Paul Celan im Alter von 18 Jahren (Passfoto, 1938).
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BerlinVermutlich am 20. April vor fünfzig Jahren hat sich Paul Celan in Paris in die Seine gestürzt, sein Leichnam wurde am 1. Mai 1970 geborgen. Doch nicht nur an seine Todesumstände knüpfen sich Rätsel. Paul Celan, am 23. November 1920 als Paul Antschel in Czernowitz in der Bukowina geboren, ist zwar von Bedeutsamkeit umwispert, doch sein Werk nicht wirklich bekannt. Sein Name, von ihm selbst geschaffen aus den Silben der rumänischen Variante des Familiennamens Ancel, ist heute ein Begriff wie ein Denkmal – als bedeutend anwesend, wenig beachtet. Seine Wendung „der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ übersteigt noch die Berühmtheit des Gedichts, aus dem sie stammt: „Todesfuge“.

Das mag zu den Beweggründen des Literaturwissenschaftlers Thomas Sparr gehört haben, diesem Gedicht ein ganzes Buch zu widmen. Das nennt er im Untertitel, als würde er über ein Lebewesen schreiben: „Biografie eines Gedichts“. Sparr untersucht die Herkunft aus der Lektüre des jungen Paul in Czernowitz. Er betrachtet die Bilder und deren Verwandte – etwa die „schwarze Milch“, wie sie schon bei der ebenfalls aus Czernowitz stammenden Rose Ausländer vorkommt. Sie war darüber nicht böse, sagte sogar, er habe ihre Metapher erst „zur höchsten dichterischen Aussage erhoben“. So beginnt die „Todesfuge“: „Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends/ wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts/ wir trinken und trinken/ wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng“.

„In den Lüften da liegt man nicht eng“

Paul Celan schrieb das Gedicht unter dem Eindruck der Vernichtung der europäischen Juden, im Wissen um die Ermordung seiner Eltern. Als die deutsche Wehrmacht im Juli 1941 in Czernowitz einmarschierte, wurden die Juden in ein Ghetto getrieben, Leo und Friederike Antschel mussten im Jahr darauf in ein Lager in der besetzten Ukraine, wo der Vater an Typhus starb, die Mutter durch einen Genickschuss getötet wurde. Er selbst überlebte andernorts im Arbeitsdienst. Als das Gedicht 1944 entstand, wusste sein Autor von den Massengräbern und den Gruben, die Juden vor ihrer Erschießung selbst ausheben mussten: „In den Lüften da liegt man nicht eng“.

Gedruckt wird es erstmals 1947 in rumänischer Übersetzung, als Celan in Bukarest wohnt. Er geht dann  nach Wien, wo er sein erstes Buch nach Erscheinen wegen fehlerhaften Drucks einstampfen lässt, reist weiter nach Paris, wo er studiert und bleiben wird. 1952 erscheint die „Todesfuge“ in einem Band, der bleiben wird, „Mohn und Gedächtnis“ bei der DVA – wo jetzt Sparrs „Biografie“ herauskam.

Galiani Verlag
Helmut Böttiger

Celans Zerrissenheit.
Ein jüdischer Dichter und der deutsche Geist.
Galiani, Berlin 2020.
210 S., 20 Euro

Im Jahr 1952 setzt auch ein anderes Buch ein, das mehreren Rätseln um den Dichter auf den Grund geht. Helmut Böttiger erklärt „Celans Zerrissenheit“, so der Titel, aus dem historischen Umfeld und mit der großen Verletzlichkeit dieses Mannes. Im Mai 1952 hatte Paul Celan seine erste (halb)öffentliche Lesung in der Bundesrepublik Deutschland. Auf Einladung der Gruppe 47 las er die „Todesfuge“ und stieß auf ein geteiltes Publikum. Diese Teilung sollte bleiben. Zwar entwickelt er zu eher linken Autoren wie Heinrich Böll und Günter Grass zeitweilig eine Freundschaft, bleibt aber ihnen gegenüber misstrauisch. Seit Ende der Fünfzigerjahre setzte er, so Helmut Böttiger, den „Philosemitismus“ oft mit dem Antisemitismus gleich, fand „ihn sogar gelegentlich noch schlimmer“.

Die Rezeption des Gedichts, dem Thomas Sparr ein ganzes Buch widmet, um recht eigentlich Celans Lebensgeschichte zu erzählen, bildet bei Böttiger den Ausgangspunkt des Celan’schen Dilemmas. Gerade an der „Todesfuge“ werde das „Schwierige, Widersprüchliche am öffentlichen Umgang mit Paul Celan“ deutlich. Obwohl die Ermordung der Juden darin eingeschrieben ist, bot es Anlass, sich „durch die suggestive rhythmisierte Sprache“ und die scharfen Bilder auf die „Schönheit“ zurückzuziehen.

Foto: DVA
Thomas Sparr

Todesfuge. Biografie eines Gedichts. Paul Celan 1920-1970
Mit zahlreichen Abbildungen und Faksimiles. DVA, München  2020. 336 S., 22 Euro

Der Verlag Galiani Berlin nennt „Celans Zerrissenheit“ auf dem Umschlag ein „explosives Buch“. Da steckt viel Enthusiasmus für Literaturwissenschaft drin. Auf jeden Fall ist es mitreißend geschrieben und im Detail von großer Plausibilität. Böttiger sortiert die Widersprüche Celans, die mit seinem Judentum beginnen, das der Vater streng auslegt, er selbst aber freier begreift. Sie setzten sich in der Jugend mit dem Bildungsvorsprung durch frühes Lesen fort. Sie sind auch offensichtlich, wenn man seinen Ehebriefwechsel neben seine Affären stellt. Auch wird er von den einen als wortkarger Mensch erlebt, von anderen als ausgelassen feiernd.

Der erste Satz Böttigers lautet: „Paul Celan war ein Dichter und kein Heiliger.“ Er lässt erkennen, dass die pauschale Verehrung es Kritikern und Lesern ersparte, sich mit den Gründen für die Düsternis des deutschen Dichters ohne Heimat zu beschäftigen. Er versucht die Hingezogenheit Celans zu Martin Heidegger zu verstehen. Seine Vorstellungskraft scheitert an Celans Freundschaft zu dem als Nazi im Zweiten Weltkrieg verstrickten Schriftsteller Rolf Schroers. Für Böttiger mutet dieses Kapitel „am unheimlichsten“ an. „Celan war einem bestimmten ,deutschen Geist’ gegenüber weit weniger empfindlich als seine ihm politisch eigentlich entsprechenden bundesdeutschen Generationskollegen“.

Liebesgedicht für Ingeborg Bachmann

Zum Dilemma Celans gehörte neben seiner depressiven Erkrankung, die ihm mit paranoiden Schüben zusetzte, sein Bedürfnis nach Zuspruch. Das lässt sich wie eine offene Wunde verstehen, die immer gestillt werden musste.  

Vor fast hundert Jahren, am 23. November 1920, ist Paul Celan geboren, vor fünfzig Jahren ist er gestorben. Seine Gedichte zu lesen, ist ein irritierendes und bewegendes Erlebnis. Ist es möglich, sie aufzunehmen, ohne um seine Herkunft zu wissen? Vielleicht die Liebesgedichte. Verführerisch klingt jenes, das seine Beziehung zur Dichterkollegin Ingeborg Bachmann zum Beispiel so fasst: „wir sagen uns Dunkles,/ wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis“. Es heißt „Corona“.