Der Besteckkasten der Intendantin: Wie Schlesinger „den RBB rocken“ wollte

Öffentlich und in ihrem Podcast gab sich Patricia Schlesinger stets kumpelig, nach dem Motto „Ich bin doch eine von euch“. Selbsttäuschung oder dreiste Masche?

Die ehemalige RBB-Intendantin Patricia Schlesinger
Die ehemalige RBB-Intendantin Patricia Schlesingerrbb/Thomas Ernst

Die letzte Lieferung ihres Besteckkastens kam schon nicht mehr an. Hier geht es nicht etwa um den derzeit viel diskutierten privaten Haushalt von Patricia Schlesinger, sondern um ihr letztes journalistisches Projekt. Denn seit Mai produzierte die damalige RBB-Intendantin in ihrer Funktion als ARD-Vorsitzende einen Podcast. Der trug den verheißungsvollen Titel „Aus dem Besteckkasten“ und sollte an jedem ersten Mittwoch im Monat erscheinen. Doch in der vorigen Woche war schon Ruhe im Kasten.

Natürlich ist es erst mal ungewöhnlich, dass eine ARD-Vorsitzende sich selbst an den Gebührenzahler wendet. Wer aber von der Intendantin eines öffentlich-rechtlichen Senders hier Einblicke oder gar Interna erwartet haben sollte, muss schon reichlich naiv sein. Patricia Schlesinger trat als Gastgeberin auf. Sie lud zu jeder Ausgabe zwei jüngere Medienleute ein, um mit ihnen darüber zu diskutieren, wie sie gemeinsam die ARD „noch besser“ machen könnten. Die Themen der ersten drei Ausgaben richteten sich nach den drei D, die sich Schlesinger auf die Fahnen geschrieben hatte: Dialog, Diversität und Digitalisierung.

Vermeintliches Gegenstück zu ihrer gefürchteten Vorgängerin

Die erste Folge schnitt das Thema Finanzen an. Schlesinger betonte, dass „eine Menge Geld“ im öffentlich-rechtlichen System sei, das „zukunftsorientiert“ investiert werden müsse, erklärte aber gleichzeitig, dass sie nicht „Menschen und Moneten“ einfach umwidmen könne. Manches müsse weggelassen, sprich gestrichen werden. Sie verglich die lineare und die digitale Verbreitung mit zwei Pferden, die noch eine ganze Weile nebeneinander reiten müssten – und beide fräßen viel. In den Gesprächen präsentierte sich Schlesinger nicht als Chefin, sondern als Zuhörerin, sagte immer wieder: „Da stimme ich dir zu“ oder „Das nehme ich mit“. Erstaunlicherweise ließ sie sich von den 20 oder 30 Jahre jüngeren Gästen stets duzen, was wohl zeigen sollte: „Ich bin doch eine von euch!“ Mitunter gab sie Einblicke in Privates, etwa als sie die Einladung von Matze Hielscher mit der Begeisterung ihrer 21-jährigen Tochter Antonia für dessen Podcast erklärte.

Überhaupt trat sie im Sender und in den Medien viel offener auf als ihre Vorgängerin Dagmar Reim, die im eigenen Haus regelrecht gefürchtet worden war. Es kam schon vor, dass die RBB-Intendantin sich mit einer Flasche Bier zu uns Journalisten gesellte – mit Dagmar Reim dagegen hatte ich als langjähriger Beobachter des RBB-Programms nie ein Wort gewechselt. Mit ihrem Auftreten nahm Schlesinger auch den Rundfunkrat für sich ein. Hatte ihre erste Wahl noch Stunden gedauert, so trat sie zur Wiederwahl 2020 schon ohne Gegenkandidaten an – die Wahlkommission des Rundfunkrats hatte alle Mitbewerber schon vorher aussortiert.

In einem Interview, das ich im Jahr 2016 mit ihr führte, betonte sie, sie wolle gemeinsam mit der Belegschaft den „RBB rocken“. Priorität habe das Fernsehprogramm, das damals auf eine TV-Quote von 5,6 Prozent gefallen war und mit dem Hessischen Rundfunk um den vorletzten Platz aller Dritten Programme kämpfte. Doch knapp sechs Jahre später fällt die Bilanz ernüchternd aus: Ambitionierte Projekte wie die Satiresendung „Abendshow“ scheiterten krachend, mittlerweile ist der RBB mit 5,4 Prozent abgeschlagener TV-Letzter. Schlesinger musste im „Besteckkasten“ zugeben, dass selbst preisgekrönte Sendungen wie „Chez Krömer“ nur im Netz gut liefen. Ihrem Selbst- und ihrem Sendungsbewusstsein tat dies keinen Abbruch.

Beim RBB gab es Boni für das Erreichen von Sparzielen

Der Vorsatz, den „RBB zu rocken“, hat sich ja nun wirklich erfüllt – wenn auch etwas anders als von ihr geplant. Zum einen, weil ihr selbstgefälliges Gebaren das öffentlich-rechtliche System ins Wanken bringt, die gesamte Konstruktion hinterfragt wird. Zum anderen, weil Teile des RBB plötzlich unerwarteten Schmiss beweisen. So knöpfte sich Sarah Oswald in der „Abendschau“ den Programmdirektor Jan Schulte-Kellinghaus vor. Dem Gefolgsmann von Schlesinger, der ihr vom NDR gefolgt war, stand die Angst um den Verlust des Postens ins Gesicht geschrieben. Er wirkte aufgeschreckt und musste zugeben, dass es Boni für das Erreichen von Sparzielen gegeben habe. Dass eingesparte Honorare, etwa für die freien Mitarbeiter des eingestellten Vorabendmagazins „Zibb“, quasi in die Taschen der Geschäftsführung zurückflossen, sorgt gerade für besondere Wut in der Belegschaft. Und wie die Programmziele für die Boni von Schlesinger und Co definiert worden waren, würde der Gebührenzahler auch gern wissen: Die magere TV-Quote kann es ja nicht gewesen sein.

In ihrem Podcast „Aus dem Besteckkasten“ hatte Patricia Schlesinger ihre Gäste am Ende immer gefragt, was sie machen würden, wenn sie auf dem Intendantenposten säßen – und welche Sendungen sie empfehlen würden. Podcaster Matze Hielscher riet ihr, mal gar nichts anzusehen oder anzuhören, sondern einfach mal in sich selbst hineinzuhören. Dafür hätte Patricia Schlesinger jetzt eigentlich viel Zeit – bisher ließ sie öffentlich ja keinerlei Anzeichen von Selbstreflexion erkennen. War der anerkannten Journalistin, die bei „Panorama“ die Privilegien anderer angeprangert hatte, nie aufgefallen, wie sehr sie mittlerweile selbst Privilegien für sich in Anspruch nahm? War ihr kumpeliges Auftreten nach dem Motto „Ich bin noch immer eine von euch“ eine Selbsttäuschung oder eine dreiste Masche?