Zum Glück nicht im Kostüm und mit Schnurrbart: Der Schauspieler Fabian Hinrichs auf den Spuren von Theodor Fontane.
Foto: RBB/Thomas Ernst

BerlinSeine „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ haben gerade im Jubiläumsjahr viele Fontane-Freunde ins Freie gelockt – doch ein „Wanderbuch“ waren seine Reiseberichte eigentlich nicht. Viel lieber reiste Fontane mit dem Zug oder der Kutsche. Der 100. Geburtstag hat auch Filmemacher angeregt. So brachte Bernhard Sallmann in diesem Jahr den vierten und letzten Teil seiner „Wanderungen“ in die Kinos und als DVD heraus – der aus Österreich stammende Neuköllner legte die Reihe als „Wanderfilme“ an.   

Nun zeigt der RBB seine Reisebilder Fontanes an drei Tagen hintereinander zur besten Sendezeit, zwar regional geordnet wie im Vorbild, aber nicht als beschauliche Rundreise. Dabei hat der Sender ja Erfahrungen mit entspannten Fortbewegungsmitteln, schickte Michael Kessler mit Esel, Rasenmäher oder Seifenkiste los. Diesmal aber hatte Johannes Unger die Idee, den wichtigsten Entstehungsort der „Wanderungen“ direkt an die Schauplätze zu verfrachten. Fontanes gewaltiger Schreibtisch mit den vielen Fächern für Tausende Blätter Notizen wurde für jede Folge an einem anderen Ort aufgebaut. Die Leihgabe aus dem Stadtmuseum Berlin ist zwar nicht das Original – das kam von der Auslagerung 1945 nicht zurück – aber ein originalgetreuer Nachbau.

Fabian Hinrichs moderiert, Nadja Uhl spricht

Der Schreibtisch wird zur wichtigsten Spielstätte für Fabian Hinrichs. Der aus Hamburg stammende Schauspieler, inzwischen nahe Potsdam ansässig, schätzt Fontane wegen dessen feiner Sprache, der ironischen Distanz und der Zuwendung zu den Menschen und taucht hier zum Glück nicht als Fontane mit Schnurrbart auf, sondern darf mit dem Autor, den Orten und den Zeiten spielen. Seine Aufgabe als „Presenter“ erledigt Hinrichs auf eine sehr angenehme Weise, mal charmant-spöttisch, mal ernsthaft-fragend.

Gegen eine Dummheit, die gerade in Mode ist, kommt keine Klugheit auf.

Theodor Fontane

„Die Entdeckung der Heimat“ verbindet überhaupt viele Elemente geschickt miteinander. Die Reihe besucht nicht nur Fontanes Orte und zeigt, was aus ihnen geworden ist. Moderator Fabian Hinrichs und Sprecherin Nadja Uhl erzählen auch den historischen Wandel während der Entstehungsjahre sowie die Biografie des Autors. Als der erste Band mit der „Grafschaft Ruppin“ 1861 erschien, arbeitete Theodor Fontane noch als wenig bekannter Reporter für stramm konservative Preußenblätter, bei Erscheinen des letzten Bandes „Fünf Schlösser“ fast dreißig Jahre später war er längst ein populärer Autor.

Unternehmer und Adelige

1873, als der dritte Band „Havelland“ herauskam, lag die Gründung des Deutschen Reiches unter Führung Preußens noch nicht lange zurück – Fabian Hinrichs tritt in einem Uniformrock an den Schreibtisch. Zeitgenössische Bilder von Militärparaden am Brandenburger Tor führen in die Folge ein. Autor Johannes Unger sieht Fontane in seinem Fünfteiler als „ersten modernen preußischen Touristen“, der auch als erster den Heimatbegriff in Worte gefasst habe, und fühlt sich dessen Philosophie verpflichtet: „Fontane schwärmte ja ursprünglich von einer Idylle, einem preußischen Märchen. Deshalb ist auch unsere Reihe eher positiv gefärbt und weich gezeichnet.“

Wie bei Fontane werden im RBB eine ganze Reihe tüchtiger Adliger und Unternehmer in ihren schick herausgeputzten Schlössern und Herrenhäusern vorgestellt – was ja nicht nur über Traditionen, sondern auch von den Brüchen des letzten Jahrhunderts erzählt. Denn all die Knesebecks und Hardenbergs waren nach dem Zweiten Weltkrieg enteignet worden und kehrten nach 1990 in ihre einstigen Stammhäuser zurück. Dass dies zu Reibungen und Spannungen führte, wird angedeutet: So bedauert die neue Chefin auf Schloss Kleßen im Havelland, dass sie die Distanz zu den Alteingesessenen nicht überwinden konnte.

Bilder des Zerfalls

Doch die Parade von Öko-Landgütern und „Hochzeits-Locations“ wird auch von Bildern des Verfalls unterbrochen: Durch das Schloss in Gentzrode bei Neuruppin wachsen die Bäume. Das marode Herrenhaus in Quitzöbel, eines der „Fünf Schlösser“ Fontanes, wird von einem kauzigen Einsiedler bewohnt, der manche Räume seit Jahren nicht betreten hat – und der kurz nach den Dreharbeiten stirbt. So wie sich Fontane immer mehr den einfachen Leuten zuwandte, so kommen hier auch die Märker zu Wort, die mühsam einen Imbiss oder eine Gaststätte unterhalten oder als Fischer im Stechlinsee ihre Traditionen fortführen. Dabei gelingen der Crew immer wieder tolle Bilder aus ihren Drohnenkameras – diese Möglichkeit hatte Fontane ja nicht! In der Folge aus dem Oderland wird nicht nur der Flusslauf aus der Luft gezeigt, sondern auch, wie bei Fontane, munter phantasiert. Im Werbellinsee lässt sich der RBB von Tauchern die Schiffswracks zeigen und webt gleich noch Fontanes Ballade von John Maynard auf dem Eriesee ein.

Das Dorf Letschin, in dem der junge Fontane seine Apothekerlehre absolvierte, verlegen sie hinter den Oderdeich – dabei stehen Fabian Hinrichs und Fontanes Schreibtisch gut erkennbar in Kienitz. Das Stadtmuseum Berlin verbindet mit dem Vorführen des Schreibtischs noch eine andere Hoffnung. Fontane-Expertin Bettina Machner träumt davon, dass ein Zuschauer den Fontane-Tisch wiedererkennen könnte, dessen Original womöglich seit 1945 in einer Werkstatt oder einem Stall seinen Dienst verrichtet.

Die Entdeckung der Heimat, 17.–19. 12., 20.15 Uhr im RBB, alle fünf Teile vorab in der RBB-Mediathek.