Der Dichter Marcel Beyer, 2016 wurde er mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. 
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Man könnte annehmen, Gedichte entstünden aus dem Inneren, in der eremitischen Klause des Ich. Nicht im Falle von Marcel Beyer. Damit ein Poem gelingt, muss er sich „fremdgeschrieben“ haben. Losgelöst vom eigenen Selbst, „generiere [ich] mich heute // halb Honig, halb Einbauschrank“ zu sein. Für die Sätze des Poeten gilt: Everything goes. Und so fließt die Sprache unentwegt, schlägt Volten, dringt in entlegene Bildbereiche vor. „Ein paar finstere // Manuskriptseiten weiter wimmert / das Holz, wimmert Gestein.“

Was der 1965 geborene Büchner-Preisträger mit seinem neuen Band „Dämonenräumdienst“ präsentiert, ist eine unstete Dichtung. Wir wechseln zwischen der realen und der „Märchenwelt“ und denken uns von einem Raum in den nächsten – geleitet von einem grenzenlos befähigten Textsubjekt. Denn „der / Dichter schläft als Hoch- / und Mittel- und Niederwild im Nebenkeller“. Kurzum: Er kann im lyrischen Text alles sein und werden. Beyers Lyrik verhandelt daher die Möglichkeitsvielfalt poetischen Schreibens selbst. Seine Entwürfe streben dabei nicht nach Vertiefung, sondern nach der Vermehrung von Perspektiven.

Nicht zuletzt aus diesem Grund finden sich in seinen Miniaturen immer wieder nicht zusammengehörige Begriffe. Wenn der Dichter etwa von Natur schreibt und sich als Reh definiert, so befindet er sich im „Innendienst“. Romantik trifft also auf Bürokratie. Gerade Letztere inszeniert Beyer auf ironische Weise als Produktionsmaschine für unbekanntes Vokabular. Von „Schlampenstempel“ bis zum „Vorfahrengummistimmenecho“ reichen die vielen Komposita, die stellenweise durchaus Lesevergnügen bereiten. Eine Beschränkung legt sich der künstlerische Freigeist allerdings durch das rigide Design auf. Jeder noch so dynamische Text besteht aus exakt zehn Quartetten.

Ästhetisch mag das Ringen mit der Form zweifelsohne überzeugen. Aber genügt dieses Spiel? Kann man sich mit der Selbstreflexion des Dichtens abfinden? Woran es Beyers neuem Buch mangelt, ist schlichtweg Bedeutsamkeit. Zu viele Sujets werden gestreift. Wenn ein Text vom „Gastropop“ zur „Schulter“, die ein „Facettenauge“ sein soll, ferner zum „Gospelhase[n]“ und dem „Kommando Backenbart“ springt, stellt sich der Eindruck einer beliebigen Aneinanderreihung neuer Wortkreationen ein.

Die hübsche Sprachakrobatik vermag jedoch nicht über die thematische Leerstelle des Bandes hinwegzutäuschen. Die Poeme rufen keinen innerlichen Widerhall bei den Lesern hervor. Kaum hat man die Seiten gewendet, sind die meisten von ihnen wieder vergessen. Verse, die haften bleiben – darin besteht die Wirkmacht dichterischer Präzision. Das Fließen der Sprache in „Dämomenräumdienst“ birgt hingegen einen traurigen Nebeneffekt, nämlich die Verflüchtigung.

Marcel Beyer: Dämonenräumdienst. Suhrkamp, Berlin 2020. 173 S., 23 Euro.