Der Moment, da ihr Name fällt: Anne Weber erhält den Deutschen Buchpreis 2020. 
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Aus Aberglaube habe sie nichts vorbereitet, sagt Anne Weber, als sie im Kaisersaal des Römers in Frankfurt am Main ans Podium tritt. Es ist 18.48 Uhr am Montagabend, gerade hat die Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels verkündet, wer den Deutschen Buchpreis 2020 erhält. „Es kann nur eine geben!“, sagte sie und übergab dann (mit weißen Handschuhen) Anne Weber die Urkunde. Ausgezeichnet wird die 1964 in Offenbach am Main geborene und lange schon in Frankreich lebende Autorin für ihr Buch „Annette, ein Heldinnenepos“, erschienen im Verlag Matthes & Seitz in Berlin.

Es ist eine kluge Entscheidung, aus der schönen Sechsergruppe der Shortlist dieses Buch herauszuheben und als Roman des Jahres auszuzeichnen. Die Titel sind alle angenehm unterschiedlich, in der literarischen Gestaltung jeder für sich besonders. Anne Webers Wagnis als Schriftstellerin ist es, sich im 21. Jahrhundert für die antike Form des Epos entschieden zu haben, mit dem einst Heldengeschichten erzählt wurden. Reimlose Verse dichtet sie, in einer das Lesen treibenden Rhythmik. Sie schreibt über Anne Beaumanoir, eine Résistance-Kämpferin und Streiterin für die algerische Befreiungsbewegung FLN, die in Südfrankreich lebt und demnächst 97 Jahre alt wird.

Ein Heldenlied, keine Heiligenverehrung

In dem kurzen Film, der für Weber wie für alle Shortlist-Kandidaten vorab eingespielt wurde, sieht man diese kleine weißhaarige Frau neben der Autorin. Die sagt, sie habe unbedingt über diese Frau schreiben wollen, als sie sie kennenlernte, aber einen klassischen Roman, „in dem ich meiner Heldin Worte in den Mund lege, Dialoge für sie erfinde“, habe sie unpassend gefunden. Eine Art Hommage sei ihr Buch, „aber es ist keine Hagiografie“, also keine Heiligenverehrung, denn sie habe auch Fragen an ihre Figur.

„Die Kraft von Anne Webers Erzählung kann sich mit der Kraft ihrer Heldin messen: Es ist atemberaubend, wie frisch hier die alte Form des Epos klingt und mit welcher Leichtigkeit Weber die Lebensgeschichte der französischen Widerstandskämpferin Anne Beaumanoir zu einem Roman über Mut, Widerstandskraft und den Kampf um Freiheit verdichtet“, heißt es in der Jury-Begründung. Das Leben dieser Frau stehe für die Brüche und Verletzungen des 20. Jahrhunderts. Es sei eine, wie die sieben Juroren weiter formuliert haben, „Geschichte voller Härten, die Weber aber mit souveräner Dezenz und feiner Ironie erzählt. Dabei geht es um nichts weniger als die deutsch-französische Geschichte als eine der Grundlagen unseres heutigen Europas.“

Anne Weber sagt nun, sie habe nur eine kleine Trostrede an sich selbst vorbereitet für den Fall, dass sie den Preis nicht bekomme, womit sie gerechnet habe. Und dann spricht sie doch, ein paar Minuten sogar, weil sie findet, es sei der Moment sich zu bedanken. „Ich bin mir nur allzu sehr bewusst, dass der Erfolg dieses Buches nicht allein meiner Erfindungsgabe und Gestaltungsgabe zu verdanken ist, sondern dem wirklichen Menschen, dessen Geschichte ich erzähle.“ Sie bringt dem Publikum im Saal – das sind die anderen fünf Autoren, die sich eben noch auf den Deutschen Buchpreis Hoffnung machen konnten, das sind die Jurymitglieder und ein paar Verlagsleute – und den Zuschauern des Livestreams in knappen Sätzen einen Abriss jener Biografie.

„Ich wollte der Geschichte einen Rhythmus geben, einen besonderen Blick werfen.“ Von einer Episode spricht sie ausführlicher, und zwar, wie Anne Beaumanoir im von Deutschen besetzten Paris zwei jüdischen Jugendlichen das Leben rettete. Hier sei jedoch nicht zitiert, wie Anne Weber spricht, sondern wie sie schreibt. Nach längerem Hin und Her entscheidet der Vater, dem Beaumanoir die Flucht angeboten hatte, ihr wenigstens seine Kinder mitzugeben. „Die Tür hat sich hinter den dreien längst geschlossen,/ da steht er noch und möchte weinen weinen weinen,/ und wir, wir stehen in der fernen Zeit und stehen/ und finden keinen Satz und keinen Vers und keine/ Zeile, die etwas andres möchte als zu stehen mit ihm/ und zu weinen.“

Der Preis mit der größten Strahlkraft

Als Preisgeld erhält Anne Weber 25.000 Euro, die anderen Kandidaten der Shortlist bekommen je 2500 Euro. Der Deutsche Buchpreis ist erfahrungsgemäß die literarische Auszeichnung mit der größten Strahlkraft auf das Lesepublikum. Deshalb seien hier die anderen noch einmal genannt: Bov Bjerg mit „Serpentinen“, Thomas Hettches „Herzfaden“, Dorothee Elmiger mit „Aus der Zuckerfabrik“, Deniz Ohdes „Streulicht“ und schließlich „Die Dame mit der bemalten Hand“ von Christine Wunnicke.

Anne Weber ist eine großartige Erzählerin, die immer wieder neue Formen für neue Themen sucht, deren Prosa in ihrem Ausdrucks- und Bilderreichtum oft nah an der Lyrik ist. Nach ihrem Heldinnenepos warten auf diejenigen, die Weber jetzt erst entdecken, noch große Lesefreuden etwa im „Tal der Herrlichkeiten“ oder mit „Ahnen. Ein Zeitreisetagebuch“.  Anne Weber schreibt ihre Romane und Erzählungen sowohl auf Deutsch als auch auf Französisch, und sie übersetzt etwa Sibylle Lewitscharoff, Birgit Vanderbeke, Wilhelm Genazino ins Französische, so wie sie die französischen Autoren Pierre Michon, Marguerite Duras und Cécile Wajsbrot deutschen Lesern zugänglich gemacht hat.