BerlinGedruckte Nachschlagewerke sind Auslaufmodelle, so auch die Gewinnmaschine namens Duden, die seit 2009 vom Verlagskonzern Cornelsen betrieben wird. Zukunftsweisende Veränderungen finden deshalb in den Online-Ausgaben statt. Genau dort beginnt nun die „geschlechtersensible Überarbeitung“ des Dudens. Wie schon länger sachte vorbereitet, verkommt das einst maßgebliche Regelwerk langsam aber sicher zur Plattform für Sprachwillkür.

Da liest man etwa zum Wort Schüler: „Junge, Jugendlicher, der eine Schule besucht.“ Demnach hat eine Schule nicht mehr soundso viele Schüler, sondern soundso viele Schülerinnen und Schüler. Zum Begriff „Schülerin“ folgt dann dieser „Besondere Hinweis“: „Um gehäuftes Auftreten der Doppelform Schülerinnen und Schüler zu vermeiden, können die Ausweichformen Schülerschaft oder Lernende gewählt werden.“ Würde ich diesen Sprachquark mitmachen, dann müsste ich zum Beispiel Sätze wie diese bilden: „Jüdinnen und Juden sind in Deutschland zunehmendem Antisemitismus ausgesetzt. Deshalb haben sich Initiativen der Judenschaft gebildet, um die Angriffe auf sich und ihre Mitbekennenden abzuwehren.“ Grausam. Die „toten Radfahrenden“ zählen zu den beliebtesten Stilblüten des rot-rot-grünen Berliner Senats. Merke: Das Partizip I bezeichnet – auch in substantivierter Form! – ein Tun, das gerade ausgeübt wird. Ein Radfahrender kann weder im Sarg liegen noch in der Kneipe hocken. Allerdings kann ein schwer verletzter Radfahrer ein Sterbender sein.

Wem die hier nur sparsam angedeuteten, ideologisch motivierten Verkehrtheiten nicht gefallen, der greife statt zum Duden zum digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache (www.dwds.de) der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

Nun zur Geschichte. Vor genau 150 Jahren wurde das Deutsche Reich gegründet. Anschließend vereinheitlichte die Regierung im Sauseschritt die Eisenbahnen der deutschen Teilstaaten, die Post, die Währungen, die Zivil- und Strafgesetze und vieles mehr. Weil die staatlich geeinigten Deutschen in vielerlei Mundarten redeten, herrschte auch in der Rechtschreibung blankes Durcheinander. Deshalb begann Konrad Duden, damals Direktor des Gymnasiums im ostthüringischen Schleiz, 1871 damit, ein Wörterbuch zu schaffen. Nach der von ihm entscheidend mitgeprägten Konferenz „zur Herstellung größerer Einigung in der deutschen Rechtschreibung“, die 1876 tagte, erschien 1880 erstmalig sein „Vollständiges Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache“.

Zu Dudens wichtigsten Motiven gehörte die sprachliche Ertüchtigung der damals vielen Kinder bildungsferner Schichten. Sein Werk hatte 140 Jahre lang Bestand. Meist beschränkte sich die Duden-Redaktion darauf, den sich fortwährend verändernden Sprachgebrauch verzögert, nicht empfehlend aufzunehmen. In der Nazizeit hatte sich der Duden 1937 nur mäßig angepasst. So lesen wir „arisch-rassenpolitisch im Gegensatz zur semitischen [jüdischen] Rasse“ und „Versailler Friedensvertrag“, nicht Friedensdiktat.

Weil sich der Duden nun – nach 140 Jahren - identitären Obsessionen relativ kleiner Gruppen unterwirft, büßt er jede Verbindlichkeit ein – er schafft sich selber ab. Ich gehe jedenfalls weiterhin zum Bäcker – nicht zum Backshop, zur Backenden oder zur Bäcker*in.