Sebastian (Sebastian Butz) und Marcel Werner (Milan Peschel)
Noblesse Oblige Distribution

BerlinIm jetzigen Großbezirk Pankow nahm die deutsche Filmgeschichte einst ihren Anfang. Max Skladanowsky lebte lange Zeit in der Waldowstraße in Niederschönhausen. Im Ausflugslokal „Feldschlößchen“ in der Berliner Straße stellte er im Sommer 1895 mit seinem Bruder Emil erstmals die vom Bioskop projizierten „lebenden Fotografien“ in der Öffentlichkeit vor. Vom Dach des Eckhauses Kastanienallee/Schönhauser Allee schließlich nahmen die Gebrüder gemeinsam das quirlige Großstadtleben auf, etablierten damit diesen Ort als ikonografisches Moment der Kinematografie. 

Die  Kreuzung  fand später in etliche weitere Dokumentar- und Spielfilme Einzug. Deren bekanntester ist sicher „Berlin – Ecke Schönhauser“ (1957) von Gerhard Klein und Wolfgang Kohlhaase. Angesichts dieser engen Verbindung von Zeit- und Filmgeschichte in Pankow und Prenzlauer Berg  ist es nur folgerichtig, den Schauplatz mit einem eigenen,  Filmfestival zu würdigen. Dieses gibt es bereits seit fünf Jahren. Unter der (etwas holprigen) Überschrift „Prenzlauer Berginale“ stellt der Kurator Stephan Müller filmische Fundstücke aus seiner Wahlheimat vor.

Eine mediale Flaschenpost

Die diesjährige Ausgabe konzentriert sich auf die Schlussphase der DDR und die ersten Jahre nach der Wiederherstellung der deutschen Einheit. Neben zwei langen Spielfilmen laufen auch filmische Zeugnisse aus der DDR, die jenseits der Defa realisiert wurden. Unter dem Dach der Staatlichen Filmdokumentation (SFD) etwa entstanden zwischen 1971 und 1986 zahlreiche Arbeiten, die nie für öffentliche Vorführungen vorgesehen waren. Sie sollten vielmehr aktuelle Veränderungen oder im Verschwinden begriffene Zustände festhalten, um sie auch für spätere Generationen nachvollziehbar zu machen – für eine Zeit nach dem Sieg des Kommunismus. Da sich lange  niemand dafür zuständig fühlte, lag dieses Konvolut völlig brach; nur einzelne Beispiele wurden nach 1990 hin und wieder gezeigt, wie zum Beispiel „Das Haus“ (1984) und „Volkspolizei“ (1985) von Thomas Heise. Dank der Forschungsarbeit von Anne Barnert konnte diese mediale Flaschenpost vor fünf Jahren endlich geborgen und katalogisiert werden.

Die „Prenzlauer Berginale“ zeigt für ihr lokales Thema relevante SFD-Filme in Ausschnitten. Damit erfüllt sich auf unerwartete Weise dann doch noch ihre Mission. Im selben Programm laufen auch Beiträge des DDR-Fernsehens, der Defa-Wochenschau „Augenzeuge“, des in der Umbruchzeit enorm populären TV-Jugendmagazins „elf 99“ sowie Video-Fragmente aus der dokumentarischen Arbeit des in Ost-Berlin akkreditierten West-Journalisten Peter Wensierski. Unabhängig von der jeweiligen Qualität ist allen Programmpunkten ein hoher dokumentarischer Wert gemein. Die tiefgreifenden Veränderungen der jüngsten 30 Jahre werden auf  bestürzende Weise deutlich. Bis in die späten 80er-Jahre hinein gab es in Prenzlauer Berg noch echte „Milljöhs“, die denen von Heinrich Zille durchaus  ähnlich waren.

Am Rande des Absturzes

Inzwischen dürfte der Wohnbezirk zu jenen Gegenden gehören, in denen sich deutschlandweit der massivste Bevölkerungsaustausch vollzogen hat. Heute noch  Ureinwohner ausfindig machen zu wollen, käme einer Detektivarbeit gleich. Die Metamorphose vom Proletenviertel zur Lifestyle-Zone lässt sich anhand von „Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann“ (1989) von Helke Misselwitz nachvollziehen. Wo einst die resolute Kohlenhändlerin Renate Uhle täglich ihre hart am Rand des Absturzes balancierenden Mitarbeiter konditionieren musste, hat sich längst der gehobene Mittelstand breitgemacht. Auch in „Einmal in der Woche schrein“ von Günter Jordan wird diese Fallhöhe  spürbar. 1982 gedreht, aber 1989 erst zugelassen, porträtiert der Kurzfilm Teenager am Helmholtzplatz, die mit ihren Mopeds  posieren, auf den Bürgersteigen abhängen und in einem Jugendklub schon am frühen Nachmittag ekstatische Tänze vollführen. Da gibt es noch vieles zu entdecken! Besser gesagt: gäbe.

Denn es wird wohl keine weitere Ausgabe der „Prenzlauer Berginale“ geben. Die gute Nachricht kommt aber gleich hinterher. Parallel zum aktuellen Festival wird eine Doppel-DVD mit den schönsten Beiträgen der letzten fünf Jahre erscheinen. Mit dabei dann auch Thomas Heises 1980 an der Babelsberger Filmhochschule entstandenes Gruppenporträt „Wozu denn über diese Leute einen Film?“. Damit bewegen wir uns schon wieder mitten im „Milljöh“. Unbekümmert berichten kleinkriminelle Jugendliche von ihren Katz-und-Maus-Spielen mit der Volkspolizei. Die Kamera befindet sich dabei stets auf Augenhöhe. Nie wird eine erhabene Autoren-Position eingenommen. Der damals 25-jährige Heise musste kurze Zeit später sein Regiestudium abbrechen. Sein nüchterner Blick auf die soziale Wirklichkeit entsprach in keiner Hinsicht den offiziellen Wunschprojektionen.

Noblesse Oblige Distribution
Die Prenzlauer Berginale

findet am 10., 17., 24. und 31. März jeweils ab 19.30 Uhr im Babylon in Mitte statt.