Ballett auf der Bühne.
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BerlinDer Bericht der Clearingstelle über die Zustände an der Staatlichen Ballettschule sorgt für Aufsehen. In fast allen Medien liest er sich am Freitag wie ein Report über die Züchtigungsmaßnahmen in einer romanreifen Erziehungsanstalt, komplett mit gefühlskalten Lehrern und verängstigten Schülern. Die Clearingstelle, bestehend aus zwei Kinderschützern, wurde von der Bildungssenatorin ins Leben gerufen. Deren Nachrichten klingen barbarisch: Fiebernde Kinder würden aus dem Bett geholt, weil Lehrer auf deren Auftritt beharrten. Verletzungen spielten keine Rolle, medizinische Untersuchungen würden untersagt. Alle Arten von sexuellen Übergriffe bis auf Vergewaltigungen seien vorgekommen. Anschreien sei der normale Umgangston. Nach sechs Monaten hätten die Kinder ihre Fröhlichkeit verloren. Niemand an der Schule wage sich zu beschweren – kein Lehrer, kein Erzieher, kein Schüler. Bei den Schülern grassiere vor allem die Angst, nicht besetzt zu werden, gar die Schule verlassen zu müssen. Eine einzige Schule des Schreckens.

Was sind das für Eltern, die ihre Kinder jahrelang dieser Züchtigungsanstalt aussetzen, fragt man sich. Was für Lehrer? Sind sie gewissenlos abgestumpft, wenn sie so brutal gegen Kinder vorgehen? Wie viele der Lehrer sind so, und warum? Haben sie etwa sadistische Neigungen, oder fürchten sie den Rausschmiss? Wie viele der Lehrer mussten schon gehen? Und warum geht kein Kind zu einem der drei Vertrauenslehrer?

Fragen über Fragen, die die beiden Kinderschützer nicht beantworten können und wollen. Weil Untersuchung und Ermittlung gar nicht zu ihrer Aufgabe gehörten, wie sie betonen. Sie beschreiben Stimmungsbilder. Dabei können sie nicht mal angeben, wie viele der 108 von ihnen befragten Eltern, Lehrer und Schüler sich mit positiven Erfahrungen gemeldet hätten. Insgesamt hat die Ballettschule 300 Schüler, 120 Beschäftigte, vielleicht 600 Eltern – es gibt also rund 900 Menschen mit Meinungen. Tatsächlich ist die Zahl sogar höher, weil sich auch Ehemalige zu Wort meldeten.

Warum wurden dann nur 20 aktuelle Schüler befragt? Die Kinderschützer haben Vermutungen. Schon vor Wochen erklärten sie der Presse, jetzige Schüler hätten Angst, „an die Wand gestellt zu werden“.

Auch die Expertenkommission, zu der kein Tanzexperte gehört und die zu Monatsbeginn ein Urteil über die Schule abgab, versteht ihren Bericht keinesfalls als Untersuchung. Als es um die Freistellung des Schulleiters vor Gericht ging, machte ein Richter den Anwälten des Senats klar, dass ihn solche Berichte nicht interessierten. Dass er Beweise erwarte für eine Kündigung, keine Vermutungen.

Tatsache ist, dass an dieser Schule Unfrieden herrscht. Im November 2019 schrieb ein Teil der Lehrer an die Senatsverwaltung, Schüler seien überlastet und erschöpft. Der Schulleiter schlug eine Untersuchung durch externe Berater vor, die im Januar systematisch sämtliche Mitarbeiter befragte, zu einem differenzierten Urteil kam und Empfehlungen aussprach. Doch bevor die Schüler zu Wort kommen konnten, brach die Senatsverwaltung den Vorgang ab.

Einzig mögliche Erklärung hierfür: Sie hatte keine interne Aufklärung im Sinn, sondern ein Medienspektakel. Sie suspendierte die Leiter der Schule und setzte immer neue Pressetermine an, damit alle Skandalvorwürfe öffentlich ausgeschlachtet werden können. Das ist die Methode von Sandra Scheeres, SPD. Eine Untersuchung der Vorwürfe ist nicht mal angesetzt. Nur der Richter verlangt sie. Das offensichtliche Kalkül: Bis er urteilt, ist die mediale Hinrichtung der Schule abgeschlossen.