Der Schrecken der Marion Crane: Ob kaltes Wasser die Schauspielerin Janet Leigh so infernalisch schreien ließ? 
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BerlinSeit der Premiere vor 60 Jahren, am 16. Juni 1960, gehört Alfred Hitchcocks Thriller „Psycho“ zu den Meisterwerken des Genres, die visuelle Umsetzung der Duschszene mit beängstigenden Schatten und todbringender Klinge sorgt bis heute für anhaltende Gruselschauer. Nachahmer und Parodisten wie der Horrorspezialist John Carpenter oder die Simpsons-Macher um Matt Groening fühlen sich von dem Thriller gleichermaßen inspiriert.

Das Werk hat eine wegweisende Stellung in der Geschichte Hollywoods, denn danach wurden die Zensurvorschriften gelockert und die Filmbranche enttabuisiert. Motive, Figuren und Zitate aus Psycho, wie etwa das neben dem flachen Motel leicht erhöht stehende viktorianische Haus, der Name Norman Bates – gespielt von Anthony Perkins – und dessen Zitat „Der beste Freund eines Mannes ist seine Mutter“ sind in unserer Wahrnehmung des Kinos fest verankert.

Unheimlich ödipal ... Der von Anthony Perkins gespielte Norman Bates weiß: „Der beste Freund eines Mannes ist seine Mutter.“
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Die junge Hauptdarstellerin Marion Crane (Janet Leigh) versucht, 40.000 Dollar zu stehlen, um die Ex-Frau ihres Freundes zu bezahlen und ein neues Leben in Kalifornien zu beginnen. Als sie im Bates Motel landet, das Norman und seiner Mutter gehört, nimmt die Geschichte eine schreckliche Wendung. Es liegt an Cranes Schwester und ihrem Freund, das Rätsel zu lösen, ohne das gleiche Schicksal zu erleiden.

Die Dreharbeiten für die berühmte Szene unter der Dusche, im Film nur drei Minuten lang, nahmen sechs Tage in Anspruch. Sie besteht aus 78 verschiedenen Kameraeinstellungen und enthält 52 Schnitte. Obwohl Nacktheit in den schnellen Schnitten impliziert ist, ist keine zu sehen. Die meisten Einstellungen sind Großaufnahmen von Janet Leigh als Marion Crane, der Hand von Norman Bates und dem Duschkopf. Dieser war tatsächlich ein Modell von fast zwei Metern Durchmesser, so konnten die Wasserstrahlen an der Kamera vorbei gerichtet werden.

Leigh trug beim Dreh einen Badeanzug aus Moleskin (einem schweren Baumwollstoff), allerdings wurde sie bei Nahaufnahmen von dem Las-Vegas-Showgirl und Playboy-Bunny Marli Renfro gedoubelt. Perkins befand sich zu jener Zeit zu Vorbereitungen auf ein Theaterstück in New York. Der Film musste für Hollywoodverhältnisse mit geringem Budget auskommen, da die Paramount-Studios ihn wegen Querelen mit Hitchcock nicht finanzieren wollten. So investierte der Regisseur über seine Produktionsfirma Shamley Productions eigene 800.000 Dollar und filmte in Schwarz-weiß. Ein genialer Schachzug.

Anstelle des üblichen Kunstbluts verwendete er zum Beispiel Schokoladensirup der Marke Bosco, der in Schwarz-weiß realistischer wirkte. Das Geräusch der Messereinstiche wurde mithilfe einer türkischen Wassermelone erzeugt. Die letzte Einstellung, als Marions lebloser Körper am Boden liegt, musste immer wieder wiederholt werden, da Janet Leigh stets Wasser ins Auge bekam und blinzelte.

Im Laufe der Jahre bildeten sich zahlreiche Mythen und Anekdoten über die legendäre Szene. Beispielsweise wurde behauptet, Hitchcock habe plötzlich eiskaltes Wasser laufen lassen, um Leighs Schrei möglichst realistisch klingen zu lassen. Ein anderes Gerücht besagte, dass Leigh bis zum Dreh nichts vom Verlauf der Szene wusste und komplett unvorbereitet war. Bei der Abnahme des Films wies die Zensurbehörde die Szene mehrmals zurück und behauptete, eine Brustwarze erkannt zu haben. Hitchcock schickte den Film unverändert zurück und es gab keine weiteren Beanstandungen. In Norwegen und Singapur fiel das Gemetzel im Badezimmer dennoch den Zensoren zum Opfer.

Zur Promotion des Films absolvierte Hitchcock die meisten Werbeauftritte selbst. Denn er fürchtete, seine Schauspieler könnten das Ende des Films verraten. Deshalb gab es auch keine Testvorführungen, selbst Filmkritiker sahen „Psycho“ erst beim offiziellen Kinostart. Der Inhalt einer der letzen Filmszenen, als Normans Mutter mumifiziert im Keller sitzt, wurde sogar vor der Crew und den Darstellern geheim gehalten. Der exzentrische Regisseur platzierte am Set einen Stuhl mit der Aufschrift „Mrs. Bates“, um eine tatsächliche Rollenbesetzung vorzugaukeln.

Als Vorlage des Films „Psycho“ diente der gleichnamige Roman von Robert Bloch, die Rechte bekam Hitchcock für nur 9000 Dollar. Um das Ende der Geschichte geheim zu halten, kaufte der Regisseur so viele Buchexemplare wie möglich auf. Die Filmmusik schrieb Bernhard Herrmann. Hitchcock war von den Streicherstücken mit Gänsehautfeeling so begeistert, dass er Herrmanns Gage verdoppelte.

Der Meister: Alfred Hitchcock auf Werbetour mit seinen Protagonisten Anthony Perkins und Janet Leigh.
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Der Erfolg von „Psycho“ brachte Hitchcock eine Menge Geld – der Film spielte rund 50 Millionen Dollar ein. Auch wenn die katholische Kirche ein Verbot forderte und Psychiater vor einem Kinobesuch warnten. Da der Regisseur anstelle einer Gage am Gewinn beteiligt war, verdiente er 15 Millionen Dollar, was auf heute umgerechnet mehr als 100 Millionen wären. Die Darsteller bekam er für ein Schnäppchen: Leigh akzeptierte die Rolle für ein Viertel ihrer damals üblichen Bezahlung von 100.000 Dollar, Perkins erhielt 40.000.

Die Neuverfilmungen „Psycho II“ bis „IV“ aus den Jahren 1983, 1986 und 1991, in denen Perkins wieder die Rolle des Norman Bates übernahm und beim dritten Teil sogar Regie führte, reichten nie an das Original heran. Die von 2013 bis 2017 gezeigte amerikanische Thriller-Fernsehserie „Bates Motel“ gab vor, die Vorgeschichte von „Psycho“ zu erzählen: In fünf Staffeln mit 50 Episoden griff die Handlung jedoch lediglich dessen möglichen Motive auf und wurde in die heutige Zeit versetzt.

Der Mord unter der Dusche in „Psycho“ eröffnete eine neue Epoche. Der Horror bei Hitchcock entwickelte sich nicht über die physischen Manifestationen unserer schlimmsten Albträume wie in „Frankenstein“ oder „Godzilla“, sondern er nistete sich in unseren Gedanken ein. Zudem kam das Eindringen in die Privatsphäre unter der Dusche einem Tabubruch gleich. Und weckte tiefsitzende Ängste: Hitchcock zeigte seinem Publikum, dass es nirgendwo sicher war.

Nach dem Überschreiten gängiger Konventionen konnte alles passieren. Der britische Filmkritiker David Thomson stellte in seinem 2009 erschienenen Buch „The Moment of Psycho: How Alfred Hitchcock Taught America to Love Murder“ fest: „Die meisten Filme der 1950er-Jahre sind geheime Werbung für die amerikanische Lebensweise. ,Psycho‘ ist eine Warnung vor deren Lügen und Grenzen.“