdeutschen Kinos kommt er freilich nicht, das käme ja einem kulturpolitischen Erdbeben gleich. Doch einige Filmklubs nutzen ihre Kontakte zum Haus der ungarischen Kultur in Ostberlin und bitten um eine Kopie. So läuft „Der Spatz ist auch ein Vogel“ im Filmklub des Kreiskulturhauses Weimar. Mit unangenehmen Folgen. Die Staatssicherheit setzt sich in Bewegung. Die Verantwortlichen werden unter strengste Kuratel gestellt. Schließlich wird der Filmklub sogar aufgelöst. Und das Haus der ungarischen Kultur sperrt die kleine Satire für jegliche weitere öffentliche Aufführung in der DDR.

Kennt Joachim Hasler diese Vorgänge? Der erfahrene Kameramann und Defa-Regisseur, bekannt geworden durch starke Krimis („Chronik eines Mordes“) und nette musikalische Lustspiele („Heißer Sommer“), trägt seinem Chefdramaturgen Rudolf Jürschik Anfang der 1980er-Jahre eine ganz ähnliche Geschichte vor, wie sie einst im Spatzen-Film erzählt worden war. Hauptfiguren sind hier Zwillingsschwestern, die eine in Ost-, die andere in West-Berlin, beide haben eine Autowerkstatt. Die eine war am Tag des Mauerbaus zufällig im Westen und kehrte nicht mehr zurück. Seitdem hat sie Angst, in den Osten zu fahren. Die andere, die DDR-Schwester, bekam bisher nie ein Visum. Jetzt, zu einem gemeinsamen runden Geburtstag, wollen sie sich endlich besuchen. Und es soll eine Überraschung sein. So fahren sie am Bahnhof Friedrichstraße aneinander vorbei und sind bald in der jeweiligen Autowerkstatt der anderen zugange – mit kuriosen Folgen.

Hasler ist ein großartiger Erzähler, da sprühen die ironischen Funken. Und er hat eine Hauptdarstellerin parat, die das Publikum von den Sitzen reißen könnte: Helga Hahnemann. Die will den Film unbedingt drehen. Und freut sich schon auf Dialogwitz, Situationskomik und freche Pointen.

Doch als Defa-Generaldirektor Mäde den Handlungsaufriss liest, winkt er ab: Eine solche Geschichte geht keinesfalls ohne das Ministerium des Inneren. Und allein das Ansinnen, am Grenzübergang Friedrichstraße zu drehen, wäre ein Tabubruch. Es sei chancenlos, die Idee überhaupt weiterzureichen. So bleibt der Spatz im Käfig. Und der Kassenknüller ein unerreichbarer Traum.