Die beste Szene in diesem Film über Wilhelm Reich kommt zum Schluss und besteht aus einem langsamen Kameraschwenk in einer tristen Gefängniszelle, der vollkommen überraschend den Blick auf eine paradiesische Landschaft freigibt. Hier wird zum ersten und einzigen Mal etwas von der untergründigen, wohl nur mit surrealen Mitteln darzustellenden Wahrheit sichtbar, um deren Entdeckung und Deutung sich die Psychoanalyse verdient gemacht hat, und die auch für Reich einen neuen Kontinent erschloss: die Erforschung der neurotischen Verfassung des Menschen infolge der fortwährenden Unterdrückung seines Trieblebens – tief in den unbewussten Regionen, in denen es wie in einem finsteren Bewusstseinskeller gehörig spukt.

Ja, das waren aufregende Zeiten, in denen Sigmund Freud im Wien der Jahrhundertwende eine vollkommen verrückte Idee in die Welt setzte, wonach der Mensch nicht Herr im eigenen Haus sei. Und nein, mit solchen Verrücktheiten beschäftigt sich Antonin Svobodas Film „Der Fall Wilhelm Reich“ eher nicht. Reich wird uns also nicht als Freud-Schüler vorgestellt, auch nicht als Erfinder der freudomarxistischen Kultur- und Faschismuskritik und schon gar nicht als sozial engagierter Arzt, der in Wien und später in Berlin Sexualberatungsstellen für Arbeiter betrieb, für eine proletarische Klientel also, an die sich die klassische – bürgerliche – Psychoanalyse sonst nicht richtete.

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