Eine Frau im Teheran von heute. Amir Hassan Cheheltan lebt und schreibt in dieser Stadt, kann seine Bücher aber nur im Ausland veröffentlichen. 
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Teheran - In einer geschlossenen Wohnung zu sitzen, die Fenster verriegelt, damit man nicht sehen und berichten kann, was auf den Straßen passiert: Mit diesem Bild hat Amir Hassan Cheheltan nicht den Umgang Irans mit der Corona-Krise, sondern vor einigen Jahren die Situation der Schriftsteller im Land beschrieben.

Wer im Gottesstaat ein Buch publizieren will, muss durch die Zensur, die das Ministerium für Kultur und islamische Führung streng überwacht. Mit dem wirklichen Leben, so Cheheltan, hätten in Iran veröffentlichte Texte daher wenig zu tun. Die Darstellung von Sexualität, Gewalt oder Politik sei tabu.

Darstellung von Sexualität, Gewalt oder Politik tabu

Cheheltan, der seit 1976 schreibt, lebte mehrere Jahre in Italien, den USA und Berlin und wohnt nun wieder in seiner trotz allem geliebten Heimatstadt Teheran. Er braucht die Anonymität der Megacity, in deren Metropolregion geschätzt bis zu 20 Millionen Menschen leben. Menschen, deren soziale, wirtschaftliche, politische Zwänge und Abgründe Cheheltan genauestens beobachtet.

So entstehen Sittenbilder der iranischen Gesellschaft, die eines Balzac würdig sind, in Iran aber nicht gedruckt werden. Internationale Berühmtheit erlangte der Autor 2009, als im P.-Kirchheim-Verlag „Teheran, Revolutionsstraße“ erschien, als Weltpremiere in deutscher Übersetzung.

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Ein rücksichtsloser Teheraner Arzt, der ohne Medizinstudium durch das Zusammennähen von Jungfernhäutchen zu Wohlstand gekommen ist, und der junge Wärter eines Gefängnisses wollen dasselbe Mädchen heiraten. Doch das Mädchen verendet tragisch im Folterknast. Darin hatte der Scherge des Regimes, welch ein Wahnsinn, seine Liebe vorm Zugriff des Konkurrenten schützen wollen. „Was spielte es schon für eine Rolle, wie die Menschen starben“, heißt es, „wenn es unwichtig war, wie sie lebten.“

Ironisch und kunstvoll über Verrohung von Menschen

Der Autor schildert, unbestechlich, ironisch und kunstvoll, die Verrohung der Menschen in einem unmenschlichen System. Einer der essenziellen Romane des 21. Jahrhunderts.

In einem geschlossenen Zimmer begegnen uns auch die Protagonisten seines neuen Buches, das wie die letzten Romane Cheheltans bei C.H. Beck als Erst- und Originalausgabe erscheint. „Der Zirkel der Literaturliebhaber“ trifft sich jeden Donnerstag im Gästezimmer der Eltern des Erzählers, der kein anderer ist als der Autor selbst.

Die politischen Systeme wechseln, von der repressiven Herrschaft des Schahs mit seinem vor Mord nicht zurückschreckendem Geheimdienst bis zur Diktatur der Mullahs, die das gesamte öffentliche Leben beschränken, deren Gefängnisse und Todestrakte voll sind.

Erotik gegen Lustfeindlichkeit der Mullahs

Die persische Literatur, über deren Goldenes Zeitalter (1250–1350) uns Cheheltan so spannend wie kundig unterrichtet, hielt nicht nur Goethe für einen Höhepunkt der Weltliteratur. Der Zirkel – hauptsächlich Männer, auch drei Frauen gehören dazu – liest die großen Werke von Saadi, Rumi und Hafis, auch das persische Nationalepos „Schahname“ des Ferdosi (um 1000 n. Chr.).

Neben der höchstentwickelten persischen Sprachkunst ist die Erotik ein Hauptthema, denn viele klassische Werke sind voll expliziter Darstellungen hetero- und homoerotischer Liebe – ein größerer Gegensatz zur Lustfeindlichkeit der Mullahs ist nicht vorstellbar. Zwischendurch erzählt Cheheltan Geschichten aus dem Leben seiner Großmutter, der ersten studierten Hebamme Teherans, und seiner Mutter, einer Mathematiklehrerin.

Als diese nach der islamischen Revolution Schleier tragen muss und ihren Beruf verliert, als die ersten Frauen von Sittenwächtern öffentlich zusammengeschlagen werden und Kulturschaffende verschwinden, beginnt die Katastrophe. Ein Spitzel in der Runde der Freunde, der bereits der Geheimpolizei des Schahs diente, liefert nun Informationen an das neue Regime. Der Zirkel der Literaturliebhaber endet mit der Ermordung eines seiner Mitglieder.

Dichtung als Zufluchtsort vor blutiger Geschichte

Oft stritt der Erzähler mit seinem Vater darüber, dass man die historische Distanz aufheben und die Worte der Klassiker in die Gegenwart übertragen müsse. Für den Vater war die Dichtung zeitlebens ein Zufluchtsort vor der blutigen Geschichte seiner Heimat gewesen. Der Alltag der Menschen, dessen Schilderung in Iran per se ein Politikum ist, blieb ausgesperrt. Dagegen hatte der Sohn, hatte Cheheltan protestiert.

So sind seine Romane zu lesen, auch wenn das neue Buch sehr melancholisch ins „Paradies Literatur“ blickt. Vor einigen Tagen meldete sich Cheheltan jedoch aus der Quarantäne. Dort, so schrieb er der FAZ, seile seine Frau den Müllentsorgern regelmäßig Schutzmasken und Gummihandschuhe herab, lege belegte Brote dazu, die die minderjährigen Jungs genussvoll verspeisten.