Der Schriftsteller Maxim Biller.
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BerlinFast jeder, der schreibt, kennt ihn: den Maxim-Biller-Effekt. Man tippt einen Satz in den Laptop und sieht sich plötzlich schamesrot mit der quälenden Frage konfrontiert: Was würde Maxim Biller dazu sagen? 

Diese Frage, dieser Maxim-Biller-Effekt zwingt jeden Schreibenden dazu, sich mit der eigenen Kleingeistigkeit, dem Hang zum Verwirrten und Zu-kurz-Gedachten radikal auseinanderzusetzen. Immer wieder stelle ich mir vor, wie Maxim Biller meine Texte liest. Wie er den Kopf schüttelt, tief Luft holt und mit scharfen, polemischen, in ihrer Kraft übertriebenen und in ihrer Aussage leider deprimierend zutreffenden Sätzen all meine Banalitäten entblößt.

Aber darum geht es dem Schriftsteller und Essayisten ja, der zugleich wie Marcel Reich-Ranicki immer Außenseiter des Literaturbetriebs geblieben ist: um die Suche nach Wahrheit, um das Schütteln und Rütteln an Deutschland, mit dem Biller eine hochkomplexe Hassliebe verbindet.

Faschismus als spießiger Egotrip

In seinen übertriebenen Urteilen, in seinen Romanen, Essays, Zeitungsartikeln und Polemiken enttarnt der 1960 in Prag geborene und 1970 nach Westdeutschland ausgewanderte jüdische Schriftsteller die Kleinkariertheit des Deutschen. Ohne sich im Einzelfall unnötig mit dem Streben nach Gerechtigkeit aufzuhalten, trifft er den deutschen Phänotypus in seinem Wesenskern. „Man sieht sich als Deutscher eben von vornherein im Nachteil, und das verleiht diesem Volk zum einen eine Menge wirtschaftlicher und militärischer Energie.“ Faschismus, so Biller weiter, sei eine Erfindung des deutschen Neidbürgers, ein spießiger, konsumistischer Egotrip.

Die Instanz Maxim Biller, der große Schriftsteller, Essayist und Erfinder des Maxim-Biller-Effekts, wird heute 60 Jahre alt. Wir gehen unseren Text noch einmal durch, mit eingezogenem Kopf vor dem potenziellen Biller-Urteil, und gratulieren ihm herzlich. 

Neueste Texte zu und von Maxim Biller:  Maxim Biller: „Sieben Versuche“, Kiepenheuer & Witsch, 368 S., 2020. / Maxim Biller: „Wer nichts glaubt, schreibt“ Essays über Deutschland und die Literatur, Reclam, 272 S, 2020. / Kai Sina (Hg.): „Im Kopf von Maxim Biller“ Essays zum Werk, Verlag Kiepenheuer & Witsch, 304 S., 2020.