Foto aus dem Film „Schafswolf“ (1983).
Foto: DEFA-Stiftung/Werner Baensch

BerlinEnde der 1970er-Jahre erhält das Defa-Studio für Trickfilme einen Großauftrag vom Adlershofer Fernsehen. Gewünscht sind dreißig Folgen einer Zeichentrickserie, die unter dem Titel „Röschens Abenteuer“ zum 30. Jahrestag der DDR ausgestrahlt werden soll. Die Idee stammt von Helmut Lange, einem hochrangigen Mitarbeiter des Fernsehens, verheiratet mit Inge Lange, Kandidatin des SED-Politbüros, die vermutlich selbst die Feder führt.

„Röschens Abenteuer“ handelt von einem Mädchen aus dem All. Von einer Raumschiffbesatzung aufgelesen, landet es ausgerechnet in der DDR, besucht einen Vergnügungspark und ein Warenhaus, eine Entbindungsstation, eine Armeeeinheit und ein Feierabendheim. In der letzten Folge, ausgestrahlt am Jahrestag, erlebt es die Parade in Ost-Berlin. Die Serie endet mit einem Feuerwerk. Konflikte gibt es keine, Spannung auch nicht, alles ist bunt und nett und reichlich spießig.

Weil dreißig Teile nicht aus dem Ärmel zu schütteln sind, verpflichtet das Trickfilmstudio gleich mehrere Regisseure und Regisseurinnen. Darunter auch Sieglinde Hamacher, die sich eher widerstrebend auf das Projekt einlässt. Später wird sie sagen: „Natürlich fand ich die Serie scheußlich, aber das war eben unsere Bravheit.“

Künstlerisch hat sie längst anderes im Sinn. Ihr schweben freche Parabeln vor, ästhetisch eigenwillige Allegorien. So entsteht „Kontraste“ (1982), die Welt im Wassertropfen, ein surrealistisches Spiel, das die Zensoren nicht begreifen und fürs Kino ablehnen, das Negativ wird vernichtet. Aus dem „Schafswolf“ (1983), in dem ein Wolf einen anderen auffrisst, müssen Bilder von abgenagten Knochen getilgt werden: „zu grausam“. Und „Der friedliche Tag“ (1985) verliert seinen ursprünglichen Titel „Fragwürdige Sicherheit“, weil Sicherheit in der DDR eben nicht fragwürdig sein darf.

Noch ganz am Ende gipfeln die absurden Zensurspiele in Einsprüchen gegen den Film „Lebensbedürfnis oder Arbeit macht Spaß“. Kraftstrotzende, optimistische Arbeiter zertrümmern hier Steine zu Kies, woraus neue Steine entstehen, die am Ende wieder zu Kies zerklopft werden. Ein Kreislauf der Sinnlosigkeit, zu dem im Rhythmus forscher Musik rote Fahnen flattern. Der Abspann läuft vor dem Hintergrund einer weißen Flagge. Die Arbeiter selbst überblicken den Vorgang nicht.

Die Hauptverwaltung Film fragt im Mai 1989: „Wie soll dieses ,Flaggezeigen‘ interpretiert werden?“ Eine Freigabe fürs Inland sei zwar möglich, aber ein Export oder eine Aufführung auf Festivals komme nicht infrage. „Wir meinen, dass wir sowohl das Studio und die Filmemacherin als auch uns vor der naheliegenden Fehlinterpretation schützen müssen, dass wir nach erfolgter Aufbauarbeit im Zeichen des Sozialismus letztlich die Flagge der Kapitulation ziehen.“

Sieglinde Hamacher muss die bildfüllende Großaufnahme einer roten Fahne schneiden. Und auch die weiße Fahne herausnehmen. Sie folgt der Auflage, weil sie den Kern der Parabel nicht beschädigt sieht. Im Herbst 1989 erhält „Lebensbedürfnis“ während des Leipziger Filmfestivals den Preis des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW). Hamacher: „Die sozialistische Wirtschaftsgemeinschaft des Ostblocks hatte Verständnis und Vergnügen an meiner Darstellung der Arbeitswelt.“