Berlin - Früher war die Sohle das, was die Mode über den Schmutz der Straße erhob: je höher der Absatz, umso höher der Status. In Venedig stellten die feinen Damen im 16. Jahrhundert mit hohen Absätzen zur Schau: Ich muss nicht zu Fuß gehen. Noch in den 90ern, in der Zeit von „Sex and the City“, standen Highheels für Weiblichkeit und Glamour. Heute läuft die Pariser  Jeunesse auf Sohlen, die schlapp-schlapp machen, oder auf französisch: clack-clack.

Die Schlappe. Ein Schuh der seinen eigenen Namen sagen kann,  ein modisches Vergehen in Tateinheit  mit weißen Socken – Parbleu! Die Fußtracht, die bisher vor allem auf Grillpartys im Schrebergarten und am All-you-can-eat-Buffet billiger Ferienressorts  gesehen wurde, breitet sich in der Hauptstadt der Mode aus; die Zeitung Libération hyperventiliert von einer „Bekleidungs-Anomalie“, die der modisch fein geschliffene Franzose früher nur von deutschen Touristen kannte und nun wie eine Krankheit um sich greift: „Visuell ist es ekelhaft, aber es ist in Mode.“ Was also ist da passiert? 

Ein Rapper, der seine Badelatschen besingt

Es gab einen Auslöser, der den Trend massiv befördert hat: Der Rapper Alrima hat Anfang Mai  einen Song über seine Fußbekleidung mit dem Titel „Claquette Chaussette“ veröffentlicht, in dem Video, das mit knapp einer Milliarde Klicks zu einer veritablen Internet-Sensation geworden ist, rappt und post der Sänger in der Tristesse der Südpariser Banlieu und trägt dabei eine goldene Doppelstegbrille, ein Sporthemd und dazu Badelatschen mit Socken. Was also ist das? Der Sieg des Praktischen über das Schöne? Die Rache der Unterprivilegierten, die mit ihrem schlechten Geschmack die Stilcodes der gehobenen Klassen unterminieren?

Es ist genau das Gegenteil: Die vulgäre Gummischlappe, auch bekannt als Adilette, gehört in den Bereich Normcore, der sich aus dem modischen Repertoire stilistisch ungebildeter Durchschnittstypen bedient; der modische Savant trägt  das, was landläufig als unattraktiv gilt, also unförmige Sweatshirts, dröge Blusen, stonewashed Mom Jeans und klobige Sneaker. 

Auch die Schlappe  ist schon seit ein paar Monaten Trendstück, Rihanna, Bella Hadid und David Beckham wurden damit gesichtet, Mark Zuckerberg trägt sie schon viel länger, auf der Pariser Fashion Week waren sie kürzlich an den männlichen Models auf dem Laufsteg zu sehen. Neben der ordinären Adilette gibt es inzwischen auch Luxusvarianten von  Louis Vuitton, Céline und Gucci.

Ironische Zitate der Discountermode

Es geht also nicht darum, den Normalbürger nachzuahmen, sondern darum, viel Geld dafür auszugeben, nach möglichst nichts auszusehen. Wer das für sinnlos hält, hat die Modewelt nicht verstanden:  Mode ist ein komplexes Zeichensystem, das Gruppenzugehörigkeit und  sozialen Rang ausdrückt. Ironische Zitate aus der Textil-Discounterwelt ermöglichen maximale Distinktion, denn diese Trends werden nur von Eingeweihten verstanden. 

Offensichtlicher Luxus dagegen gilt in Zeiten von Euro-Krise und globaler Erwärmung als suspekt; teure Autos und Ledertaschen mit Designerlogo wirken in den Milieus der  liberalen Eliten nicht mehr als Statussymbol. Als Fälschung sind sie längst billige Massenware geworden. Der wahre Luxus liegt jetzt in der Entspannung, im Mühelosen, in einem Outfit, das ausdrückt: Ich muss mich nicht anstrengen.  Und so verliert sich der moderne Mensch in einem Nicht-Stil, in der Abkehr vom Glamour hin zu einer Pose der Normalität. Schlapp-schlapp macht es dazu.