Bertrand (Denis Podalydès) tauscht das böse Handy gegen eine Muschel. 
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Berlin - So sieht es also aus, wenn Daten in einer Cloud gespeichert werden. In Palo Alto stehen in endlosen Reihen Metallschränke. Auf Zetteln steht „Sextapes“, dazu ein Land oder eine Region. Zwischen Finnland und dem Vatikan findet sich „Haute-de-France“. Marie ist von dort extra angereist, sie sucht das Video, das ein Mann von ihr nach einem Barbesuch aufgenommen hat.

„Delete history“ von Benoît Delépine und Gustave Kervern (Buch und Regie) ist eine Komödie aus der Gegenwart mit satirischer Schlagseite zum sozialkritischen Hintergrund. Der englische Titel heißt konkret übersetzt: „Den Verlauf löschen“ und deutet auf Webseiten. Marie hat in ihrer Nachbarschaft zwei Leidensgefährten. Christine (Corinne Masiero) betreibt mit ihrem Auto einen Vip-Fahrdienst und vermietet ihre Wohnung als Gebetsraum. Sie bekommt immer nur schlechte Bewertungen – bis sie erfährt, dass man gute Klicks teuer kaufen muss. Und Bertrand (Denis Podalydès) hat sich auf so viele Online-Käufe und -Verträge eingelassen, dass er hoch verschuldet ist. Seiner Tochter verspricht er, sie vor Cybermobbing zu schützen. Er wartet noch auf die Antwort von Facebook.

Dass Bertrands einziges Glück die sexy Telefonstimme ist, die ihm eine Veranda verkaufen will, lässt an den speziellen Dunkelhumor eines anderen Franzosen denken: An Michel Houellebecq, der im Film einen schrägen Gastauftritt hat.

Der Hacker im Windrad

Die drei Nachbarn stehen für die Menschen, die in der Dienstleistungsgesellschaft mit ihren Telefonwarteschleifen und Online-Verträgen verzweifeln. Wahlforscher nenen sie die „Abgehängten“. Marie, Christine und Bertrand wollen sich nicht abfinden. Die Aussichtslosigkeit ihres Kampfs zeigt der Film in einem genialen Bild: Der schlaue Hacker, der ihnen helfen soll, residiert auf einem Windkraft-Feld in einer Säule – einem Nachfolger der Windmühlen Don Quijotes.

Delépine und Kervern sind bereits zum dritten Mal im Wettbewerb der Berlinale. Sie richten ihren sozialkritischen Blick auf Sorgen, die auch die Menschen in Deutschland oder Belgien haben. Oder in Großbritannien: Die Themen in „Delete history“ beschäftigen auch Ken Loach. Doch dieses Regieduo zeigt nicht nur die Essenz; sie illustrieren sie mit sehr treffsicherem Humor.