Im Frühjahr hing in Paris an einem der Heroendenkmäler, die nach 1918 in vielen französischen Bahnhöfen errichtet wurden, ein Zettel. Darauf stand: Mein Großvater fuhr von hier aus 1914 an die Front. Er schlief nie wieder eine Nacht durch.

An diese Sätze erinnert man sich bei der Fahrt durch die nordfanzösische Picardie und durch Flandern. Endlose Weite, Weiden und Hecken. Der Chansonnier Jacques Brel hat die unter tiefen Regenwolken entstehende Melancholie in seinen Liedern besungen. Und jenes aus den Eckkneipen so oft zu hörende Lachen, das in weichen Sonnenstrahlen zwischen den Wolken seine natürliche Entsprechung hat. Es ist das Land des herzhaften, oft ignorant als bäuerisch verachteten flämischen Niederländisch und wallonischen Französisch, des süffigen Biers, der guten Museen, schönen Marktplätze, netten Häuser. Und es ist das Land der kaum zu zählenden Friedhöfe und Gefallenen-Denkmälder, der zahllosen Toten.

Im Ersten Weltkrieg tobten zwischen 1914 bis 1918 in dieser Region nahe der Kanalküste einige der blutigsten Schlachten der Weltgeschichte. Sie stehen bis heute im Schatten des Erinnerns an die Massaker an der Marne, der Somme und um Verdun. Aber alleine in den drei „großen“ Flandernschlachten 1914, 1915 und 1917 starben mindestens 500.000 Männer, mindestens 80.000 dazwischen in den Schützengräben. Unzählbar sind die Vermissten, die schwer Verwundeten, die für das Leben Gezeichneten. Das üppige Flandern ist für Millionen Männer aus Europa, Amerika, Asien und Afrika ein Land voller Brutalität geworden. Auch deswegen entstand nie jener gemeinsame Erinnerungsort für die vielen Toten aller Nationen, den sich Pazifisten schon in den 1920er-Jahren gewünscht haben.

Die schwere Erde Flanderns

Es musste wohl erst der letzte Überlebende des Groote Orlog, des Great War, des Grande Guerre, wie er außerhalb Deutschlands genannt wird, sterben, damit ein solches Denkmal denkbar war. An diesem Dienstag wird es von Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen und Präsident Francois Hollande eingeweiht, am 100. Jahrestag jenes Angriffs auf Ypern, der in Deutschland schon während des Kriegs zum rechts-nationalistischen „Langemarck-Mythos“ gemacht wurde.

Zwischen Lens und der idyllischen Kleinstadt Arras blitzt die von den französischen Architekten Phillippe Prost entworfene Anlage im Sonnenlicht, schimmert sanft unter bewölktem Himmel. Ein riesiger dunkler, nach außen geschlossener Ring aus Metallplatten, der teilweise über dem Abhang schwebt. Er misst nur wenige Meter – aber genau um diese ging es oft nur, wenn die eingegrabenen Stellungen des Feindes erobert werden sollten. Städte wie Bethume oder Arras wurden regelrecht ausradiert, weil von ihren Kirchtürmen der Blick in die Schützengräben möglich war. Auch hier am Hang von Notre-Dame-de-Lorette zeigt der Blick in die weite Ebene von Lens mit ihren gewaltigen Abraumhalden: Jeder Meter Höhenunterschied war eine strategische Herausforderung. Auch, weil die Natur dieses Landstrichs geradezu auf der Seite jedes Verteidigers steht: Der tonige Ackerboden klebt selbst nach mehreren sonnigen Tagen schwer an den Stiefeln.

Das jetzt für die Politiker aus Berlin und Paris ausgerollte Gras unter dem weiten Metallring verfälscht diese Geschichte regelrecht. Man hätte sich das Grün sparen sollen, auch die von den Architekten geplanten netten Blumenanlagen sind überflüssig: Der nackte, schwere Boden Flanderns, der bis heute Leichen- und Uniformteile, Munition und Waffen ausspuckt, sollte bis in das Denkmaloval herrschen.