Klaus Wagenbach, hier beim Weg-Weisen.
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Als Klaus Wagenbach zum ersten Mal in die USA einreisen wollte, musste er für das Visum ein längeres Formular ausfüllen. Gefragt wurde darin auch nach der Hautfarbe. „Ich wählte ,grün‘ und wurde sofort zum Konsul gerufen“, erinnert er sich in dem Buch „Die Freiheit des Verlegers“, das zu seinem 80. Geburtstag erschienen war. Nun wird Klaus Wagenbach 90, an diesem Sonnabend. Auf große Reisen ist er nicht mehr erpicht, aber solch schräge Antworten auf unnötige Fragen passen immer noch gut zu ihm.

Dieser Mann, in Berlin-Tegel geboren, ist eine Persönlichkeit, wie sie Berlin nicht viele hat. Prägend, aber weniger durch eigenes Auftreten als durch Wirken im Hintergrund. Obwohl: Auffällig sind auch das hell glucksende Lachen, oft bei Buchvorstellungen am Ende längere Sätze zu hören, auffällig die signalroten Socken, die leuchteten, wenn er am Buchmessestand saß. Eindringlicher und anhaltender wirkt seit Jahrzehnten die Arbeit als Verleger, die übrigens auch etwas mit Farben zu tun hat. Die ersten Bücher erschienen ganz in Schwarz mit einer weißen Titelfläche fast wie ein Schulheft. Blau wurde die Farbe für die Kulturwissenschaft. In sattrotes Leinen gebunden ist die Salto-Reihe. Verwandtschaften unter den Titeln zu zeigen, war ihm ein Konzept von Anfang an.

Als er 1964 in West-Berlin ein stehendes Gewerbe eintragen ließ und den Verlag Klaus Wagenbach gründete, war er in der Branche schon ein alter Hase. Oder wenigstens ein erfahrenes Kaninchen. Das wendige und vermehrungsfreudige Tier ist das Symbol der Wagenbach-Taschenbücher. Klaus Wagenbach hatte als Lehrling in einem Gebilde namens „Suhrkamp vorm. S. Fischer Verlag“ angefangen und nach dem Studium von Germanistik und Kunstgeschichte als Lektor bei S. Fischer gearbeitet. Außerdem promovierte er über Franz Kafka, was sich in Büchern niederschlug und ihn seit Jahrzehnten berechtigt, sich als „dienstälteste aller Kafka-Witwen“ zu bezeichnen.

Der Schriftsteller Hans Werner Richter engagierte Klaus Wagenbach zur netzwerkenden Mitarbeit bei der Gruppe 47, und so kannte er bald alle, die im Westen Deutschlands Bücher schrieben oder veröffentlichen wollten. Günter Grass hatte ihm in jener Zeit aus der Hand gelesen – das behauptet jedenfalls ein Kollege –, dass er Verleger würde. Dass er dabei bleich geworden sei, bestreitet er. Und tatsächlich, als er bei Fischer rausflog, ging Wagenbach in seine Geburtsstadt zurück, ins Bayerische Viertel, mit dem Ziel, einen Verlag zu gründen. Eine vom Vater vererbte Wiese erbrachte das nötige Startkapital.

Sein kleines Unternehmen sollte Literatur aus beiden Deutschlands publizieren. Neben Grass und Ingeborg Bachmann gehörte also Johannes Bobrowski aus Friedrichshagen zu seinen ersten Autoren (der leider viel zu früh im September 1965 verstarb). Ein anderer Dichter aus der DDR, Stephan Hermlin, verknüpfte Wagenbach mit weiteren: zum Beispiel mit Wolf Biermann. Der brachte dem Verlag den größten Erfolg der frühen Jahre mit 14.000 verkauften Exemplaren seiner „Drahtharfe“ – und einen ersten tiefen Einschnitt. Die DDR verhängte ein Einreise- und Durchreise-Verbot gegen Wagenbach. Das Ost-West-Projekt war gescheitert, etwa eine mit Franz Fühmann geplante Ausgabe. Immerhin erschien 1976 das Buch „Einer schreit: Nicht!“ der gerade zur Büchner-Preisträgerin erkorenen Elke Erb bei Wagenbach.

Im Westen war Biermann damals vielen jedoch zu links, es begann die Zeit der Studentenunruhen, die Springer-Zeitungen teilten gegen Wagenbach aus, schlimmer und brenzliger wurde es, als Texte von Ulrike Meinhof erschienen und eine Biografie über sie. Der Verleger wurde mehrfach angeklagt, und im Verlag wurde auch gestritten, Mitte der 70er-Jahre stand er kurz vor dem Ruin. Eine schwierige Zeit für Literatur. Die unnötige, immer wieder gestellte Frage, ob der Verlag nun schließen müsste, beantwortete Klaus Wagenbach, indem er für die reiselustigen Westdeutschen Italien in die Buchhandlungen brachte, mit Romanen etwa von Luigi Malerba und Natalia Ginzburg. Er druckte die Gedichte Erich Frieds so beharrlich, bis sie zum Longseller wurden: „Es ist was es ist/ sagt die Liebe“.

Wagenbach, der ein Linker ist, auch wenn er mit anderen Linken gern in Streit geriet, erwartete Anfang der Neunziger nach dem Fall der Mauer neue Leser aus dem Osten, hatte er doch „jahrzehntelang Tausende von Exemplaren unserer schärfsten Ware (von Biermann bis Dutschke) kostenlos in die DDR geschickt“. Der Umsatz in den neuen Bundesländern blieb jedoch unter fünf Prozent. Wagenbach aber stand 1989 dem Jung-Verleger Christoph Links mit Rat zur Seite und kam dann zu dessen Jubiläumsfeiern.

Das Büchermachen ist ein unsicheres Gewerbe, es lässt sich schwer voraussehen, was Menschen wirklich lesen wollen. Zumal Klaus Wagenbach und seine Mitstreiter eher danach gingen und gehen, welche Bücher die Leute lesen sollen. Seine Mitstreiterinnen sowieso, Klaus Wagenbach ist sich nämlich bewusst, dass Frauen anders und oft mehr lesen als Männer. Sie prägen den Verlag als Lektorinnen, Herstellerinnen, seine Tochter Nina Wagenbach als langjährige Vertriebschefin. Seine dritte Ehefrau Susanne Schüssler führt den Verlag seit 2002. Und das spricht nicht nur für sie, die neue Autoren zum Verlag holte, sondern auch für Klaus Wagenbach, der langfristig seinen Ausstieg als Chef vorbereitete und das Loslassen lernte.