Der Komponist John Luther Adams lebte lange in Alaska, wo er im Umweltschutz aktiv war.
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BerlinZur Zeit hat deutsche Musik das gleiche Verhältnis wie ein Manager: Sie muss möglichst effizient genutzt werden. Bachs Polyphonie möchte möglichst viele Sachen gleichzeitig erledigen, bei Beethoven wird komprimiert und zugleich expandiert, was das Zeug hält. Den entschiedensten Einspruch in Beethovens Einflussbereich formulierte Franz Schubert: Folglich ist er einer der wenigen traditionellen Referenzpunkte der beiden amerikanischen Komponisten, von denen hier die Rede sein soll. 

John Luther Adams lebte lange Zeit in Alaska und war als Umweltaktivist tätig. Er bekam 2014 den Pulitzer-Preis für ein Orchesterstück namens „Become Ocean“. Mithilfe des Titels mag man sich vorstellen, 40 Minuten lang unter der Meeresoberfläche willenlos mit den Strömungen umherzurollen. Es blubbert in der Tiefe los, baut darüber mild dissonante Akkorde auf, die sich zuweilen zu großen Wogen aufschaukeln. Es passiert eigentlich nichts, dennoch gibt es in der rigoros strukturierten Partitur keine zwei genau gleichen Takte – Natur eben. Avantgarde-Priester sprechen da schnell von Musiktapete und mokieren sich über die permanente Tonalität, und die Dreiklangsbrechungen in der Harfe erinnern wirklich zu stark an vertraute Wassermusiken.

John Luther Adams: Become Ocean

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Dennoch öffnet Luther Adams mit seiner mimetischen Anpassung an das, was er schildern will, im Verzicht auf die Subjektivierung ihres Sujets – auch hier eine Verneinung Beethovens, nämlich des „Pastorale“-Mottos „Mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei“ – ästhetisch interessantere Türen als der sozialkritisch durchgeprüfte Konzeptquatsch, der hierzulande produziert wird.

In ähnlicher Weise der Kategorie der Erhabenheit verpflichtet, im klanglichen Ergebnis allerdings viel interessanter, ist die Musik von Jay Schwartz. In Kalifornien geboren, fand Schwartz seinen eigenen Stil in Deutschland. Seine Musik ist geformt aus langsamen Glissandi, die zuweilen zu mikrotonalen Clustern gerinnen; so entstehen Landschaften, die sich mit geologischer Langsamkeit verschieben, aber auch gewaltig aufbrechen können: Dann steigen Dreiklänge mit Naturobertönen und vierteltönigen Schwebungen aus den geborstenen Erdkrusten wie Urweltwesen. Man mochte anfangs befürchten, dass Schwartz seine einmal gefundene Klangkonzeption lediglich auf verschiedene Besetzungen projiziert.

Jay Schwartz: Tonus - Music for Orchestra IV.

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Die im letzten Jahr in Stuttgart vorgestellte „Tonus - Music for orchestra VI“ für eine monumentale Besetzung aus je sechs Klarinetten, Hörnern und Posaunen sowie vier Trompeten und Streichern jedoch zeigt, wie vielfältig sich diese Poetik ausarbeiten lässt, zu welchen Überraschungen sie taugt und welche Räume dem Komponisten jenseits expressiver Ich-Bekenntnisse offen stehen.