Renate Krößner (1945–2020), in ihrer bekanntesten Rolle als Solo Sunny.
Foto: Defa-Stiftung/Dieter Lück

BerlinIs’ ohne Frühstück, erklärt Sunny ihrem Liebhaber für eine Nacht. Und als der anfangen will zu zetern, schiebt sie gleich den Satz hinterher: Is’ auch ohne Diskussion. Sunny, die Ost-Berliner Schlagersängerin, pocht auf ihre Unabhängigkeit. Auf ihr Recht, selbst zu entscheiden, mit wem sie das Leben verbringt. Oder auch nur einen Vormittag.

„Solo Sunny“, der Defa-Film, der im Januar 1980 in die Kinos kam, erzählt von der Sehnsucht, gebraucht zu werden, dabei den eigenen Weg zu gehen, eigene Fehler zu machen, das Glück in die eigenen Hände zu nehmen, bis zur Verzweiflung, bis zur Todessehnsucht. Eine Absage an das Gelenktwerden durch wen auch immer, nicht nur den Staat oder gar die Partei, sondern auch durch irgendwelche Kerle. Das süße Wort Freiheit. Das bittere Wort Freiheit.

Es gibt ein Motiv in „Solo Sunny“, das den Charakter der Hauptfigur in einem einzigen Moment bündelt: Da sitzt Sunny vor dem Spiegel, schminkt sich selbstvergessen und selbstverliebt und ist doch voller Zweifel. Ob das Publikum ihr folgen wird. Ob ihre Hoffnungen aufgehen. Ein Motiv, das nicht nur mit Sunny zu tun hat, sondern auch mit ihrer Darstellerin.

Mit „Solo Sunny“ wird Renate Krößner berühmt. Über Monate ist das Ost-Berliner Premierenkino ausverkauft. Auch die Berlinale zeigt den Film, im Wettbewerb. Der Kritiker Volker Baer zeigt sich enthusiasmiert, er schreibt von einem Mädchen, „das Verständnis sucht und stets aggressiv reagiert, das am Rande steht und nach der Mitte drängt, ein Mädchen, das nicht aufgibt. Renate Krößner zeichnet sie in der Vielschichtigkeit ihres Charakters bravourös.“

Am Tag der Preisverleihung dreht Renate Krößner gerade in Schwerin, sie gehört zum Ensemble eines Fernsehmehrteilers. Die Defa schickt einen Boten, sie solle sofort nach West-Berlin kommen, es gäbe einen Preis. Weil ihr Reisepass abgelaufen ist, kommt der Regisseur Konrad Wolf mit Auto und Diplomatenpass und holt sie ab, schnurstracks durch den Checkpoint Charlie. Dann steht sie auf der Bühne des Zoo-Palasts, erhält den Silbernen Bären als Beste Darstellerin. Fast über Nacht ist sie ein Weltstar.

„Ab und zu zierlich ins Berlinische“

Später, viel später hat Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase einen zauberhaften Text über sie geschrieben. Dass er und Konrad Wolf vor Drehbeginn nicht viel von ihr wussten. Dass sie sich nun „besichtigen“ ließ und sie beim Reden „ab und zu zierlich ins Berlinische fiel“. Dass sie die Tonlage der Stadt beherrscht habe, auch wenn sie Hochdeutsch sprach. „Wie man in Berlin sich ausdrückt, das ist, ähnlich wie in anderen großen Städten, eine Art zu denken, ehe es eine Art zu sprechen ist. Reflex sozialer Erfahrung. Sunny, unsere Hauptperson, gehörte zum Prenzlauer Berg und zum reisenden Tingeltangel, und Renate Krößner schien von beiden Welten etwas zu wissen. Sie war schön, aber nicht nur und nicht von allen Seiten. Ihr Gesicht bestand aus verschiedenen Gesichtern. Als sie an diesem Tage gegangen war, wollte Konrad Wolf nicht weitersuchen, und ich wollte es auch nicht.“

Es muss dann nicht immer einfach gewesen sein während der Dreharbeiten. Denn Renate Krößner brachte in die Rolle auch, wie Kohlhaase schreibt, eine „dünnhäutige schauspielerische Intelligenz“ ein. „Wolf hat sie sehr geschätzt und hat sie zu schützen gesucht, vor ihren Zweifeln ebenso wie vor zu viel Selbstgewissheit. Er war ja ein Mensch und ein Regisseur, der immer mal jemand zu seinen besseren Seiten ermutigte.“

Als Renate Krößner „Solo Sunny“ dreht, 1979, ist sie 34 Jahre alt. Geboren acht Tage nach Kriegsende in Osterode im Harz, Tochter eines Lehrers. Sie wächst in Berlin auf, besucht die Oberschule, spielt am Amateurtheater. Mit neunzehn schließt sie ihre Ausbildung an der Staatlichen Schauspielschule in Schöneweide mit einem Diplom ab.

Schon ein Jahr später, im Sommer 1965, besetzt die Defa sie in „Tiefe Furchen“, nach einem Roman von Otto Gotsche. Es geht um die Nachkriegszeit auf dem Land. Renate Krößner, sehr pausbäckig, mit dicken schwarzen Zöpfen, spielt das Flüchtlingsmädchen Marianne, das im Dorf misshandelt wird, sich dann in einen gleichaltrigen Jungen verliebt und von einem gemeinsamen Bauernhof träumt. Der Film ist kein Kunstwerk, aber ein Versuch, die existenziellen Widersprüche der Zeit ehrlich zu beschreiben.

Zensureingriff der SED

Der Regisseur Lutz Köhlert wagt auch erotische Szenen. Doch die erregen das Misstrauen des Buchautors, der in der SED-Nomenklatura weit oben, ganz in der Nähe von Walter Ulbricht sitzt. So ergeht Ende September 1965 die Anweisung, eine Liebesszene zwischen Renate Krößner und ihrem Partner Kaspar Eichel zu schneiden. Die filmische Laufbahn der Darstellerin beginnt mit einem Zensureingriff.

Es bleibt nicht der einzige. Auch „Eine Pyramide für mich“ (1975), Renate Krößners nächster Kinofilm, muss umgearbeitet und geschnitten werden. Wieder eine Saga über die Aufbaugeneration, die Ideale von einst, die dreißig Jahre später in einem Wust von Gewöhnung und Opportunismus untergegangen sind. Renate Krößner spielt ein vermeintlich „leichtes Mädchen“, die pure Lebenslust, die sich in Ernsthaftigkeit verwandeln kann, wenn es sein muss. Ralf Kirstens Film liegt Monate auf Eis; es heißt, seine „politische Aussage“ entspräche nicht dem gewünschten Anliegen.

Auch „Feuer unter Deck“ (1976) landet zunächst im Tresor. Herrmann Zschoche hat die Krößner als Caramba besetzt, Kellnerin in einer gemütlichen Schifferkneipe, die sich ausgerechnet in den anarchistischen Elbdampfer-Kapitän Otto verliebt. Dieser Otto ist Manfred Krug, und die Krößner muss sich hinter ihm nicht verstecken: eigenwillig und lautstark, sinnlich und handgreiflich liest sie ihm die Leviten. Frauenpower made in DDR. Weil Krug aber, nachdem der Film abgedreht ist, in die Bundesrepublik ausreist, bleibt das Lustspiel jahrelang ungezeigt.

Es ist zum Verzweifeln: lauter Gelegenheiten, um im Kino auf sich aufmerksam zu machen. Und lauter Stoppschilder. Während dessen rückt Renate Krößner wenigstens im Theater immer ein Stück näher an Berlin heran: von Parchim über Stendal und Senftenberg bis nach Brandenburg. Und auch im Fernsehen darf sie zeigen, was sie kann, manchmal, so wie in der Verfilmung von Friedrich Wolfs Stück „Cyankali“ (1977, Regie: Jurij Kramer), in dem sie als Hete zu sehen ist, die junge Frau, die in der Wirtschaftskrise Ende der 1920er-Jahre aus Armut auf ihr Kind verzichten muss. „Eruptiv“ nennen sie Kritiker, wunderbar zart sind die Momente mit ihrem Partner Hermann Beyer. Kunst und Leben im Wechselspiel.

1978, im Jahr vor „Solo Sunny“, schafft sie es endlich auch mit zwei Defa-Filmen, ins Gespräch zu kommen. Schön derb als Lene in Rainer Simons Groteske „Zünd an, es kommt die Feuerwehr“, ein Kleinbürger- und Obrigkeitsspektakel, das nicht nur die Kaiserzeit meint, sondern durchaus auch die kleine DDR.

Über Tilli, die Freundin der Hauptfigur Sonja in Heiner Carows „Bis dass der Tod euch scheidet“, schreibt die Kritikerin Rosemarie Rehahn: „Töne und Zwischentöne sitzen. Ein Temperament, wie’s in unseren Breiten selten ist.“ Auch Peter Ahrens in der Weltbühne lobt, Renate Krößners „Charakterisierungsfähigkeit und Beherrschung der schauspielerischen Mittel weist hier eine neue, außerordentliche Qualität aus“. Und dann kommt die Sunny.

Alles ist gut, soll man meinen, und doch wird nichts gut. Der Film „Schwarzweiß und Farbe“, in dem sie mitspielen soll, ein Defa-Gegenwartsfilm von Siegfried Kühn vor dem Hintergrund des Atomkraftwerks Lubmin, wird sang- und klanglos abgesagt. Das Thema Atomkraft in der Öffentlichkeit zu diskutieren, ist nicht opportun, der Film hätte zu viele Fragen gestellt, zu viele Wunden gerissen.

„Ich galt als eine verbrannte Nummer“

Ein anderer Film, „Einer vom Rummel“ (1982), wird zum Flop. Auch die Titelrolle in der Fernsehproduktion „Mathilde Möhring“ (1983, Regie: Karin Hercher) hilft nicht aus dem Tal der Enttäuschungen heraus. Später sagt Renate Krößner, es sei so gut wie vorbei gewesen: „Diese Sunny, sie wurde gleichgesetzt mit mir. Ich glaube, es war ihnen ein Dorn im Auge, dass ich diese Figur verteidigt hatte.“

Doch wahrscheinlich ist alles viel simpler: Die Defa hätte der Krößner nach dem Sunny-Erfolg vermutlich durchaus gute Rollen gegeben, wenn sie denn da gewesen wären. Aber sie waren nicht da. Frust auf beiden Seiten. Zähes Ringen: Bleiben oder weggehen, wie so viele andere. Das Glück im Westen versuchen, dort, wo „Solo Sunny“, dieser universelle Film, auch so erfolgreich gelaufen ist? Doch wer in der DDR einen Antrag auf Ausreise stellt – oder wem auch nur die Absicht unterstellt wird, die Ausreise in den Westen zu beantragen – wird nicht mehr besetzt. „Ich galt als eine verbrannte Nummer.“

Die Genauigkeit im Detail

Ende Juli 1985 siedelt Renate Krößner mit ihrem Partner, dem Schauspieler Bernd Stegemann, und dem Sohn Eugen in den Westen über. Sie findet Anschluss, spielt Theater in Basel, die Minna von Barnhelm. Angebote kommen vom Münchner Residenztheater, aus Essen und von der Berliner Schaubühne. Auch in Film und Fernsehen ist sie wieder zu sehen. In Tatorten, Polizeirufen, Sonderkommissionen. In der „Lindenstraße“, bei „Stubbe“ und „In aller Freundschaft“. Kleines, Größeres, oft Dutzendware, manchmal Herausragendes.

Das Kino erinnert sich ihrer vorwiegend für Mutterrollen, nicht selten Gestrandete, Ausgepowerte. Nie vergisst die Krößner den sozialen Gestus, die Genauigkeit im Detail, „wie sie in weißer Bluse anders saß als im Pullover, wie eine Schürze sie farblos machte und ein Hut verwegen“ (Kohlhaase). Und immer leuchtete eine Ahnung von Sunny auf. Spuren einer Lebensfigur.

Am Montag ist Renate Krößner wenige Tage nach ihrem 75. Geburtstag nach kurzer schwerer Krankheit in Mahlow gestorben.