Als Michail Chodorkowski im Oktober 2003 von einer russischen Spezialeinheit verhaftet wurde, provozierte das heftige, gegensätzliche Reaktionen. Während in Westeuropa viele Stimmen die Verletzung der Menschenrechte geißelten, hieß es in Russland auch, dass einen Kriminellen endlich die verdiente Strafe ereile.

Chodorkowski, damals Chef des Mineralölkonzerns Yukos und einer der reichsten Männer der Welt, wurde wegen Steuerhinterziehung verurteilt, nach Verbüßung der mehrjährigen Haftstrafe jedoch nicht freigelassen, sondern erneut vor Gericht gestellt – wegen Auftragsmord. Interessant zu wissen ist in diesem Zusammenhang, dass sich der Oligarch mit Putin selbst angelegt hatte:

Er verlangte vom damaligen russischen Präsidenten vor Zeugen die Bekämpfung der Korruption und unterstützte die politische Opposition. Bei Yukos wollte er die Amerikaner als Investoren gewinnen. Und außerdem hatte er eine eigene Bildungsinitiative für die Jugend gegründet.

Gorbatschow und Jelzin protegierten Chodorkowski

Auf die Frage, ob nun neoliberales Kapitalistenschwein, Verbrecher oder Wohltäter, läuft es aber nicht hinaus in Cyril Tuschis Dokumentation „Der Fall Chodorkowski“. Man sollte sich diese Dokumentation nicht entgehen lassen – es ist einer der spannendsten Filme, die derzeit im Kino zu sehen sind: Porträt, Politthriller, Spurensuche und Gesellschaftsbild zugleich, dabei umweht von jenem Hauch Horror, der realen historischen Dramen zu eigen ist.

In unzähligen Facetten wird hier die schillernde Geschichte eines Mannes entwickelt, der ebenso Produkt von gesellschaftlichen Verhältnissen war, wie er diese später neu zu prägen suchte. Dabei erzählt Tuschi auch die Wandlungsgeschichte einer Elite. Einem Juden standen in der Sowjetunion keineswegs alle Möglichkeiten offen.

Chodorkowski studierte Chemie und war im sowjetischen Jugendverband aktiv. In den 1990ern gründete er mit Freunden aus Komsomol-Zeiten die erste Privatbank Russlands. Gorbatschow und Jelzin protegierten ihn. Wie wurde Chodorkowski so unermesslich reich, als in Russland alle arm waren, fragt der Film. Anfang der 2000er vollzog Chodorkowski dann einen Image-Wandel. Transparenz hieß nun das Gebot, mit dem Investoren gewonnen werden sollten und ein Staat, dem das Autokratische immanent ist, brüskiert wurde.

Gespräch zwischen den Verhandlungspausen

„Der Fall Chodorkowski“ ist das Werk eines Besessenen. Der kämpft mit der Materialfülle, hat aber ein sicheres Gespür für das Bild. Wie jene Animationssequenz, die Chodorkowski erst in Öl und dann in Geld schwimmend zeigt. Cyril Tuschi hat für den Film fünf Jahre recherchiert und Russisch gelernt.

Er ist in der Welt herumgereist, um auskunftsfähige Leute zu treffen: einstige Außen- und Wirtschaftsminister; Partner, Angestellte und Familienangehörige Chodorkowskis, die heute im Exil leben. Parteigänger des wohl prominentesten Häftlings Russlands kommen ebenso zu Wort wie Kritiker. Am Ende gelingt es dem Regisseur, seinen Protagonisten zu sprechen, in einer Moskauer Verhandlungspause.

Darüber hinaus gelingt ihm etwas weit Wichtigeres: sich selbst und den Zuschauer offen zu halten für Fragen. Die wichtigste davon ist die nach den Machtverhältnissen im Russland von heute.

Der Fall Chodorkowski Dtl. 2011. 111 Minuten, Farbe. FSK ab 12.