Willst du immer weiter schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah“, rät Goethe in seinen „Erinnerungen. Es war, als würden alle im neuen Aktionsbündnis „Kunst auf Lager“ Engagierten diesen weisen Rat mitdenken. Das Gute liegt so nah, unten, in den Museumskellern, wo so viel Kunst und Kulturgut zu Unrecht vergessen lagert.

Am Mittwoch trafen sich die Initiatoren auf dem Campus Nord der Humboldt-Universität. Die kürzlich gegründete Initiative für den Erhalt unermesslicher Kulturgüter wurde vorgestellt, die traurige, unwürdige, ja katastrophale Situation der meisten deutschen Museums-Depots in großen wie in kleinen Häusern beschrieben. Die Bündnis-Partner – Kulturstiftung der Länder, Hermann Reemtsma Stiftung Hamburg, Wüstenrot-Stiftung Ludwigsburg und Gerda Henkel-Stiftung Düsseldorf sowie bislang weitere acht Stiftungen – nannten Ziele, beschworen Chancen und selbstredend die freilich schwer zu aktivierende Verantwortung der Politik.

Es ist hohe Zeit, die Dramen in den Kellern der Museen in West und Ost, Süd und Nord zu beenden. 90 Prozent der Bestände liegen da, unaufgearbeitet, anonym, chaotisch, nicht konserviert, geschweige denn restauriert, gar erforscht.

Die Museen indes stecken bis zum Hals im Dilemma: Derweil oben, in den Sälen und Kabinetten, eine spektakuläre Sonderschau nach der anderen – mit Super-Leihgaben von sonstwoher – Besucher möglichst in Schlangen anlocken soll, damit die Quote stimmt und staatliche Budgets nicht noch weiter abgemagert werden, lagern unten in Regalen, Kisten, Schränken, auf Stapeln und Haufen Schätze: Kunst, historische Artefakte, Archivalien, Bücher. Kulturgut also, das kaum einer kennt, das seit langen Zeiten nicht mehr angeguckt wurde – schlicht, für das es in den Museen einfach nicht genug Fachleute gibt.

Paradoxerweise aber sind Deutschlands alternde Privatsammler in Schenkerlaune wie selten zuvor und bedenken mit ihren Konvoluten mit Vorliebe die Museen, deren Räume, Experten, Publikum. Natürlich sind die Beschenkten dankbar, aber wohin mit den immensen Gaben? Ergo: Die Depots quellen über. Und was erst mal ganz unten liegt, kommt schwerlich wieder ans Licht.

Oben hui, unten pfui, damit will sich das Bündnis „Kunst auf Lager“ (www.kunst-auf-lager.de) nicht mehr abfinden. Der Appell geht an Museumsleute, an die Öffentlichkeit, an Stiftungen – und an die Politik. Es müssen viele werden, um die Sisyphos-Arbeit zu beginnen, also runter in die Depots, vergessene Schätze heben, erschließen, konservieren, erforschen. Und das Nie-Gesehene endlich zeigen. Wetten, das Publikum steht auch da Schlange!