Ein schöner Gedenkort wird das hier nie werden, egal, wie das Denkmal einmal aussieht. Nicht hier an dieser Ecke im Rücken der Philharmonie mit ihrem Bushalteplatz, den beständig Abgase produzierenden Autoschlangen in der Tiergartenstraße. Nicht bei diesem Lärm. Aber der Ort war nicht zum Aussuchen, der ist einfach hier. In der Tiergartenstraße 4 stand einmal das Gebäude, von dem aus die sogenannte Euthanasie 1940 und 1941 zentral geplant wurde (Aktion T4). Das heißt, an dieser Stelle saßen Menschen an Schreibtischen und schickten Menschen ins Gas – geistig oder körperlich Behinderte, psychisch oder chronisch Kranke, sogenannte Asoziale; allein von hier 70.000. Der Vollzug der Morde fand anschließend in sechs dafür errichteten Gasanstalten in Deutschland und Österreich statt.

„Diese Morde gehören in das Gedächtnis unserer Nation“, sagte Kulturstaatsminister Bernd Neumann gestern zum Baubeginn des neuen Informations- und Gedenkortes. Und er erinnerte daran, dass eine beherzte und scharfe Predigt des Bischofs von Münster, Clemens August Kardinal Graf von Galen, dem Morden zumindest offiziell Einhalt gebot: „Wenn man den Grundsatz aufstellt und anwendet, dass man den ,unproduktiven’ Mitmenschen töten darf, dann wehe uns allen, wenn wir alt und altersschwach werden!“ Darauf wurde die Aktion T4 im August 1941 offiziell beendet, das Töten aber ging weiter. Es fand von nun an dezentral in Pflege- und Heilanstalten statt. Die Methoden waren jetzt Gift, Hunger und Medikamente. Schätzungen sprechen bis 1945 von bis zu 300.000 Toten in Europa durch den irreleitenden Begriff „Euthanasie“ verharmlost, der im Griechischen „schöner Tod“ heißt.

300.000 Tote und es braucht 68 Jahre, bis diese fraglos wehrloseste aller Opfergruppen ein Denkmal bekommen soll? In der Hauptstadt des Gedenkens und Erinnerns? Zehn Jahre nach Baubeginn für das Holocaust-Denkmal mit seinen Besucher-Millionen? Nach Einweihung des Sinti- und Roma-Denkmals? Nein, so schlimm ist es nun doch nicht. Denn es gibt bereits ein Denkmal, sogar genau an derselben Stelle nördlich der Philharmonie. Auch das kam erst 1991, aber allemal eher als das Holocoaust-Mahnmal. Es handelt sich um eine schlichte in den Boden eingelassene Bronzeplatte mit ausführlicher, der Opfer gedenkender Inschrift. Die Tafel ist ein bisschen unscheinbar und die Skulptur von Richard Serra nicht als zugehörig erkennbar. Aber ein Denkmal ist es.

Deshalb mutete es etwas seltsam an, dass 2010 im Bundestag endlich ein würdiger Gedenkort verlangt wurde. Zuvor hatte es geheißen, ein aktueller Missstand müsse beseitigt werden, selbst die Entfernung der Gedenktafel wurde erwogen. Der Historiker Götz Aly, der das erste Denkmal zusammen mit Klaus Hartung durchgesetzt hatte, sprach entsprechend giftig von ignorantem Gedenkgewerbe und verwahrte sich gegen die Unterstellung von der Unwürdigkeit der Bronzeplatte. Unwürdig freilich war vor allem, die Initiatoren des ersten Denkmals, insbesondere den Historiker mit dem in dieser Frage größten Sachverstand nicht einzubeziehen in die Erweiterung. Das hat sich geändert, seit die Planung zum Ressort von Kulturstaatsminister Bernd Neumann gehört, der den Historiker gestern in seiner Rede zum Baubeginn ausführlich zitierte. Aly legt Wert darauf, sich klar zu machen, dass diese Morde im Nationalsozialismus inmitten der Gesellschaft stattfanden, nur halb im Geheimen. Und dass die meisten Angehörigen es nicht so genau wissen wollten, was mit den Behinderten eigentlich passierte. Ein Thema, das uns heute nicht weniger angeht.

500.000 Euro hat der Bundestag für die Erweiterung des Denkmals bewilligt, um diesen Ort der Information und des Gedenkens zu schaffen. Eine 30 Meter lange durchsichtige hellblaue Glaswand von Ursula Wilms, Nikolaus Koliusis und Heinz W. Wallmann gehört dazu, die Bronzetafel von 1991 ist einbezogen – der Ort wird größere Aufmerksamkeit finden.