Annekathrin Bürger (Jette) und Jürgen Heinrich (Johannes) in Rolf Römer's Film "Hostess".
Foto: DEFA/Dieter Jaeger

BerlinSeit Ende 1969 arbeitet der Schauspieler Rolf Römer an einem Film, den er auch selbst inszenieren will. „Hostess“ ist das Porträt einer jungen Frau, die als Stadtführerin im neuen Fernsehturm am Alexanderplatz arbeitet. Jette spricht drei Sprachen, begleitet Gäste aus aller Welt durch Ost-Berlin und kompensiert dadurch auch die Enge der Verhältnisse. Zu ihrem Glücksanspruch gehört eine erfüllte Partnerschaft. Doch ihr Freund, ein Automechaniker, erweist sich immer mehr als „Schmiergeldheini“: „Raffgierig und geizig ist er geworden, eine richtige Krämerseele.“ Am Anfang des Films trennt sie sich von ihm; am Ende kehrt sie in seine Wohnung zurück und räumt sie rigoros um. Sie ist keineswegs bereit, ihren Lebensanspruch aufzugeben.

Als der Film 1975 gedreht wird, versprechen sich Hauptverwaltung und Verleih eine Gegenwartskomödie mit viel Sonne und bunten Berlin-Bildern. Doch Römer und seine Hauptdarstellerin Annekathrin Bürger lassen sich nicht auf ein nettes Eiapopeia ein. Zahlreiche Handlungselemente und Figuren belegen, dass der behauptete Sozialismus längst im Stadium unausrottbarer Spießigkeit angelangt ist. Jettes Bruder (Manfred Karge): ein Tyrann mit sadistischen Ausfällen gegen die Ehefrau. Zwei Männer (Michael Gwisdek und Fred Delmare) bieten eine Wohnung mit Westtapeten und -armaturen gegen Schwarzgeld an. Jettes Chefin (Marion van de Kamp) rettet sich in ideologische Besserwisserei. Überhaupt wirkt das Land wie eine Erziehungsdiktatur, das „Verhältnis des DDR-Bürgers zu seinem Staat als eine Versorgungsehe statt einer freien Liebesbeziehung: Ibsens Puppenheim für ein ganzes Volk“ (Jan Brachmann).

Bei der staatlichen Abnahme im Oktober 1975 herrscht denn auch einiges Missvergnügen. Ein würdiger Beitrag der Defa zum bevorstehenden IX. Parteitag sei das ja nun gerade nicht. Der heftigste Verriss kommt vom Außenhandel: Die „klassenmäßige Darstellung der Figuren“ fehle; es überwiege ein „pessimistisches Bild von den Möglichkeiten des Miteinanderlebens“; der Eindruck entstehe, „dass Jette wegen ihrer Aufrichtigkeit zunehmend vereinsamt“. Der Verleih Progress setzt noch eins drauf: „Vorausgesetzt, der Film findet aufgrund seiner äußeren formalen Gestaltung Publikumsresonanz, so wäre es dennoch falsch, dies zum Maßstab künftiger Projekte zu machen.“

Immerhin hat der Verleih den richtigen Riecher: Nach der Premiere im Februar 1976 avanciert „Hostess“ zum Publikumsmagneten. Anderthalb Millionen Zuschauer in wenigen Wochen, nicht zuletzt angelockt von erotischen Szenen und den musikalischen Accessoires. Veronika Fischer ist mit ihren traumschönen Liedern „Guten Tag“ und „Halte an“ zu hören. Und Nina Hagen singt im Schlosshof zu Köpenick den frechen „Zieh die Schuhe aus“-Rock. Der ist, als der Film ein paar Monate später im DDR-Fernsehen läuft, geschnitten: Die Hagen lebt inzwischen im Westen.

Im Oktober 1985 ergeht von der Hauptverwaltung Film die Weisung, die Zulassung von „Hostess“ in der DDR komplett aufzuheben. „Die Kopien sind der Altstoffverwertung zu übergeben.“ Die Begründung: Hauptdarsteller Jürgen Heinrich, Veronika Fischer und Nina Hagen seien in die BRD übergesiedelt. Für den Export und den Auslandseinsatz bleibt „Hostess“ zugelassen.