Papst Franziskus (l.) leitet die Ostermesse im fast leeren Petersdom.
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VatikanstadtWer wissen will, warum die Katholische Kirche seit fast zweitausend Jahren als Anker im Strudel der Zeiten erscheint, trotz immer neuer und schwerer Krisen und Verfehlungen ihrer Mitarbeiter weltweit Millionen von Menschen begeistert, musste nur am Karfreitag, Ostersamstag oder Ostersonntag die Messen des Papstes aus Rom live oder nun im Podcast ansehen, die Liturgie und die Predigten wenigstens medial erleben. 

Übertragen wurden sie von Radio Vatikan, der als staatlicher Sender der Kirche auch das exklusive Recht hat, die Bilder zu produzieren. Sie sind bis in die kleinste Handbewegung durchchoreographiert, jeder Satz hat eine Bedeutung, jede Dekoration, jede Handlung der beteiligten Personen. Und doch: In diesem Jahr erschien diese Liturgie oft bis in kleinste Detail vollkommen neu. Das ist wesentlich Papst Franziskus zu verdanken, der sich zur Empörung so mancher Konservativer entschied, dem Rat der Wissenschaftler zu folgen und die Gemeinde bis auf wenige Menschen auszuschließen Selbst der Segen Urbi et Orbi wurde vor dem Petersgrab erteilt, mit Blick in die gigantische, leere, sonst 20.000 Menschen leicht fassende Peterskirche – und eben nicht auf dem weiten Petersplatz.

Bilder, die das Erinnern an die Corona-Zeit prägen werden

Dass einige der Bilder, die künftig das Erinnern an die Corona-Zeit prägen werden, aus Rom kamen, darf als sicher gelten: Papst Franziskus, wie er einsam über den Petersplatz ging, um die Stadt und die Welt, Urbi et Orbi, in einem kirchenhistorisch einmaligen Akt außerhalb der Reihe dem Schutz Gottes anzuvertrauen. Franziskus, der ein Kruzifixus aus dem 14. Jahrhundert bittend umarmt – 1522 wurde es zur großen Pest durch die Stadt getragen, beendete die Krankheit angeblich nach sechs Wochen des Wütens. Seine Wallfahrt durch die menschenleeren Straßen Roms zu jener Marienikone in Santa Maria Maggiore, die der Legende nach seit mehr als 1500 Jahren Schützerin des Volkes von Rom ist, „Salus populi Romani“.

Beide, das Kruzifixus und die Ikone, wurden nun für das Osterwochenende in die Peterskirche gebracht, der eine über dem Altar aufgerichtet, die andere, hinter ihren dicken Sicherheitsgläsern wohl verwahrt – das Zedernholz, auf dem sie gemalt ist, verträgt Transporte eigentlich nicht – neben dem Altar. Immer wieder fing die Kamera diese Trias ein: Der kleine Papst im weißen Gewand, die schmerzzerrissene Skulptur des gekreuzigten Jesus, die aus dem späten 14. Jahrhundert stammt, in dem man sich wahrlich auskannte mit öffentlichen Foltern und Hinrichtungen, diese Erfahrung auch mit geradezu perverser Lust in Kunst umsetzte. Und daneben die hoheitliche, das segnende Jesuskind auf dem Knie haltend der Gemeinde präsentierende, trotzdem intime uralte Marienikone.

Sie gilt als eines jener Bilder, die der Heilige Evangelist Lukas von Maria gemalt haben soll, während sie ihm – er lebte etwa zwei Generationen nach Jesus – vom Leben und Sterben ihres Sohnes erzählte. Die Legende verbindet diese Ikone mit jener, die Papst Gregor 593 durch Rom tragen ließ, um eine Pestepidemie zu beenden, auch Material- und Stilanalysen sprechen dafür, dass sie spätantiken Ursprungs ist. Sicher jedenfalls wurde eine Ikone dieses Typs seit dem 8. Jahrhundert hoch verehrt, sie hing über der Tür zum Baptisterium von Santa Maria Maggiore, um die Täuflinge gut zu geleiten. 1240 verehrte man sie als „Königin des Himmels“, seit dieser Zeit umfing sie ein Aufbau aus Marmor. 1571 betete Papst Pius V. vor ihr, um den vereinigten Truppen der katholischen Christenheit den Sieg über die osmanische Flotte zu geben – die Schlacht von Lepanto wurde tatsächlich zu einem Wendepunkt des scheinbar unaufhaltsamen Aufstiegs des Osmanischen Reichs. Immer wieder wurde diese Ikone zum Ziel von Bittwallfahrten, etwa 1837, als Papst Gregor XVI. für das Ende der Choleraepidemie betete – und sie ist das Vorbild für jenes Bildnis, das Johannes Paul II. dem Weltjugendtag übergab.

Ein außergewöhnlicher Politiker, der sich um keine Regeln kümmert

Diese beiden Kunstwerke während der Karfreitags- und Ostermessen zu zeigen, demonstrierte genau wie die Predigten, die immer wieder zum Mitgefühl zur Hilfe aufforderten und voller Dankbarkeit waren für alle diejenigen, die derzeit im Dienst anderer arbeiten, dreierlei: Der Papst ist auch sich um seine Gemeinde sorgender Bischof von Rom. Deswegen erschienen diese Gottesdienste, stark verkürzt in der Liturgie, oft trotz der unglaublich prachtvollen Umgebung wie jene, die weltweit in noch der kleinsten Dorfgemeinde gefeiert wird. Die Katholische Kirche zehrt auch in dieser Krise von einer wohl einzigartigen Erfahrung in der psychologischen und spirituellen Bewältigung von gemeinschaftlichen Katastrophen.

Und dieser oft als „schwach“ bezeichnete Papst ist tatsächlich ein außergewöhnlicher Politiker – auch deswegen, weil er sich um keine Regeln kümmert, den Segen dann erteilt, wenn er nötig ist, die Weltkirche zur Stadtgemeinde machen kann Auch wenn man seine Position zur Abtreibung nicht unbedingt teilen mag: In einem Ostergottesdienst die so oft verachtete Europäische Union ausdrücklich zu loben als Instrument der Friedensbewahrung und der Hilfe für die Armen – das hätte man gerne auch vom Bundespräsidenten oder der Bundeskanzlerin gehört. Ebenso den Ruf nach einem „sofortigen, weltweiten Waffenstillstand“ in Afrika, Asien, Palästina, in der Ost-Ukraine und die Aufhebung von lebensgefährdenden Sanktionen. Ein einziartiges Osterwochenende.